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Auch noch nach Jahrzehnten ist es für die Sennefelders etwas Besonderes wenn sich Menschen mit ihren Lebkuchenherzen eine Freude machen. Da derzeit alle Feste verboten sind, verkaufen Detlef Sennefelder (r.) und Sohn Florian ihre süßen Spezialitäten auf einem Supermarktparkplatz. die Familie bang um ihre Existenz.

Die Corona-Pandemie löst Existenzängste aus

Schausteller fühlen sich allein gelassen

  • vonChristiane Breitenberger
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Detlef Sennefelder ist seit Jahrzehnten im Schausteller-Geschäft, liebt dieses Leben. Die Corona-Pandemie hat diesen Traum zerstört, alle Feste sind bis auf unbestimmte Zeit verboten.

Röhrmoos – Detlef Sennefelder ist ein Mann, der anpackt. Ein Mann, der ständig seine Hände benutzt. Um seine Süßwaren über die Theke zu reichen, um an seinen Wagen zu werkeln, wenn mal was kaputt geht, und, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, wenn er etwas erzählt. Und wer sich derzeit mit ihm an seinem Stand unter mit Zuckerguss bunt verzierten Lebkuchenherzen unterhält, hört eine düstere Geschichte – über Existenzangst und das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein.

Der 58-jährige Röhrmooser ist seit rund 30 Jahren mit seiner Familie im Schausteller-Geschäft, anfangs noch nebenbei, neben dem kleinen Lotto-Toto-Laden in Dachau Ost, später dann hauptberuflich. Seit den 90er Jahren verkaufen die Sennefelders Lebkuchenherzen, Schokofrüchte, gebrannte Mandeln, aber auch Schaschlik und Currywürste auf nahezu allen Festen und Märkten im Dachauer Landkreis. Auch in Lohhof, Olching und seit vier Jahren auf der Wiesn gibt es „Sennefelder’s süße Spezialitäten“. Im Betrieb arbeiten aus der Familie Detlef Sennefelder mit seiner Frau Marianne, Sohn Florian und dessen Frau Angi mit. Jetzt gerade würde die Familie eigentlich mit ihrem Wagen und ihrem kleinen Biergarten am Indersdorfer Volksfest stehen. Doch das ist abgesagt.  

Dieses Leben, es ist ein besonderes, Detlef Sennefelder ist ihm verfallen. Menschen mit kleinen Dingen den Tag versüßen, das ganze Jahr über Volksfeste und Märkte bereichern. Doch plötzlich gibt es nichts mehr, was er bereichern kann. Wegen der Corona-Pandemie sind Volksfeste verboten, Märkte abgesagt. „Man hat uns die Geschäftsgrundlage genommen“, sagt Sennefelder. Es ist schlimm, sagt er und greift mit seinen Händen ins Nichts. Will anpacken, wo er nicht anpacken darf. „Mann will hinlangen, arbeiten, aber es ist einem verboten.“

Weil derzeit alle Veranstaltungen abgesagt sind, verkauft Sennefelder seine Süßwaren in seinem Wagen auf dem Rewe-Parkplatz in Indersdorf. „Ich bin gottfroh, dass uns das die Familie Leitenstorfer erlaubt.“ Doch das, was die Familie dort an ihrem Stand verkauft, reicht „gerade mal fürs Essen“, so Sennefelder. Nicht für die Miete, nicht für die Lagerkosten für seine Wagen, nicht für die Krankenversicherung.

Sennefelder ist auch stellvertretender Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Schausteller auf dem Dachauer Volksfest. Er weiß, dass es seinen Kollegen genauso schlimm geht wie ihm. „Wir sind ja kein Einzelfall, so viele Familien haben jetzt Angst um ihre Existenz. Denken Sie nur mal an die Betriebe, die ein Fahrgeschäft betreiben. Katastrophe.“ Er ist niemand, der schnell, gar leichtfertig jammert. Klar, sagt er, als Schausteller kennt er das, Zeiten die nicht rosig sind, verregnete Feste, verregnete Sommer, Jahre, in denen die Leute nicht genug Geld haben, um es für kleine Freuden auszugeben. Solche Dinge sind einkalkuliert. 30 Jahre hat er trotzdem immer solide gewirtschaftet, das „kann jeder, der in meine Bücher schaut, sehen.“ Aber jetzt – „dass du ein Jahr lang nicht arbeiten kannst – mit sowas rechnest du nicht. Wir hatten noch nie ein Berufsverbot“, sagt Sennefelder und zündet sich eine Zigarette an, die dritte, seit er angefangen hat, seine Geschichte zu erzählen. Und Sennefelder erzählt diese Geschichte oft. Fast bei jeder Tüte verkaufter gebrannter Mandeln muss er von seinen Existenzängsten erzählen. Die Kunden wollen wissen, wie es der Familie geht, die sie seit Jahren von verschiedenen Volksfestbesuchen kennen. „Ein Jahr Verdienstausfall – wie soll man das schaffen, ganz egal, wie gut man gewirtschaftet hat?“, fragt Detlef Sennefelder.

