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Die Franziskanerinnen von Schönbrunn: Eine Familie ohne Nachwuchs

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Einst sträubte sie sich gegen das Klosterleben, heute ist sie Generaloberin: Schwester Benigna berichtet, wie sie an und mit dem Glauben wuchs – und wie Schönbrunn durch sie wuchs und sich wandelte.
Einst sträubte sie sich gegen das Klosterleben, heute ist sie Generaloberin: Schwester Benigna berichtet, wie sie an und mit dem Glauben wuchs – und wie Schönbrunn durch sie wuchs und sich wandelte. © Meyer-Tien

Niemals wollte sie ins Kloster, dann wurde sie sogar Oberin. Schwester Benigna von den Franziskanerinnen von Schönbrunn über einen Ruf, der sie nicht losließ, abgetragene Mauern in der Behindertenhilfe und das Ordensleben in Zeiten der Kirchenkrise.

Schönbrunn – Ebenso freundlich wie bestimmt beantwortet die 71-jährige Ordensfrau die Frage, die ihr wohl nicht zum ersten Mal gestellt wird: „Sie nennen mich einfach Schwester Benigna.“ Den Ordensnamen bekam sie vor mehr als 50 Jahren bei ihrem Eintritt ins Kloster, als Symbol für ihr neues Leben, er bedeutet: die Gute, die Gütige. „Das ist mein Lebensprogramm“, sagt sie, und dann beginnt sie zu erzählen. Von jener Zeit, als sie sich noch gegen das Klosterleben sträubte. Wie sie wuchs, an und mit ihrem Glauben und durch ihre Arbeit im Dörfchen Schönbrunn, und wie andererseits der Ort durch sie wuchs und sich wandelte.

Als Schwester Benigna die Berufung verspürte

Die Franziskanerinnen, Schwester Benigna und Schönbrunn, das gehört zusammen. Doch die Zahl der Ordensfrauen in Schönbrunn sinkt. Als Schwester Benigna erstmals nach Schönbrunn kam, markierte noch eine Mauer die Grenze der damaligen „Anstalt“ zur Kreisstraße. „Es war ein sehr geschlossener Ort“, sagt Schwester Benigna. 1960 kümmerten sich hier rund 400 Klosterschwestern um Kinder, Erwachsene und Senioren mit allen Formen von Behinderung. Zwei Tanten hatte das junge Mädchen, das in einem Dorf in der Hallertau aufwuchs, die sie damals im Kloster Schönbrunn besuchte. Für sie selber, dachte sie, ist das nichts. Nie. Sie wollte tanzen gehen, heiraten, Kinder haben. Die behinderten Menschen machten ihr anfangs sogar ein bisschen Angst.

Aber irgendwann war da dieses Gefühl. „Man redet ja nicht umsonst von Berufung“, sagt sie, und ganz genau erfassen lässt es sich als Außenstehender wohl nicht. Jedenfalls: Eine Weile kämpfte sie dagegen an, ging erst recht zum Tanzen, und dann – im Jahr 1968 – trat sie doch in den Orden ein. Klosterleben statt tanzen gehen, Behindertenhilfe statt Familienleben. Wobei sie, sagt sie, das Leben in Schönbrunn immer schon als sehr familiär erlebt hat. Der strukturierte Tagesablauf, das gemeinsame Beten, die Gemeinschaft im Orden. Auch das Zusammenleben mit den Bewohnern, die damals noch ausschließlich von Schwestern betreut wurden, sei schon damals wie in Familien gewesen, auch wenn es noch keine kleinen Wohngruppen, sondern große Schlafsäle gab. Und man Arbeit mit Menschen mit Behinderung noch als Krankenpflege bezeichnete, isoliert von der Gesellschaft. Aber ganz selbstverständlich war es, sagt Schwester Benigna, im Sinne der Einrichtungsgründerin Gräfin Victoria von Butler Haimhausen, den Ausgegrenzten eine Heimat zu schaffen, sie zu beschützen, zu versorgen, ihnen Bildung und Arbeit zu ermöglichen.

Jeder zweifelt, das ist legitim und wichtig.

Schwester Benigna

Vor allem aber erlebte Schwester Benigna Schönbrunn als sehr lebendigen Ort, nahezu autark, der mitten in den 1970er Jahren jungen Frauen wie ihr die vielfältigsten Möglichkeiten bot. Es gab neben Krankenschwestern auch Damen- und Herrenschneidermeisterinnen, eine Schuhmachermeisterin, eine Braumeisterin, eine Müllermeisterin: Was anderswo reine Männerberufe waren, dafür qualifizierten sich in Schönbrunn auch die Schwestern.

