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Vorsitzender Richter Oswald (dunkler Mantel) musste sich vor einem Bordell in Dachau ein Bild von der Lage machen.

Pikanter Ortstermin: Wenn Richter vorm Bordell verhandeln

Dachau - Sieben Bordelle auf engstem Raum gibt es in Dachau. Die Stadt fürchtet, zum Rotlicht-Mekka zu verkommen. Beim aktuellen Streit scheinen die Richter der Stadt erstmals rechtzugeben.

Dachaus Bordelle heißen Salon Patrice, Cleopatra II oder schlicht Fetischstudio. Sie befinden sich in unscheinbaren Häusern oder großen Gebäudekomplexen im Gewerbegebiet Ost, wo sie kaum auffallen. Dennoch hat die Stadt die Nase voll von den sieben Bordellen, die, auf wenige Straßenzüge verteilt, um die Gunst der Freier buhlen. Das beschauliche Dachau darf nicht zum Rotlicht-Mekka verkommen, lautet die Maxime. Wegen der vielen Puffs würden zudem die Grundstücke ringsherum abgewertet – ein so genannter Trading-Down-Effekt.

Am Klingelschild beim Bordell um die Ecke stellt sich die Frage: Ist der Rechtschreibfehler ernst gemeint?

Darum gängeln die Beamten die Betreiber seit vielen Jahren, um ihnen die Lust am Lusttempel zu rauben. Die Gegängelten jedoch verspüren allenfalls Lust aufs Klagen. Mit Erfolg. Das Verwaltungsgericht München klopft der Stadt regelmäßig auf die Finger, weil es die Auflagen und Verbote für rechtswidrig erachtet. Denn man muss eines wissen: In Gewerbegebieten sind Bordelle laut Rechtsprechung „allgemein zulässig“. So setzte sich beispielsweise eine Domina durch, deren Studio geschlossen werden sollte. Die Auflösung sei „existenzgefährdend“, so die Richter. Das Cleopatra II wollte die Stadt ebenso dichtmachen, da sie es lediglich als „Tanzbar und Stripteaselokal“ genehmigt haben wollte. Allerdings kam heraus, dass die Behörden an der Eingangstür ein Hinweisschild anzubringen versuchten, das die Benutzung von Kondomen nahelegt. Ertappt. Verbot gekippt.

Das Etablissement - derzeit eine "Edelruine"

„Die Stadt versucht alles, damit die Eigentümer aufgeben oder pleite gehen“, sagt Georg T. (53). Er ist Eigentümer eines weiteren Puffs, der gerade gebaut wird. Seit mehr als fünf Jahren werkelt er daran herum. Und genauso lang liegt er mit der Stadt im Clinch.

Sein Etablissement, das er nicht selbst betreiben, sondern vermieten möchte, ist derzeit eine „Edelruine“, wie er meint. Unter anderem gestattete das Dachauer Bauamt von vornherein nur fünf „Arbeitsplätze“ (O-Ton Beamtendeutsch) und verlangte eine strikte Trennung der Bereiche, in denen die Freier zur Sache gehen und in denen sie sich hinterher ausruhen.

Geht nicht, urteilte das Verwaltungsgericht. Die Stadt könne das nicht präventiv verlangen. Vor kurzem beantragte T. die Vergrößerung des Bereichs zum Ausruhen. Die Stadt wies das Begehren zurück. T. zog wieder einmal vors Gericht und schlittert damit – wie es aussieht – in ein Desaster.

Urteil am Freitag

Am Donnerstag nämlich tagte die 11. Kammer des Verwaltungsgerichts vor dem Bordell. Nach ausgiebiger Begutachtung des Objekts und folgender Beratung ließ der Vorsitzende Johann Oswald durchblicken, dass die Klage wohl scheitern wird.

Die Begründung hat es in sich: Wegen des Umbaus müsse eine komplette Neuaufnahme des Bordellbetriebs erfolgen. Dann aber entstehe in Dachau-Ost möglicherweise der befürchtete Trading-Down-Effekt, so der Vorsitzende Richter. Die erteilte Baugenehmigung zähle nicht. Dass das Etablissement noch gar nicht eröffnet war, spiele ebenfalls keine Rolle, so Oswald weiter. Das endgültige Urteil wird am Freitag erwartet.

Georg T. hat schon durchblicken lassen, dass er das Bordell wohl aufgeben möchte. Stattdessen will er der Stadt das Haus als Flüchtlingsunterkunft anbieten. „Es wäre ideal geeignet. Viele Räume, und die Duschen und Toiletten sind fertig“, sagt er.

Thomas Zimmerly

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