Mann und Frau an Gerüst
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Hier finden Kinder ein Zuhause: In der Wiege in Odelzhausen werden behinderte Kinder betreut. Monika Barth leitet die Einrichtung, ihr Sohn Phillipp Barth unterstützt sie dabei. Das Heim wurde 1966 von Monika Barths Mutter Elisabeth Bitzer gegründet.

Schwere Zeiten für Kinder in der Pandemie

Ein liebevolles Zuhause in der Wiege: Wie Corona den Alltag der Kinder durcheinanderbringt

  • Claudia Schuri
    vonClaudia Schuri
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In der Wiege in Odelzhausen finden Kinder mit Handicap ein liebevolles Zuhause. Doch die Einrichtung hat auch mit Problemen zu kämpfen. Der Fachkräftemangel macht ihr zu schaffen – und die Corona-Pandemie hat den Alltag ganz schön durcheinandergebracht.

Odelzhausen – Niklas lernt jetzt Englisch. Er hat extra ein Heft dafür angelegt, in dem er sich Wörter und wichtige Sätze notiert. Was für andere Jugendliche in seinem Alter normal ist, ist für den 14-Jährigen etwas ganz besonderes. Er hat eine geistige Behinderung und lebt in der Wiege in Odelzhausen.

Die Wiege ist ein heilpädagogisches Heim und bietet 37 Kindern und Jugendlichen mit zum Teil schwersten geistigen und körperlichen Behinderungen ein Zuhause. Sie leben in fünf familiären Wohngruppen und werden vom Säuglingsalter bis zum Ende der Schulpflicht liebevoll betreut und gefördert. Doch die Corona-Pandemie hat ihren Alltag gehörig auf den Kopf gestellt – und inmitten von Homeschooling, Hygienemaßnahmen und Lockdown hat Niklas sich zum Ziel gesetzt, Englisch zu lernen. „Es ist für ihn eine wahnsinnige Leistung“, sagt Heimleiterin Monika Barth. „Er ist sehr wissbegierig“, bestätigt Niklas’ Wohngruppenleiterin Nicole Klar.

Das Virus ist für die Kinder schwer zu verstehen

Es sind solche Erlebnisse, die die über 90 Mitarbeiter jeden Tag aufs Neue motivieren. Dabei war das vergangene Jahr auch für die Wiege nicht leicht. Viele der Kinder sind Risiko-Patienten, die Auswirkungen der Pandemie erleben sie täglich. „Was das Virus bedeutet, ist für die Kinder oft schwer zu verstehen. Es ist nicht greifbar“, berichtet Erziehungsleiterin Stephanie Böck. „Jeden Tag fragen die Kinder, wann Corona vorbei ist.“

Um die Bewohner zu schützen, tragen alle Pädagogen schon lange Masken. Aber: „Für alle Kinder und Jugendliche ist es essenziell, die Mimik des Gegenübers zu sehen, um kommunizieren zu können“, sagt Böck. Die Ärzte kamen weiterhin regelmäßig ins Heim, viele Therapien waren aber vergangenes Frühjahr nicht erlaubt. „Man hat schnell massive Rückschritte bemerkt“, berichtet sie.

Auch der Kontakt mit Familienangehörigen war nicht mehr wie gewohnt möglich. „Wir haben versucht, es so gut wie möglich abzufangen, zum Beispiel mit Telefonaten oder Skype“, sagt Böck. Inzwischen hat die Wiege einen Besuchsraum eingerichtet, und die Eltern oder andere Bezugspersonen können ihre Kinder wieder abholen, um zum Beispiel einen Spaziergang mit ihnen zu unternehmen. „Wir legen großen Wert auf Bindungsarbeit“, betont Monika Barth. Manchmal braucht es dafür kreative Lösungen. Wie zum Beispiel beim Sommerfest vergangenes Jahr. „Reif für die Insel“ lautete das Motto – und weil keine Gäste kommen konnten, bekamen alle Kinder eine Flaschenpost mit persönlichen Botschaften.

Wir sind alle enger zusammengerückt

Leiterin Monika Barth

In der Wiege wird oft gefeiert: Im Advent kommt der Nikolaus, im Fasching verkleiden sich alle, und zu Ostern gibt es für alle Bewohner Nestchen. Zu den Häusern gehören Gärten, im Sommer können die Kinder in einem kleinen Pool planschen. Sie sollen eine schöne Kindheit haben, auch wenn für sie vieles schwieriger ist, als für andere.

„Besonders wichtig ist für unsere Kinder Struktur im Alltag“, erklärt Monika Barth. Bei der Wiege halten deshalb alle zusammen, um die Corona-Unsicherheiten so gut wie möglich zu überbrücken. „Wir sind alle enger zusammengerückt“, sagt sie.

Doch ein Thema macht ihr große Sorgen: „Mit die größte Herausforderung für uns ist der Fachkräftemangel“, so Monika Barth. „Wir suchen Unterstützung durch pädagogische und pflegerische Fachkräfte.“ Die Wiege biete einen sicheren Arbeitsplatz, bildet aus und bezahlt ihre Angestellten gut. Die Mitarbeiter könnten eigene Ideen einbringen und haben einen großen Gestaltungsspielraum. Trotzdem ist es schwierig. Denn: „Das Bewusstsein für die Relevanz von Care-Berufen ist in unserer Gesellschaft nur teilweise verankert“, beklagt Barth. Sie würde sich eine größere Wertschätzung der Arbeit wünschen.

Eine Arbeit, die Kinder und Jugendliche wie Niklas stark macht für die Zukunft. Bei Feiern in der Wiege ist Tradition, dass alle zusammen das Wiege-Lied singen: „In der Wiege ist immer etwas los, in der Wiege lebt es sich famos, hier wird geweint und gelacht und viel Spaß gemacht.“

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