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Bürgermeister Wolfgang Stadler zeigt die Schalkollektion und die fairen Sportbälle

Petershausen ist seit drei Jahren Fairtrade-Gemeinde

Da schmeckt der Kaffee gleich ganz anders

Petershausen handelt fair – und das höchst offiziell seit drei Jahren. Nach dem Umzug des Fairkaufladens in die Bahnhofstraße ziehen die Betreiber nach einem Jahr eine erfreuliche Bilanz: Die Kundschaft ist angewachsen.

Von Gottfried Möckl

Petershausen– Seit 2002 gibt es einen Fairtrade-Kaufladen in Petershausen, initiiert von der lokalen Agenda 21-Gruppe. Seit 3. Oktober 2015 ist die Gemeinde eine so genannte Fairtrade-Town (die Idee kam ursprünglich aus England). Mit dem Umzug das Ladens vor genau einem Jahr an die Bahnhofstraße neben der Raiffeisenbank mit einem sieben Meter großen Schaufenster ist nicht nur der Absatz fair gehandelter Produkte gestiegen, sondern auch das Konsum-Bewusstsein der Petershauser.

Kürzlich informierte sich eine Delegation aus Schwabhausen zum Thema und signalisierte: Wir wollen auch das Siegel Fairtrade-Gemeinde. Was klein in Petershausen anfing, könnte so zu etwas Großem im ganzen Landkreis werden.

Die Bewegung des fairen Handels mit Ländern aus der Dritten Welt entstand mit der zunehmenden Globalisierung in den 60er Jahren. 1969 eröffnete in den Niederlanden der erste „Weltladen“ mit Handwerksprodukten aus dem globalen Süden. Er war so erfolgreich, dass sich bald Nachahmer auch in Deutschland fanden. Heute gibt es deutschlandweit 900 solcher Läden – einer davon ist der in Petershausen. Die Idee ist so simpel wie menschenfreundlich: Die Produzenten aus ärmeren Ländern erhalten einen Mindestpreis für ihre Waren, der sie unabhängig von den Spekulationen des Marktes an den großen Börsen macht. Das kostet im Einkauf zwar oft ein bisschen mehr, aber es garantiert, dass Kinder nicht für unseren Kaffeegenuss schuften müssen, sondern in die Schule gehen können. Da schmeckt der Kaffee gleich ganz anders.

Im Fairkaufladen wird nicht einfach mit maximalem Profit verkauft, hier wird „fairkauft“. Damit den Produzenten aus dem globalen Süden ein gerechter Preis für ein würdigeres Leben bezahlt werden kann, arbeiten Viktoria Stürzer, Christa Trzcinski und viele weitere Helfer ehrenamtlich. Betreiber des Fairkaufladens ist der Verein „Fair-ein“, Vermieter des 25 Quadratmeter großen Raums ist die Raiffeisenbank.

Christa Trzcinski von der Agenda-Gruppe: „Die neuen Räumlichkeiten sind viel heller und freundlicher und natürlich lockt das große Schaufenster Neugierige an. Wir haben jetzt neue Kunden gewonnen und es kommt auch Laufkundschaft, weil wir ja auf dem Weg zum Bahnhof liegen. Und eigene Parkplätze haben wir jetzt auch.“

Das Sortiment ist klein, aber sehr vielfältig. Es gibt die traditionellen Fairhandels-Produkte wie Kaffee, Tee und Schokolade, daneben aber Schmuck, Kunsthandwerk, Textilien, Keramik, Grußkarten und neuerdings auch faire Bälle für Fuß-, Hand- oder Volleyball. Die werden in Pakistan von Hand genäht, garantiert nicht von Kindern, dafür zum Mindestlohn.

„Der Laden liegt seit seiner Eröffnung im Plus“, freut sich Trzcinski, auch wenn keine Gewinne herausspringen.

Seit drei Jahren nunmehr ist Petershausen die einzige Fairtrade-Kommune im Landkreis. Um das Siegel des Vereins Transfair zu erhalten, müssen fünf Kriterien eingehalten werden: Es braucht einen Beschluss des Gemeinderats zur Unterstützung des fairen Handels, und bei allen Sitzungen des Gemeinderats sowie im Bürgermeisterbüro werden fair gehandelter Kaffee und ein weiteres Produkt angeboten. In Petershausen sind das neben Kaffee auch faire Nüsse und Limonade für die Sitzungen, und im Rathaus sind faire Computermäuse im Einsatz.

Es muss eine Steuerungsgruppe gebildet werden, die alles koordiniert. Drittens müssen im lokalen Einzelhandel und bei Floristen und in Cafés mindestens zwei fair gehandelte Produkte angeboten werden. In Petershausen sind das überwiegend Kaffee, Tee und Schokolade.

Viertens müssen Produkte aus fairem Handel in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten, Vereinen und Kirchen verwendet werden. In Petershausen gibt es dafür den „Petershausener Kaffee“ mit eigener Verpackung für Geschenkkörbe, faire Schoko-Osterhasen und Nikoläuse, faire Bälle von der Agenda-Gruppe sowie Projektstunden zum fairen Handel an Schulen und beim Seniorenkreis. Und schlussendlich sind auch die örtlichen Medien gefragt, die sich für eine Fairtrade-Gemeinde einsetzen.

Fairtrade kann wesentlich zu einem modernen Image einer Gemeinde beitragen. „Stadtmarketing ist heute wichtiger denn je, damit Kommunen ihre Infrastruktur erhalten und ausbauen können“, sagt Elmira Führer aus dem Rathaus. „Wenn man bedenkt, dass die Kommunen in Deutschland 170 Milliarden Euro für die öffentliche Beschaffung ausgeben, ist es von großer Bedeutung, wie man sich entscheidet: fair oder egal?“

Die Gemeinde Petershausen hat auch schon darüber nachgedacht, an den Ortseingängen auf sich aufmerksam zu machen. „Aber an den offiziellen Ortsschildern dürfen wir keinen Hinweis oder das Fairtrade-Logo anbringen. Zu denken wäre aber ein eigenes Schild gleich daneben. Da bräuchte es allerdings helfende Hände“, sagt Führer. Sie betont auch, dass dies ein guter Bereich für Bürger sei, sich selbst aktiv ins öffentliche Geschehen einzubringen, was auf bundespolitischer Ebene ja viel schwerer ist.

Was die ganze Fairtrade-Bewegung antreibt, ist ein einfacher humanitärer Gedanke: Hinter all den schönen, für uns erschwinglichen Waren der modernen Konsumwelt stecken Menschen mit einem Schicksal, das wir nicht teilen wollten. In einer anonymen Lieferkette werden sie zu einem bloßen Kostenfaktor, den es möglichst gering zu halten gilt. „Das will sich natürlich niemand vor Augen halten, wenn er für drei Euro ein T-Shirt kauft“, sagt Christa Trzcinski. Aber Menschen, egal wo sie leben, müssen mehr sein als ein „Kostenfaktor“.

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