Sein Sohn Florian (31), der voll im Betrieb mitarbeitet und der eigentlich das Geschäft mal übernehmen sollte, hat drei kleine Kinder zu Hause. „Der Große ist acht, die kleinen Zwillinge vier. Mein Bub hat letztes Jahr ein Haus gekauft, wie soll das alles gehen? Er räumt jetzt Regale im Supermarkt ein“, sagt Detlefs Sennefelder. „Wir wollen ja arbeiten, wollen keinem auf der Tasche liegen.“ Fünf Sätze, eine Zigarette. Als könnte er sie damit anzünden, die Angst, die sich gerade in die Schausteller hineinbrennt. Machen, dass sie sich endlich einfach in Rauch auflöst.

Doch Sennefelder denkt nicht nur an seine Familie, er denkt an seine 20 Aushilfskräfte, die sich bei ihm „etwas dazuverdient haben“, er denkt an seine Zulieferer, die jetzt Ware „bis zum Abwinken haben, die keiner will“, die teils bis zu 50 Leute beschäftigen. Ja, auch Detlef Sennefelder hat die Soforthilfe beantragt, gleich Mitte März, er wartet allerdings noch heute auf sein Geld. Zudem, 9000 Euro einmalig. „Das war ja für die Betriebe als Überbrückung. Bis sie wieder arbeiten dürfen. Aber wir Schausteller, wir können ja nichts tun“, sagt Sennefelder. Wieder wissen die kräftigen Hände nicht, wohin sie greifen sollen, finden die Schachtel Zigaretten. Als es Sennefelder bemerkt, sagt er nur: „Die Nerven liegen einfach blank.“

Natürlich hat Sennefelder „als Mensch, der seriös wirtschaftet, vorgesorgt“, wie er sagt. Aber er wird „einen Teufel tun, um seine Altersvorsorge aufzubrauchen, um dieses Geschäft zu retten, um dann später in Rente von der Stütze zu leben“. Sennefelder schüttelt den Kopf. „Die Ungewissheit ist das Allerschlimmste.“ Nicht zu wissen, wann es weitergehen soll. Von der Politik heißt es, Volksfeste „wird es erst wieder geben, wenn es einen Impfstoff gibt“, sagt Sennefelder. Jetzt macht er eine lange Pause und sagt: „Was ist, wenn es erst in zwei Jahren oder später sowas gibt? Bis dahin sind wir kaputt. Dann gibt es keinen mehr, der ein Volksfest machen kann.“

Undenkbar für viele seiner Stammkunden. „Ich kenne viele, da waren sie noch so“, Sennefelder hält sich die Hand neben sein Knie, „und jetzt sind sie so“, seine Hand wandert zu seinem Hals. Er war dabei, als sie ihrer Oma mit einer Tüte Mandeln eine Freude machten oder wie sie ihre erste Liebe mit einem Lebkuchenherz überraschten und dafür einen Kuss abstaubten. Das sind die Momente, für die Sennefelder das Schaustellerdarsein so liebt. „Ich kenne ihre Familiengeschichten, ihre Kinder.“ Viele Stammkunden besuchen die Sennefelders jetzt auf dem Rewe-Parkplatz. „Ich kann mich nicht genug für die Unterstützung bedanken,“ sagt er.

Doch Unterstützung würde er sich für alle Schaustellerfamilien „die immer gut gewirtschaftet haben“, vom Staat wünschen. „Wir brauchen einen Rettungsschirm! Es geht hier um 5000 bis 6000 Betriebe, da muss ich doch als Staat was tun.“

Familie Sennefelder ist auf der Suche nach Plätzen, auf denen sie ihre süßen Spezialitäten verkaufen dürfen. Wer helfen möchte und einen Standplatz hat, soll sich bei Detlef Sennefelder unter Telefon 01 72/9 30 42 37 melden.

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