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Zeit schenken macht offenbar Freude: die Familienpatin Claudia Seethaler (l.) mit der Koordinatorin Anja Mußmann-Walter im Mehrgenerationenhaus.

Projekt des AWO-Mehrgenerationenhauses 

Paten schenken Familien in Krisen ihre Zeit

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Mal ist es Krankheit, mal Arbeitslosigkeit oder auch eine Trennung – und schon steckt eine Familie in der Krise. Damit diese etwas leichter gemeistert werden können, gibt es „Familienpaten“. Ganz normale Menschen, die sich einfach Zeit nehmen.

Dachau – Beim ersten Mal musste Claudia Seethaler kurz schlucken. Als sie im Herbst 2015 die Dachauer Obdachlosenunterkunft betrat, standen vor der Tür: Mülltonnen. Der Eingang war trist, immerhin ein paar Kinderwagen. Dann der Gang, lang und kahl, nur Türen. Dahinter: die einzelnen Zimmer. In einem wartete Diana S. (Name von der Redaktion geändert) auf ihren Besuch, mit ihrem Baby auf dem Arm, auf ihre neue Patin: Claudia Seethaler.

Sie ist Familienpatin bei der AWO Dachau. Die 52-jährige Hausfrau aus Hebertshausen wollte sich ehrenamtlich engagieren. Als sie von dem Patenprojekt las, war sie sofort interessiert. Sie mag Kinder, hat selber drei, sie mag Familien, sie hat zwei, drei Stunden pro Woche Zeit – und: Sie ist offen und tolerant. Das alles sind Voraussetzungen, die ein Familienpate mitbringen soll, erklärt Anja Mußmann-Walter. Die Sozialpädagogin ist im Mehrgenerationenhaus Dachau die Ansprechpartnerin für das Projekt. Sie weiß, was die betreuten Familien brauchen – und sie weiß, was die Paten leisten können. Bei dem Projekt geht es nicht darum, Arbeit abzunehmen oder sogar professionelle Hilfe zu leisten – sondern es geht darum, Zeit zu verschenken.

Die Familien, die sich an sie wenden, befinden sich meist in einer außergewöhnlichen Lage. Etwa nach einer Trennung oder weil die Eltern die deutsche Sprache nicht gut beherrschen, weil ein Kind längerfristig krank ist oder auch ein Elternteil. „Manche Paten kommen, um ein oder zwei Stunden auf die Kinder aufzupassen, während die Mutter zum Arzt geht“, berichtet Mußmann-Walter. „Andere spielen draußen mit den Kleinen, während die Eltern mit den Größeren Hausaufgaben machen.“

Diana S. hatte ein ganz spezielles Problem: Sie war obdachlos geworden, kurz nachdem sie ihr Kind bekommen hatte. Alleinerziehend, ohne Job, ohne Wohnung, und dazu noch in einem fremden Land – Diana S. kommt aus Osteuropa. Und so wusste Claudia Seethaler auch, was die größte Herausforderung für ihre „Patenfamilie“ sein würde: eine Wohnung zu finden. Klare Sache, denkt sich vielleicht ein Außenstehender, diese Suche kann ja die Patin übernehmen. Doch genau so ist das Projekt nicht gedacht. „Das können wir nicht leisten“, sagt Mußmann-Walter.

Natürlich hat Claudia Seethaler mit Diana S. über die Wohnungssuche gesprochen. Sie ist mit ihr auch Wohnungsanzeigen durchgegangen, hat erklärt, was die Abkürzungen bedeuten, und auch mal für sie angerufen. Aber die Suche blieb die Aufgabe von Diana S. Claudia Seethaler aber begleitete sie durch ihren neuen Alltag: Sie fuhr mit ihr zur Dachauer Tafel, versuchte, das System dort zu verstehen und zu erklären, und passte derweil auf das Baby auf. Sie suchte mit ihr den passenden Arzt, oder durchsuchte mit ihr das Internet nach den richtigen Anlaufstellen bei Behörden. Und: hörte zu. Auch bei Notfällen.

Wie damals, kurz nach Weihnachten 2015, zwischen den Jahren. Diana S.’ Badschlüssel war plötzlich verschwunden. In der Obdachlosenunterkunft gibt es nur zwei Gemeinschaftsbäder, eines für Frauen, eines für Männer. Jedes Zimmer hat dafür einen eigenen Schlüssel. Doch Diana S. fand ihren plötzlich nicht mehr. Wurde er gestohlen? Egal. Er war weg. Und Diana S. konnte nicht mehr auf die Toilette. Claudia Seethaler stand ihr bei, der Hausmeister wurde gerufen, eine freundliche Mitbewohnerin lieh ihr zeitweise einen Schlüssel. Dann gab es neue Schlösser, mit neuen Schlüsseln. Und in Zukunft: mehr Vorsicht. Der Start ins neue Jahr war gerettet.

Solche Situationen verbinden, sagt Claudia Seethaler. Wie auch der Alltag. Für gewöhnlich treffen sich die Paten jede Woche mit ihren Familien. Und: Gespräche verbinden. Ganz alltägliche Unterhaltungen, etwa über einen günstigen Friseur oder einen guten Kartoffelbrei. Was Claudia Seethaler aber vermeidet, ist: sich einzumischen. „Natürlich würde ich das Kind in der einen oder anderen Situation anders erziehen“, sagt sie etwa. Aber ungefragt Ratschläge geben? Nein, das tut sie nicht.

„Genau das ist ein wichtiger Grundsatz für die Paten“, meint die Sozialpädagogin Mußmann-Walter. Denn die Familien sind meist aus anderen Gesellschaftsgruppen, anderen Milieus, vielleicht auch aus einer anderen Kultur. Dinge, die für die Paten selbstverständlich sind, sind den Familien manchmal fremd. Zum Beispiel: gemeinsam am Tisch sitzen, beim Abendessen. Oder die Mithilfe der Kinder im Haushalt. Manchmal ist es gut, wenn sich die Paten da zurück halten. Erst einmal beobachten. Im Gespräch die eigene Meinung vertreten, aber nicht von oben herab urteilen. Das sind auch wertvolle Erfahrungen für die Paten selbst: Offenheit und Toleranz üben. Darüber sprechen die Paten oft mit Anja Mußmann-Walter, auch bei den regelmäßigen Treffen der Ehrenamtlichen.

Klar gibt es Grenzen: Die Paten dürfen sofort sagen, wenn sie etwas nicht akzeptabel finden oder nicht wollen. Eine Patin etwa kümmert sich um das Schulkind in „ihrer“ Familie – aber da der Kontakt mit dem Vater problematisch ist, ist er in die Patenschaft nicht mit einbezogen. Und sollte jemals das Wohl des Kindes gefährdet sein, würde Mußmann-Walter einschreiten und alle weiteren Schritte einleiten. Die AWO steht hinter den Paten, das ist klar.

Claudia Seethaler wird bald das letzte Mal bei Diana S. sein. Die alleinerziehende Mutter hat endlich eine Wohnung gefunden, im Herbst war der Umzug. Die Patenschaften sind immer zeitlich begrenzt. Sie sollen nur eine vorübergehende Hilfe sein, eine Hilfe zur Selbsthilfe in einer schwierigen Zeit. Claudia Seethaler will mit Diana S. trotzdem in Kontakt bleiben, privat, auch wegen des Kindes, das sie ins Herz geschlossen hat. Und dann? Erst will Claudia Seethaler eine kleine Pause machen. Dann ist sie bereit für die nächste Familie. Dafür, Zeit zu schenken.

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