Verworrene Angelegenheit

Punks vor Gericht: Wurde 14-Jährige vergewaltigt?

Wurde ein abgelegenes Haus in Neuhimmelreich für ein Mädchen zur Hölle? Antworten auf diese Fragen muss das Schöffengericht finden. Der Prozess öffnet den Blick für die verworrene Welt der Punks.

Dachau – Punk ist eine Jugendkultur, die Mitte der 1970er Jahre in New York und London entstand. Als Punks wurden in den USA ursprünglich junge Menschen beschimpft, die auf der untersten Stufe der Gesellschaft standen. Im Instagram-Zeitalter gilt die Punkbewegung als Anachronismus. Aber es gibt sie noch immer: die Punks. In München und Dachau sind sie eine heterogene Gruppe von: Nichtstuern, Säufern und Tagträumern.

Nicht selten sind sie blutjung, meist von zu Hause abgehauen, oft psychisch labil, fast immer suchtgefährdet und ohne jedes Ziel im Leben. Sie haben feste Treffpunkte: das Isartor, den Marienplatz, die Thalkirchner Brücke. Die Punks haben ihre bürgerlichen Namen abgelegt. Sie geben sich lieber Spitznamen. Sie rufen sich „Luzifer“, „Schatten“, „Halbschatten“ oder „Emu“. Unter den Punks sind viele junge Frauen und Mädchen.

In einer Nacht explodiert die heile Welt

„Nye“ ist eines der Mädchen. 2012 stößt sie zu den Punks. Sie ist 13 Jahre alt. Und sie hat bereits viel durchgemacht. Der Vater längst fortgegangen, die Mutter nicht in der Lage für „Nye“ zu sorgen. „Nye“ lebt viele Jahre in Obdachlosenunterkünften, bei Freunden oder unter Brücken. Weil sie mit ihrer Situation nicht klar kommt, wird sie in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Die Schule bricht sie ab, später auch die Schreinerlehre. Bei den Punks glaubt sie endlich einen Halt gefunden zu haben. Kumpels, die ihr zeigen, wo’s langgeht, die feiern können, die sie respektieren. Doch in einer Nacht im März 2013 explodiert diese scheinbar heile Welt.

Was sich in diesen dunklen Stunden abgespielt hat, wissen nur „Nye“ und der damals 21-jährige „Clash“ (Name geändert). „Clash“ hatte ein Zimmer in einem abgelegenen Haus für Obdachlose in Neuhimmelreich gemietet. Wie die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift behauptet, soll „Nye“ „Clash“ dorthin gefolgt sein. Sie sollen einen Film angesehen haben. Während die Bilder durchs Zimmer flimmern, soll „Clash“ begonnen haben, „Nyes“ Brust zu streicheln. „Nye“ habe zu „Clash“ gesagt, er solle aufhören. Doch „Clash“ habe einfach weitergemacht. Schließlich soll der kräftig gebaute Punk das zarte, 14-jährige Mädchen zu Boden gebracht und brutal vergewaltigt haben.

Viel später bricht es aus „Nye“ heraus - sie geht zur Polizei

Zwei Jahre lang passiert nichts. Im Frühjahr 2015 ist „Nye“ immer noch bei den Punks. Sie ist nun mit einem 27-jährigen Münchner liiert, der aber nicht zur Szene gehört. Irgendwann bricht es aus „Nye“ heraus. Sie fängt hemmungslos zu weinen an und sagt zu ihrem Freund, dass etwas Schlimmes passiert sei. Der Freund bringt seine Freundin in die „Höhle des Löwen“, wie er den düsteren, grünen Bau in der Ettstraße bezeichnet, in dem das Polizeipräsidium München untergebracht ist. 

Die Polizisten sehen Vergewaltigung als schweres Verbrechen an. Und rücken mit der ganz große Kapelle an. Sie krempeln die Punkszene um. „Nye“ wird in allen Einzelheiten befragt und zum Ermittlungsrichter geschickt. „Clash“ wird vor dem Schöffengericht Dachau angeklagt.

Doch die Kronzeugin kommt damit nicht klar. „Nye“ trennt sich von ihrem Freund und taucht in der Großstadt München unter. Die Verhandlung im Juni 2016 lässt sie platzen. Das Schöffengericht kommt nicht mehr an sie heran.

Am vergangenen Mittwoch tagte das Gericht erneut ohne „Nye“. Ein Jugendpsychotherapeut, bei dem die mittlerweile 19-Jährige sporadisch auftaucht, bezeugt, seine Patientin wolle von der Angelegenheit nichts mehr wissen. „Clash“ sagt während der Hauptverhandlung nur einen wichtigen Satz: „Ich habe sie nie angerührt.“ Ob er die Wahrheit sagt, wissen nur er – und „Nye“. Die Polizei muss sie finden. Der Prozess ist noch nicht zu Ende.

Mehr Nachrichten aus der Region Dachau werden auch auf der Facebookseite der „Dachauer Nachrichten“ gepostet. 

Thomas Zimmerly

Rubriklistenbild: © dpa

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