Amtsgericht Dachau

Wenn der Therapeut mit der Patientin...

Dachau - Das Verhältnis zwischen Psychotherapeut und Patient ist immer ein besonderes. Im vorliegenden Fall wurde es zu intim, weshalb ein 56-jähriger Therapeut vor dem Richter landete.

Dachau – Wie kann ein Psychotherapeut, der selbst in psychologischer Behandlung ist, anderen Menschen helfen? Diese Frage stellte Richter Tobias Bauer am Amtsgericht Dachau dem 56-jährigen angeklagten Psychotherapeuten. Er hatte sich in wegen sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Beratungsverhältnisses 21 Fällen verantworten müssen – und gestand, selbst in psychologischer Behandlung gewesen sein. Am Ende wurde der Angeklagte zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung verurteilt.

Richter und Staatsanwaltschaft stuften den Fall als „ungewöhnlich“ ein: Denn nicht das Opfer, eine ehemalige Patientin des Angeklagten, stellte Strafanzeige, sondern ein anonymer Dritter. Im Prozess ging es vor allem um sexuelle Handlungen zwischen dem Therapeuten und einer ehemaligen Patientin: Von 2010 bis 2013 war sie wegen Depressionen beim Angeklagten in Behandlung gewesen. Der Anklage war zu entnehmen, dass sich das anfangs professionelle Verhältnis zwischen Patientin und Therapeut immer mehr mit Privatem zu vermischen begann: Dem Therapeut gelang es nicht mehr, ausreichend Distanz zu seiner Patientin aufzubauen.

So begann der mittlerweile geschiedene 56-Jährige von den Problemen mit seiner Ex-Frau zu erzählen. Das Vertrauensverhältnis zwischen den beiden gipfelte schließlich in sexuellen Handlungen, die die Staatsanwaltschaft als „mindestens einmal einvernehmlich“ charakterisierten, allerdings unter bewusster Ausnutzung der Räumlichkeiten der Praxis. Zu sexuellen Handlungen soll es aber auch in der Privatwohnung des Opfers gekommen sein.

Außerdem nötigte der Therapeut seine Patientin laut Staatsanwaltschaft auch dazu, Fotoaufnahmen von ihren Füßen und entblößtem Unterleib zu machen. Eine ähnliche Grenzüberschreitung zwischen Angeklagten und einer anderen Patientin habe bereits vor rund zehn Jahren stattgefunden.

Wie bei Anklagen wegen sexuellen Missbrauchs oft der Fall, fand zu Beginn des Prozesses eine Verfahrensabsprache zwischen allen beteiligten Parteien unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das Resultat: Der Angeklagte zeigte sich geständig – damit ersparte er den vier weiteren Zeuginnen, allesamt ehemalige Patientinnen des Therapeuten, eine Aussage.

Die Staatsanwaltschaft forderte trotzdem eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten. Richter Tobias Bauer war es ein „wichtiges Anliegen“, die verhängte, mildere Strafe zu erklären: Zu Gunsten des Angeklagten habe gesprochen, dass die sexuellen Kontakte „ausdrücklich unter Wollen der Patientin und auch auf deren Initiative“ stattgefunden haben. Zudem zeige der freiwillige Schritt des Therapeuten Einsicht, in Behandlung zu gehen. Die mildere Strafe verhängte der Richter auch, da das Opfer nicht selbst Anzeige erstattete. Über ein Berufsverbot könne noch die zuständige Therapeuten-Kammer entscheiden. Außerdem muss er 4000 Euro an den Kinderschutz e.V. zahlen. Und der Angeklagte soll in einem Beratungsgespräch seinen Umgang mit Sexualität klären: „Man kann sich ja nicht selbst heilen“, wie der Angeklagte selbst im Laufe des Prozesses sagte. (map)

maximilian pichlmeier

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