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Mal raus aus den Baracken

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„Das ist ein schönes Fest“: Die Asylbewerberinnen freuen sich, Weihnachten wie die Deutschen feiern zu können.   hab
„Das ist ein schönes Fest“: Die Asylbewerberinnen freuen sich, Weihnachten wie die Deutschen feiern zu können. hab

Dachau - Die Asylbewerber der Kufsteiner Straße genießen das Weihnachstfest im Juz in Dachau-Ost.

Vor vier Jahren kamen Gulistan und ihr Mann Nafkoush nach Deutschland. Und zum vierten Mal sind sie zu Gast beim Weihnachtsfest im Jugendzentrum Dachau-Ost. Bis auf die Tatsache, dass Familie Audj jetzt zu viert ist, hat sich in den vergangenen Jahren aber nicht viel geändert. Noch immer wohnt sie in den Baracken in der Kufsteinerstraße, noch immer hat Nafkoush keinen festen Job. Immerhin kann er mittlerweile zweimal die Woche bei einer Bäckerei in Ampermoching arbeiten, um die Familie wenigstens ein bisschen zu unterstützen. Das Fest gibt der Familie die Möglichkeit, zumindest für ein paar Stunden aus dem monotonen Alltag im Asylbewerberheim auszubrechen.

Dachaus Integrationsreferent Horst Ullmann hatte zu dem Fest geladen. Und obwohl nahezu alle Besucher des Fests Muslime sind, sind die meisten dennoch sichtlich angetan von der vorweihnachtlichen Stimmung. „Das ist ein schönes Fest, wir wollen feiern wie die Deutschen“, sagt Revsi Erdogan. Sie lebt schon seit 1989 in Deutschland. Doch eine Bescherung wird es bei ihr zu Weihnachten nicht geben - die gibt es bei den Muslimen traditionell an Bayram, dem sogenannten Zuckerfest am Ende des Fastenmonats Ramadan. Auch die große Party steigt im Asylbewerberheim erst ein paar Tage später: an Silvester. „Da kochen, essen und singen wir alle zusammen“, erzählt Revsi. Alle, das sind über 100 Menschen, die in der Kufsteiner Straße, auf engstem Raum zusammenwohnen. Bis zu sechs Leute teilen sich ein Zimmer, noch mehr Menschen ein Bad. Alle warten nur darauf, endlich eine Aufenthaltserlaubnis, eine eigene Wohnung und Arbeit zu bekommen. Oder wenigstens einen Pass - egal, welcher Nationalität. Nichts, erzählt Gulistan, den Tränen nahe, wünscht sie sich mehr als einen Pass für sich und ihre Kinder, die sogar in Deutschland geboren sind. Ihre Identität mussten sie und ihr Mann aufgeben, als sie damals aus dem Irak geflohen sind. Einen neuen Ausweis wollen ihr weder die deutschen Behörden ausstellen, noch das irakische Konsulat - da sie als Flüchtlinge gelten.

Mehr Glück hatte Nida Mansur, eine der wenigen Gäste, die nicht im Asylbewerberheim lebt. Sie hat die Baracken hinter sich gelassen und wohnt mit ihren drei Kindern in einer Vier-Zimmer-Wohnung in Dachau. Doch ihre ehemaligen Mitbewohner sind auch ihre Freunde - und die hat sie nicht vergessen. Jetzt freut sie sich, mit ihnen bei Punsch zu feiern.

Leider kommen nicht sehr viele „Fremde“ zu dem Fest. Ullmann vermutet, dass immer noch viele Dachauer misstrauisch sind und „eine gewisse Angst vor den Menschen haben“, da viele glauben, sie „würden ihnen etwas wegnehmen“. Er wünscht sich, dass sich diese Einstellung in Zukunft ändert. Jetzt wird er sich erst einmal in sein Nikolausgewand werfen und den Kindern eine kleine Bescherung bereiten - ein kurzer Glücksmoment, bevor es zurück in die Baracken geht.

(bvl)

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