Jakob Kürzinger
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Jakob Kürzinger hat im Lauf seines nun 100-jährigen Lebens viel gesehen und durchlitten. Doch aufgegeben hat er nie.

So oft sah er dem Tod ins Auge

Jakob Kürzinger aus Inzemoos wird am heutigen Dienstag 100 – Rückblick auf ein bewegtes Leben

  • VonJosef Ostermair
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Jakob Kürzinger aus Großinzemoos feiert an diesem Dienstag seinen 100. Geburtstag. Er lebt zwar schon seit 2019 im Pflegeheim in Ebersbach, im Herzen ist er aber Inzemooser geblieben. In 100 Jahren hat Kürzinger viele Höhen und Tiefen erlebt. Gerade in Kriegszeiten aber war dem Tod oftmals näher als dem Leben.

Großinzemoos/Ebersbach ‒ Der als drittes von sechs Kindern in Freising geborene Jubilar hat aber auch viele schöne Zeiten erlebt. „Die erfreulichsten Ereignisse in meinem Leben waren, dass ich meine Frau Ursula beim Tanzen kennenlernen und 1949 heiraten durfte“, hat Kürzinger in seinem ausführlichen Lebenslauf geschrieben. Ein weiterer ganz freudiger Anlass war die Geburt von Tochter Helga im Jahre 1950.

Nach der Volksschule stieg Kürzinger als 14-Jähriger ins Berufsleben ein, das in der Backstube begann – er erlernte den Beruf des Bäckers. Die Gesellenzeit verbrachte er in Rheydt bei Mönchengladbach. Dort durfte er bei einer befreundeten Familie wohnen. „Aber irgendwann war’s mir zu eng, ich wollte was von der Welt sehen“, so Kürzinger. Also heuert er als Kochmaat und Bäcker auf dem Kühl- und Handelsschiff „Alstertor“ in Hamburg an. So führte ihn sein weiterer Berufsweg bis nach Santos in Brasilien. Leider blieb es bei dieser einzigen Fahrt, die schon nach fünf Wochen beendet war: Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde das Schiff der Marine unterstellt.

Kürzinger kam zurück nach Freising und arbeitete wieder als Bäcker. Doch dabei blieb es nicht lange. 1940 wurde er zum Arbeitsdienst nach Cherbourg (Frankreich) einberufen und von dort zur Marine nach Emden versetzt, schließlich hatte der junge Kürzinger ja Erfahrung als Matrose. Es folgten die Grundausbildung bei der Marine im besetzten Holland und die Ausbildung bei der Artillerie und Bordflak auf Rügen, bis er 1942 nach Neapel zur dortigen Bordflakabteilung versetzt wurde.

Kürzingers Aufgabe war es damals, zusammen mit seinen Kameraden Waffen, Munition, Bomben und Treibstoff übers Mittelmeer zu transportieren. „Die meisten unserer Transporte erreichten ihr Ziel nicht. Wir wurden auf offener See und auch in den Häfen von Jagdfliegern bombardiert oder von U-Booten torpediert“, erinnert sich der 100-Jährige noch gut. Von seinen ursprünglich 36 Kameraden überlebten mit ihm nur neun diese Überfahrten. Mehrmals wurde Kürzinger in letzter Minute gerettet. Zweimal wurde er so schwer verwundet, dass er zurück nach Deutschland ins Lazarett musste.

Doch auch damit war der grausame Krieg für Kürzinger nicht zu Ende. Nach seiner Genesung wurde er in Rotterdam als Schlepperführer eingesetzt. Bei seiner letzten Fahrt nach Duisburg traf eine Fliegerbombe sein Schiff und versenkte es. „Aber ein Rettungsboot fischte mich auf“, erinnert sich Kürzinger.

Sechs Monate verbrachte Kürzinger in Ostfriesland in Kriegsgefangenschaft, bevor er nach Freising zurückkehren durfte.

Nach dem Krieg war es für ihn schwer, eine gute Arbeitsstelle zu finden. Doch er scheute keine Arbeit, arbeitete nicht nur als Bäcker, sondern auch als Hausmeister, Bahnpolizist und Bauhelfer, bis er 1951 endlich eine feste Stelle bei Krauss-Maffei in Allach fand. Dort begann er als Kranfahrer in der Gießerei, arbeitete sich zum Ausbilder hoch und wurde bis zum Renteneintritt 1982 als Meister für Arbeitssicherheit eingesetzt.

In den Landkreis Dachau war Kürzinger schon 1956 gekommen, wo er auf der Einöde Gänsstall eine Wohnung fand und seine Frau auf dem Hof arbeiten konnte. Wegen der besseren Bahnverbindung nach Allach kauften sich die Kürzingers 1959 ein Grundstück in Großinzemoos und bauten mit hoher Eigenleistung ein Haus, das 1960 bezogen wurde.

Das Geld war knapp. Um über die Runden zu kommen, hielt sich die Familie Tiere, versorgte sich aus einem Obst- und Gemüsegarten zum Teil selbst. In der Urlaubszeit ging es meist in die Holledau, um Verwandten bei der Hopfenernte zu helfen. Erst in den 70er-Jahren erfüllte sich Kürzinger mit einem Swimmingpool einen lange gehegten Traum.

Der heute 100-Jährige schätzte auch das Vereinsleben in der Gemeinde Röhrmoos, was seine Mitgliedschaft in sieben Vereinen bezeugt. Besonders schätzte man ihn als Fahnenbegleiter beim Inzemooser Veteranenverein und als Organisator beim Röhrmooser Wintersportverein, wo er Skigebiete, Loipen und Unterkünfte organisierte, Wettkämpfe vorbereitete und auch für die Geselligkeit wichtige Dienste leistete.

Obwohl er schon einen Führerschein seit 1957 hatte, leistete er sich erst Anfang der 70er-Jahre sein erstes Auto, einen Opel Kadett. Mit diesem Auto machte er gerne Ausflüge in die Berge. Größere Urlaubsfahrten gab’s bei den Kürzingers erst nach Rentenbeginn. Da ging es dann nach Madeira, Florida, Zypern, England, Holland, Spanien und auf die Kanaren.

Im Frühjahr 1995 eröffneten Ärzte Kürzinger eine niederschmetternde Diagnose: Ein großer Tumor war im Bauchraum festgestellt worden. Eine sofortige Operation im Dachauer Krankenhaus wurde damals als „aussichtslos“ abgebrochen. Die Ärzte schätzten seine Lebenserwartung nur noch auf wenige Wochen. Doch eine Verlegung zur Operation nach Großhadern bewirkte Wunder.

Dass er mit 88 Jahren noch mit Urenkel Laurin auf dem Hof Fußballspielen würde, hätte sich der „eiserne Opa“ nicht träumen lassen. Zugesetzt hat ihm natürlich der überraschende Tod seiner Frau im Jahre 2006, aber mit Unterstützung seiner Tochter konnte er noch bis zu seinem 98. Geburtstag einigermaßen selbstständig in seiner Wohnung leben. Seither ist er aber im Pflegeheim Pro Seniore in Ebersbach gut aufgehoben, wo ihn heute viele Gratulanten beglückwünschen werden. Tochter Helga und Schwiegersohn Michael Leinberger gehen davon aus, dass der Jubilar womöglich der älteste Leser der Dachauer Nachrichten ist.

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