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Erinnert an die irrsinnige Wette von Franz-Xaver Gattinger: das alte Wagenrad. Josef Gattinger und dessen gleichnamiger Enkel halten es in Ehren.  

Verrückte Herausforderungen in Biberbach

Die Wahnsinns-Wette vor 90 Jahren

Die verrücktesten Wetten im Landkreis? Werden mit Sicherheit in Biberbach abgeschlossen. Doch was genau heute vor 90 Jahren gelaufen ist, stellt alles in den Schatten.

von Josef Ostermair

Biberbach – Es gibt kaum einen anderen Ort im Landkreis, in dem es zu so verrückten Wetten kam, wie in Biberbach. Egal, ob die Böllerschützen in Eiseskälte im Biberbach barfuß ein Reihenfeuer eröffnen (wie das heuer im Frühjahr der Fall war), oder ob es heißt: Mensch gegen Maschine (wie bei spektakulären Wetten in den vergangenen Jahren). Was haben die Biberbacher schon alles gewettet?

Da erinnert sich der Pfaffelmoser Toni an den Fuchs Ferdl, der es geschafft hat, einen mit 50 Kilo befüllten Getreidesack ohne Ruhepause von Biberbach bis zum Röhrmooser Bahnhof zu tragen, oder an die zwölf jungen Biberbacher, die es geschafft haben, einen 16er-Eicher zu stoppen. Spektakulär verlief auch das Seilreißen, bei dem junge Leute aus dem Ort gegen einen 75-PS-Bulldog antraten. Auch mit einer Maschine, also besser mit einem Auto, wollten sich 75 Leute messen – sie versuchten, einen 7er-BMW aufzuhalten, doch der BMW gewann. Unentschieden endete die PS-Wette zwischen einem riesigen Ferguson beim gegeneinander Ziehen mit vier kleinen Bulldogs.

So gab es in Biberbach Jahr für Jahr verrückte Wetten, doch die Wette vor exakt 90 Jahren stellt alle bisherigen Wetten in den Schatten: Damals schrieb der Biberbacher Wagnermeister Franz-Xaver Gattinger Dorfgeschichte. Auch wenn sie zur damaligen Zeit täglich bis zu 15 Stunden schufteten – am Montag „blau“ zu machen, war für drei Handwerksmeister zur Gewohnheit geworden. Warum sollten sich der Franz-Xaver Gattinger (Wagnermeister), der Forster (Sattlermeister und Musikant) und der Ziller (Schuhmachermeister und Jagdaufseher) sonntags auf der Kegelbahn drängeln, wenn sie der Wirt am Montag genauso gern versorgte?

An einem solchen „blauen“ Montag im Mai 1928, machte das Bier dieses Trio gesprächig. Zweifellos zeigten sich bereits damals die ersten Auswirkungen der industriellen Produktion von Gebrauchsgütern aus dem Handwerk. So ging es in der Heigl-Wirtschaft wohl lautstark um die Ehre und die Leistungsfähigkeit des Handwerks. Bald waren sich zwei aus dieser Runde einig, den Dritten herauszufordern. So kam es zu der Wette, über deren Verlauf heute Josef Gattinger (66), Enkel des Franz-Xaver, von seinem Vater überliefert, noch genau zu berichten weiß:

Für 50 Reichsmark verpflichtete sich der Wagnermeister zu folgender Leistung: Zwischen dem Frühleuten (5 Uhr) und dem Abendläuten (20 Uhr) hatte er eine Eiche zu fällen, den Stamm zu spalten, aus dem Holz ein Wagenrad zu fertigen und es nach Dachau und zurückzurollen. Als Termin wurde der 28. Mai 1928 festgelegt. Pünktlich um 5 Uhr hörten Biberbacher die ersten Axthiebe im Gemeindewald. Um 6 Uhr war das Holz in der Werkstatt, und sechs Stunden später war das Rad fertig. Normalerweise benötigte ein Geselle anderthalb Tage dafür. Während Franz-Xaver sein Rad nach Dachau zum „Hörhammer“ rollte, begleiten ihn seine Wettfreunde Forster und Ziller mit ihren Fahrrädern auf der 13 Kilometer langen Strecke. Denn zur Wette gehörte auch, dass das Rad unterwegs nicht umfallen durfte.

Um 14 Uhr saßen die drei Biberbacher Handwerker bereits bei der ersten Mass. Es blieb nicht bei einer, denn der Wagnermeister ließ sich Zeit, brauchte er doch erst beim Abendläuten zurück zu sein. Und schließlich trinkt sich das Dachauer Bier nicht weniger gut als das Vierkirchner oder Haimhauser. Als die Glocken zur Maiandacht riefen, rollte der stolze Wagnermeister sein mit Blumen geschmücktes Wagenrad an der Biberbacher Kirche und den Kirchgängern vorbei und hatte somit diese Wahnsinns-Wette gewonnen.

Auch 90 Jahre später wird das alte, holzgedübelte Rad von Schreinermeister Josef Gattinger hoch in Ehren gehalten. Der Laufkranz des Wagenrades, das in der heutigen Schreinerei aufgehängt ist, trägt deutlich die Spuren der Schotterstraße, denn Asphalt gab es vor 90 Jahren im Dachauer Hinterland noch nicht. Enkel Josef fragt sich heute, wie sein Opa, der zum Zeitpunkt der Wette immerhin schon 53 Jahre alt war, zu dieser wahrhaft olympischen Leistung fähig war. Seine Tat stellt „Wetten, dass“ in den Schatten. Franz-Xaver Gattinger war aus Vierkirchen zugezogen, kaufte 1903 die Wagnerei, die damals beim „Oberwirt“ war, und baute ein kleines Anwesen an der Brücke am Biberbach. Als seine erste Frau starb, stand er mit sechs Kindern da. Er nahm sich eine zweite Frau, die ihm weitere neun Kinder schenkte, so dass man sich nicht wundern muss, warum der Name Gattinger im Dachauer Hinterland so verbreitet ist.

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