Ein Mann in einem Sessel mit seiner Frau
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Auf die Unterstützung anderer angewiesen: Wolfgang Jagusch braucht jeden Tag Hilfe beim Anlegen der Kompressionsstrümpfe. „Ich alleine ebenso wie meine Frau Barbara sind dazu nicht mehr in der Lage.“

Ambulanter Pflegenotstand im Landkreis Dachau

Eine Katastrophe für Pflegebedürftige

  • Verena Möckl
    VonVerena Möckl
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Wolfgang Jagusch, 79, ist verzweifelt: Der Pflegedienst ist insolvent, der ihn bisher betreute. Einen neuen zu finden, ist aber schwierig bis unmöglich.

Odelzhausen – Jeden Tag kommt eine Pflegekraft zu Wolfgang Jagusch nach Odelzhausen, die ihm seine Kompressionsstrümpfe wechselt. Jetzt steht der 79-Jährige allerdings vor einem Problem. Er braucht dringend einen neuen Pflegedienst, denn sein bisheriger, das „Pflegeteam mit Herz“ aus Erdweg, ist insolvent und stellt seine Arbeit ein – und das bereits am 21. Juli. Erfahren hat Jagusch davon allerdings erst Ende vergangener Woche. Dem pflegebedürftigen Senior läuft die Zeit ab.    

„Mir tut es in der Seele weh“, sagt die Geschäftsführerin des „Pflegeteams mit Herz“, Manuela Peuker. Das Gericht habe die Insolvenz „ohne Herz und Verstand“ beschlossen. Was mit ihren 300 Patienten passiere, interessiere keinen.

Markus Steiner: „Es kommt zu einem Kollaps sobald ein Pflegedienst quittiert“

Markus Steiner, Geschäftsleiter der mobilen Altenpflege Dachau und Erdweg spricht von einem „Kollaps, sobald ein Pflegedienst quittiert“. Dass es einen Pflegenotstand gibt, sei schon lange bekannt. Der Fokus habe, so Steiner, nur nie auf der Ambulanz gelegen, dabei sei da „schon lange Feuer unterm Dach“.

„Ich habe einen ganz dicken Hals“, schimpft Wolfgang Jagusch, der seit November 2019 den Pflegegrad II hat. Die Suche nach einem Pflegedienst sei für ihn „unmöglich“. Noch dazu innerhalb von zwei Wochen. Jagusch ist ratlos. Anfragen an seine Pflegekasse, die Gemeinde Odelzhausen und das Landratsamt blieben erfolglos. Also suchte er im Internet. Die Pflegedienste, die er dort gefunden hat, seien jedoch „nicht mehr existent“ – oder sagten ihm ab.

Eine Anlaufstelle, an die sich Betroffene wenden können, bietet auch das Landratsamt. Auf seiner Homepage ist eine Liste aller ambulanten Pflegedienste im Landkreis aufgeführt. Diese sei laut Landratsamtssprecherin Sina Török „auf dem neuesten Stand“. Die Nummer eines Pflegedienstes aus Pfaffenhofen an der Glonn ist allerdings beispielsweise nicht verfügbar.

„Zu weit weg“, „zu unrentabel“: Wolfgang Jagusch bekommt von den Pflegediensten eine Absage nach der anderen

Von den Pflegediensten, die im Landkreis auch real existieren, bekommt Jagusch jedoch eine Absage nach der anderen: „zu weit“, „es lohnt sich nicht“ seien die Antworten. „Es geht nur darum, Kilometer und Zeit zu sparen“, ärgert sich der Pflegebedürftige. „Für uns lohnt es sich finanziell nicht, wegen einer Verbandspflege oder drei Tabletten nach Odelzhausen zu fahren“, erklärt Silvia Jilge, Inhaberin der „Pflegeengel“ in Schwabhausen. „Es müsste sich um eine Grundpflege handeln, sonst ist es für mich nicht rentabel.“

Wolfgang Jagusch fühlt sich im Stich gelassen: „Die Pflegedienste interessiert es nicht, dass ich auf die Behandlung angewiesen bin.“ Der 79-Jährige benötigt keine Grundpflege. Er braucht Kompressionsstrümpfe. Diese müssen ihm auf medizinische Anordnung jeweils am Morgen und am Abend an- gelegt und wieder abgenommen werden. Zeitaufwand: sieben bis zehn Minuten.

Bei der Senioren- und Pflegebetreuung Home Instead aus Bergkirchen, die geografisch gesehen in Frage für den Odelzhauser käme, gibt es jedoch „keine Einsätze, die unter zwei Stunden dauern“, wie Mitarbeiterin Stefanie Gentzsch betont. Bei der Pflegestelle von Heike Kühn in Indersdorf sieht es für Wolfgang Jagusch ebenfalls schlecht aus. „Das ist nicht unser Gebiet“, erklärt die stellvertretende Geschäftsleiterin Steffi Allbrecht. Alle Touren seien voll besetzt, es fehle an Mitarbeitern.

Keine Kapazitäten - Für die Versorgung der Pflegebedürftigen eine Katastrophe

„Es ist eine Katastrophe, dass wir die Menschen nicht versorgen können“, findet Markus Steiner. Das Problem: kein Personal, keine Kapazitäten. „Eineinhalb Jahre haben wir eine Stelle ausgeschrieben, auf die es keine einzige Bewerbung gab“, berichtet Edeltraud Peter, Pflegedienstleiterin des Awo-Pflegedienstes in Altomünster.

Für Wolfgang Jagusch tickt die Uhr. Dem CSU-Landtagsabgeordneten Bernhard Seidenath zufolge müsse man das Problem tiefer anpacken. In Dachau sei daher ein Pflegestützpunkt in Planung. Den Vertrag dafür werde nächste Woche unterzeichnet. Bis der Pflegestützpunkt eingerichtet sei, könne sich Jagusch, wie Seidenath versprach, mit seinem Problem auch an den CSU-Politiker persönlich wenden: „Ich werde mich darum kümmern.“

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