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Hochprozentiges nach hoch interessanten Vorträgen: Pfarrer Paul Hauser (l.) und Bürgermeister Manfred Betzin.   

Pfarrer über Einsatz in Afghanistan: „Da gehört man zum Misthaufen der Nation“

Pfarrer Paul Hauser und Jetzendorfs Bürgermeister Manfred Betzin haben über ihre Auslandseinsätze in Afghanistan gesprochen. Aber auch darüber,  was beide über das umstrittene Bundeswehrmandat denken.

Kleinschwabhausen Beim Vortragsabend zum 100-jährigen Bestehen des Krieger- und Soldatenvereins Ainhofen haben die 150 Gäste in der Schlammer-Halle von Kleinschwabhausen einem außergewöhnlichen Vortrag lauschen dürfen. Pfarrer Paul Hauser und Jetzendorfs Bürgermeister Manfred Betzin berichteten gemeinsam über ihre Erlebnisse, die sie während ihrer Auslandseinsätze in Afghanistan gemacht haben. Aber auch, was beide über das umstrittene Bundeswehrmandat denken.

Hauser, vielen bekannt aus seiner Pfarrerszeit in Einsbach und Jetzendorf, war Militärpfarrer in Afghanistan. Betzin war dort als Tornado-Pilot eingesetzt. Beide sind sich einig, dass es für jeden Soldaten keine leichte Zeit ist, in Afghanistan stationiert zu sein. „Da gehört man zum Misthaufen der Nation“, sagte Hauser, der zwar keine Waffe trug, aber mit den Soldaten in einem Zelt lebte. Betzin (Oberstleutnant a. D.) erklärte in Wort und Bild, dass das ursprüngliche Ziel der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) als Sicherheits- und Wiederaufbaumission unter NATO-Führung die Selbstverwaltung des Landes war.

„Das war der Grundauftrag“, so Betzin. Er sprach von einem künstlich geschaffenen Land mit vielen Religionen und vielen Radikalen. Äußerst gefährlich sei es, zu Fuß durch die Dörfer zu marschieren. Da habe er sich im Tornado deutlich sicherer gefühlt. Der Boden von Afghanistan sei nur so von Bomben übersät. Die arme einheimische Bevölkerung in diesem Steppen- und Wüstenland würde sogar Raketen zum Hüttenbau verwenden, weil sie oftmals die Gefahr, die von diesen Waffen ausgeht, nicht erkennen würden.

Betzins primäre Aufgabe war es, Bildmaterial zur Aufklärung zu liefern. „Das Problem waren hier die langen Flüge und das Fehlen einer Toilette“, so der CSU-Bürgermeister, der in seinem Bomber einen der teuersten Fotoapparate der Welt eingebaut hatte. Echt bedroht sei er nur beim Starten und Landen gewesen. Bei den gezeigten Luftaufnahmen waren die vielen Schmugglerpfade und Verstecke der Scharfschützen mitten im Hochgebirge zu erkennen.

Als Soldat habe er gar oft an den politischen Entscheidungsträgern gezweifelt, so Betzin, „und diese Zweifel bestehen heute noch“. Was weder Betzin noch Pfarrer Hauser begreifen können, ist, dass die Tornados ihre Bordkanone nicht einmal zum Schutz der eigenen Truppen einsetzen dürfen. „Ich bin nicht ,einsatzgeil’, aber das kann kein Soldat verstehen“, unterstrich Betzin, der 21 Jahre bei der Bundeswehr diente. Wenn es ganz heiß hergegangen sei, so führte er weiter aus, habe deutsches Bodenpersonal auf die Hilfe der Amerikaner warten müssen, „und da hört’s bei mir auf“.

Deutschland sei eines der wenigen Länder auf der Welt, die Verteidigungsministerinnen einsetzt, die keine Ahnung von einer Armee haben. An der großen Politik in Berlin ließ Betzin auch sonst kein gutes Haar, und Hauser pflichtete ihm bei, als er erklärte: „Es wäre an der Zeit, dass die Bundeswehr wieder einen anderen Stellenwert bekommt!“ Betzin sprach in Bezug auf Afghanistan von einem „Eiertanz“, der wohl nicht mehr lange gut gehe, weil die Politik nicht fähig sei, Rückgrat zu beweisen. Nur aus Scheinheiligkeit entsende man Soldaten nach Afghanistan, aber selbst zur eigenen Verteidigung dürfe nicht geschossen werden.

Hauser habe 21 Mal erlebt, dass Soldaten starben, die kurz zuvor noch in Handyverbindung mit ihren 6000 Kilometer entfernten Angehörigen waren. Die psychische Belastung bei den Soldaten sei enorm, oft sei der Pfarrer der einzige Helfer. Daher habe sich Hauser auch an Weihnachten bei oft bitter weinenden Soldaten in Afghanistan aufgehalten. Dennoch möchte der Seelsorger diese Zeit nicht missen, wenngleich es Tage gab, wo er 16 Stunden gefordert war.

Ein großes Problem sei in diesem Land im Winter die enorme Kälte, so Hauser. „Und wenn ein fünfjähriges Kind ohne Schuhe im Schnee steht, muss man doch helfen.“ Frauen seien in Afghanistan nichts wert, so der Pfarrer. So würden schon 14-jährige Mädchen am Heiratsmarkt angeboten. Frauen seien hier das Eigentum des Mannes.

Nur der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Gutenberg habe nach Hausers Einschätzung erkannt, dass die Soldaten in Afghanistan sich im Krieg befinden. Die große Politik in Deutschland habe leider nie erfahren wollen, was Soldaten in Afghanistan unter den Nägeln brennt. Im Camp sei Hauser nie als Dekan, sondern immer als Kamerad gesehen worden. „Ich wollte in der muslimischen Welt auch keine Herausforderung sein und habe daher das Kreuz abgenommen, wenn ich auf Patrouille war“, versicherte Hauser, der in der Diskussion mit den Zuhörern auch auf das Rauschgiftproblem in Afghanistan einging. Der Mohnanbau sei die einzig wirkliche Einnahmequelle der dortigen Bauern, und die müsse man ihnen lassen.

Hauser habe zur Unterstützung von Missionaren in der Dritten Welt die Benedictus-Dominus-Stiftung gegründet und auf diese Weise schon 250.000 Euro gesammelt. 150 Euro kamen vom Kriegerverein Ainhofen hinzu.

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