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Über 220 Jahre Bauernhofgeschichte: Alios Kammermeier fällt es zunehmend schwerer, die anfallende Arbeit an seinen Bauernhäusern und den Gärten zu erledigen.

Bauernhofmuseum in Ebersbach

Wer rettet Kammermeiers Lebenswerk?

Ebersbach - Seit über 25 Jahren betreibt Alois Kammermeier ein privates Bauernhofmuseum in Ebersbach. Nun befürchtet er das Ende seines Lebenswerks, denn er ist mittlerweile 90 Jahre alt und wird die anfallende Arbeit bald nicht mehr selbst bewältigen können. Das wäre ein Jammer.

Weit über Ebersbach hinaus ist das Bauernhofmuseum von Alois Kammermeier bekannt. Besonders das Haus, in dem der 90-Jährige wohnt, hat eine bemerkenswerte Geschichte. Gebaut wurde es 1793 in Günzenhausen bei Au in der Hallertau. Über 200 Jahre später hat es an der „Puit“ in Ebersbach eine neue Heimat gefunden, nachdem es Kammermeier in Günzenhausen abgebaut und dort wieder aufgebaut hat.

Auf die Idee, ein bewohntes Bauernhofmuseum zu eröffnen, ist er damals gekommen, weil er beim Bau der Autobahn aus seinem modernen Bungalow in Allach ausziehen musste. Die einzelnen Teile des Bauernhauses hatte er schon länger eingelagert: Er hatte sie vor ihrem Ende als Brennholz gerettet, wusste aber nicht, was er damit anfangen sollte. Dann tat sich die Möglichkeit auf, das Haus in Ebersbach neu aufzubauen. Damals wollte er zurück zu seinen Wurzeln – denn Kammermeier wurde in einem Bauernhaus in Niederbayern geboren. „Und in einem Bauernhaus will ich sterben“, lächelt er. Bis dahin will er so lange wie möglich das Museum pflegen. Zur aufwändigen Instandhaltung gehört unter anderem die Gartenarbeit in seinem Bauerngarten und im nachempfundenen „Urgarten“ mit verschiedensten Heilpflanzen, den es in dieser Form schon seit etwa 800 Jahren gibt.

Auch sonst gibt sich Alois Kammermeier größte Mühe, einen authentischen, vorindustriellen Bauernhof nachzustellen: Aus Pasenbach brachte er ein Schusterhaus auf die Puit, in dem heute einer seiner Söhne lebt, er hat einen Pump- sowie Windbrunnen, ein Backhaus und ein großes Inventar an allerlei vorindustriellen Gerätschaften. Auch mehrere Taubenhäuser, darunter eines der letzten verbliebenen Taubentore, stehen auf dem Grund des selbsternannten „Taubenhauspapstes“: Kammermeier hat in der frühen Zeit seiner Leidenschaft zur bäuerlichen Kultur, als das „große Taubenhaussterben“ umging, „gerettet, was zu retten war“ und sogar das deutsche Taubenhausarchiv eingerichtet. Zugegebenermaßen werden seine Taubenhäuser gerade nicht bewohnt – „die letzte Taube hat der Habicht geholt“, erklärt Kammermeier. Aber bald will er neue Tauben, dann lieber wieder graue, die nicht so leichte Beute sind wie der Schwarm weißer Tauben, den er sich damals eingebildet hatte. Dafür hat er auf seinem Hof gerade allerlei anderes Getier: Hund, Katze, Hühner und schottische Hochlandrinder. 

Nur einen Misthaufen, „die Macht und Herrlichkeit eines jeden Hofes“, hat er in Ebersbach nicht. Stattdessen schmückt die Mitte seiner nachempfundenen Drei-Seiten-Hofanlage eine prächtige Linde, die funktionsvielfältige Ablöse des Misthaufens. 

Gerne wollte er auch das Wohnhaus, so wie es früher üblich war, in Windrichtung aufstellen. Doch die modernen Bauvorschriften haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. 30 Prozent höher seien seine Heizkosten heute deshalb. „Holz ist einer der besten Isolatoren“, erklärt Kammermeier, warum er trotzdem zufrieden ist. Auch ansonsten liebt er seine Bleibe: „In meinem Bungalow war die Wohnqualität nicht besser“, sagt er. Ihm gefalle die Wärme, das Holz, die Heimeligkeit in dem alten Bauernhaus. Außerdem sei es im Vergleich pflegeleicht, und auch auf Annehmlichkeiten wie eine Fußbodenheizung müssen er und seine Frau nicht verzichten.

Aber Alois Kammermeier ist nicht nur froh, in einem alten Bauernhaus leben zu können, er führt auch das Museum gerne: „Einerseits ist das natürlich belastend“, erklärt er. „Aber ich habe mir das ja selbst eingebrockt.“ Er sei kein sozialer Mensch, er habe immer nur gemacht, was ihm selbst Spaß gemacht habe. Und Spaß macht es ihm immer noch, wenn Besucher kommen. Vor allem Schulklassen darf Kammermeier häufig an der bäuerlichen Kultur teilhaben lassen. 

Sein Sohn Simon würde das Museum gerne weiterführen, um das auch weiterhin zu ermöglichen. Ihm fehlen jedoch Zeit und Geld, sich im gleichen Maß wie sein Vater für das Bauernhofmuseum einzusetzen. „Die Zukunft des Museums ist sehr in Frage gestellt“, erklärt Alois Kammermeier deshalb. „Wenn die höheren Institutionen uns nicht unter die Arme greifen, wird es so nicht weitergehen können.“ Er erhofft sich Unterstützung von der Denkmalpflege. Wichtig sei, dass ein Hausmeister und Gärtner angestellt werden können, um das Museum zu pflegen und Kammermeiers Aufgaben zu übernehmen. 

Eine weitere Herausforderung des Museumsbesitzers ist sein Depot für frühes landwirtschaftliches Gerät in der Halle seines anderen Sohnes in Tandern. Dieser benötigt den Platz jedoch bald selbst – das Problem müsse noch heuer gelöst werden, sonst müsse alles auf dem Schrott landen. Wo dann alles hinkomme, „steht noch in den Sternen“, so Kammermeier. Ein begehbares Archiv sei vorstellbar, doch gerade „wartet schon der Müllcontainer“, befürchtet er. 

Und doch ist er zuversichtlich, dass zumindest das Museum in Ebersbach weiterbestehen kann. „Das Museum ist unersetzlich“, davon ist er überzeugt. Obwohl es zahlreiche nicht-staatliche Museen in der Region gibt, ist ihm kein einziges Bauernhofmuseum wie das seine bekannt. Diese Einzigartigkeit müsse auch von höherer Instanz erkannt werden. Von einem Treffen mit dem Kreis- sowie Bezirksheimatpfleger erhofft Alois Kammermeier sich eine positive Rückmeldung. Das Problem an der Sache sei jedoch, dass nur staatlich subventioniert werde, wo ein wirtschaftliches und touristisches Interesse dahinter läge. Da sind laut Kammermeier Museen nördlich der Isar, wie das seine, im Nachteil gegenüber den Museen in touristisch interessanteren Regionen im Süden Bayerns.

Eva Lang

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