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Hochinteressanter Blick zurück: Michael Lerchenberg mit dem Tubisten Florian Burgmayr.

Lesung „Pfarrer, Pfaffen und Pastoren“ mit Michael Lerchenberg in der Malztenne

Ludwig Thoma: Ein Autor voller Widersprüche

  • Claudia Schuri
    VonClaudia Schuri
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„Pfarrer, Pfaffen und Pastoren“ lautete der Titel einer Lesung mit Michael Lerchenberg in der  Odelzhauser Malztenne. Alles drehte sich um Ludwig Thoma  einem Autorvoller Widersprüche.

Odelzhausen – Vor Ludwig Thomas Beisetzung erkundigte sich der Pfarrer von Rottach-Egern zuerst beim Ordinariat, ob er den Toten überhaupt christlich beerdigen dürfe. Er durfte – doch die Nachfrage zeigt: Das Verhältnis von Thoma zur Kirche war kontrovers. Dieses Thema hat der Regisseur, Schauspieler, Drehbuchautor und Ex-Fastenprediger auf dem Nockherberg, Michael Lerchenberg, in seinem Buch „Von Scheinheiligen und Heiligen“ aufgegriffen. Jetzt kam er nach Odelzhausen in die Malztenne zu einer Lesung unter dem Motto „Pfarrer, Pfaffen und Pastoren“. Unterstützt wurde er dabei von Tubist Florian Burgmayr, der mit seinen Musikstücken zwischen den Texten die Lesung auflockerte.

„Ludwig Thoma war ein Mensch voller Widersprüche“, erklärte Lerchenberg. Pazifist, aber auch Kriegsverehrer, Patriot, aber auch Bismarck-Fan, linksliberal, aber auch reaktionär, antisemitisch, aber mit einer Jüdin liiert. Der Religion – und vor allem der Doppelmoral vieler Geistlicher Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts – stand er kritisch gegenüber.

Aus Thomas Gesamtwerk hatte Lerchenberg für sein Buch und für die Lesung in der Malztenne exemplarische Texte ausgewählt, die einen abwechslungsreichen Einblick in die Gesellschaft, Politik und Religiosität der damaligen Zeit boten. Die Politik der katholischen Zentrumspartei war genauso Thema wie die Bauernschläue der Landwirte im Dachauer Hinterland und die „verlogene Doppelmoral der Spießer und Philister“ sowie der „klerikalen Sittlichkeitsaposteln“ in der protestantischen Kirche. In der satirischen Wochenzeitung „Simplicissimus“ schrieb Thoma von der Himmelsschwelle, „wo kein Weg hinein uns führt, wenn man nicht den Pfarrer schmiert“. Und in den Lausbubengeschichten erzählte er von seinem Religionslehrer, mit dem er sich als Gymnasiast angelegt hatte.

Besonders oft zitierte Lerchenberg aus Thomas Roman „Andreas Vöst“. Thematisiert wird darin der Streit des Titelprotagonisten mit der Kirche. Dieser hat weitreichende Folgen für Vöst: Sein ungetauft gestorbener neugeborener Sohn darf als Heidenkind nicht auf dem Friedhof beerdigt werden. Als die Mutter auf dem Grab außerhalb des Gottesackers ein Kreuz aufstellt, zerbricht es der Pfarrer sofort. Die Mutter hätte „in ihrer Einfalt nicht bedacht, dass sie damit den lieben Gott beleidigt“, las Lerchenberger vor. Später bekommt Vösts Tochter ein uneheliches Kind – und der Geistliche besteht bei der Taufe auf den Namen Simplicius, mit dem das Kind für immer gebrandmarkt ist.

Als der Roman im Jahr 1978 verfilmt wurde, war Lerchenberg als Darsteller dabei. Damals stieß die Verfilmung auf viel Kritik. „Der Film wurde kaum beworben und wurde im zuschauerarmen Hochsommer unter der Woche um 21.45 Uhr gezeigt“, berichtete Lerchenberg.

Einige Szenen wurden im Dachauer Hinterland gedreht. Schauplatz einer Szene zum Beispiel war der Sulzemooser Friedhof. Auch der dortige Pfarrer wusste nicht Bescheid, was es mit den Dreharbeiten auf sich hatte. Am Ende war er verärgert: „Wenn i des gwusst hed, dass ihr den Vöst dreht, hed i eich ned in mei Kirch neiglassen“, soll er gesagt haben.

Lerchenberg gelang es, auch ernste oder eher theoretisch anmutende Texte mit einem Augenzwinkern und viel Humor vorzubringen. Mit seiner angenehmen Erzählstimme ließ er das Publikum abtauchen in längst vergangene Zeiten. 

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