Schwester Benigna begann in der Verwaltung, merkte aber schnell, dass sie mehr lernen wollte. Machte eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin, zur Heilpädagogin, und immer mehr zeichnete sich ab, dass das Mädchen, das gerne tanzen wollte, seinen Platz gefunden hatte. Nicht ohne die Entscheidung immer wieder zu hinterfragen: „Jeder zweifelt“, sagt Schwester Benigna ernst, „und das ist legitim und wichtig“. Die Krisen, die Frage, ob der Weg der richtige ist, all das gehöre zu jedem Leben. Auch und gerade zu einem Leben, das man in den Dienst eines größeren Ziels gestellt hat. Manche Schwester habe den Orden wieder verlassen. Gute Freundinnen, deren Verlust schmerzte und deren Weggang auch ihren eigenen Lebensentwurf in Frage stellte: „Bin ich wirklich an der richtigen Stelle?“

Sie blieb. Absolvierte Managementkurse für Sozialpädagogik, übernahm mehr und mehr Leitungsaufgaben, wurde 1990 erstmals Oberin. „Mir ist sehr viel ermöglicht worden“, sagt sie, „und ich habe mich selber so erfahren, dass ich gut analysieren und Dinge weiterentwickeln kann“. Das half ihr, denn die Welt um Schönbrunn herum veränderte sich, und damit auch das Leben in dem kleinen Dorf ebenso wie das der Ordensfrauen. Nur noch wenige Novizinnen kamen, für Frauen war es leichter geworden, sich auch außerhalb der Klostermauern zu verwirklichen. Um die Bewohner trotzdem bestmöglich versorgen zu können, waren die Schwestern immer mehr auf Fachkräfte von außen angewiesen.

Gleichzeitig wandelte sich auch der Anspruch an die Betreuung: Zunehmend setzte sich die Erkenntnis durch, dass behinderte Menschen mehr brauchen als bloße Fürsorge. Gesellschaft und Politik diskutierten über Teilhabe und Integration, in Schönbrunn suchte man nach Wegen, die Schlagworte mit Leben zu füllen. Die Mauer am Dorf fiel, die Angebote wurden vielfältiger und differenzierter. Und es war unter der Führung von Schwester Benigna, dass der Orden schließlich den entscheidenden Schritt ging, das Dorf zu öffnen und ihm eine Perspektive für die Zukunft zu geben: 1994 wurde aus der seit einem Jahrhundert von Ordensfrauen und geistlichen Direktoren geleiteten Anstalt Schönbrunn das weltlich geführte Franziskuswerk.

Die jüngste Schwester ist 55 Jahre alt

Die Franziskanerinnen von Schönbrunn und ihre Arbeit blieben das Herz der Einrichtung. Doch die Gemeinschaft verändert sich weiter: 42 Schwestern zählt der Orden derzeit noch, die Jüngste der Schwestern hat bereits ihren 55. Geburtstag gefeiert. Noch immer sind sie sehr aktiv, bieten Unterstützung für Hilfsbedürftige, verstehen sich als geistliches Zentrum in der Region.

„Ich vergleiche uns manchmal mit einem Ehepaar ohne Nachwuchs“, sagt Schwester Benigna, „wir sind uns bewusst, dass in unserer Zeit der Kirchen- und Glaubenskrise Ordenseintritte eher eine Seltenheit sind“. In der Rückschau auf die Kirchen- und Ordensgeschichte sei es jedoch durchaus möglich, dass in Schönbrunn Ordensleben in neuer Form und Ausrichtung weitergeht. Und eines ist für die Franziskanerinnen von Schönbrunn auf jeden Fall Gewissheit: Selbst wenn es ihren Orden einmal nicht mehr geben sollte, ihre Botschaft lebt weiter.

Serie: Schönbrunn im Wandel

In einer Serie betrachten die Dachauer Nachrichten den Weg von der „Anstalt Schönbrunn“ hin zur Pflege-, Förder- und Betreuungseinrichtung, die das Franziskuswerk heute ist. Die Reihe umfasst neben dem heutigen Teil über die letzten Schwestern von Schönbrunn folgende Themen: „Die ganz besondere Schule: Neubau der Johannes-Neuhäusler-Schule“, „Vom Tellerwäscher zum Millionär – nicht ganz, aber einige Mitarbeiter haben im Franziskuswerk außergewöhnliche Karrieren gemacht“, „Aus Schönbrunn in die weite Welt: Was es für einen Bewohner bedeutet, in eine Außenwohngruppe zu ziehen“, „Arbeit, die mehr als Arbeit ist: der Alltag in einer Behindertenwerkstatt“ sowie „Das Franziskuswerk und die Aufarbeitung der NS-Zeit“. Katia Meyer-Tien

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