Der Ruhestand im Landkreis Dachau ist teuer

Die große Scham der Rentner

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Der Landkreis gehört zu den zehn teuersten Altersruhesitzen in ganz Deutschland. Grund dafür sind vor allem die hohen Mietpreise. Doch viele Rentner wollen sich ihr Elend nicht eingestehen.

Ihren Lebensabend stellen sich viele Menschen wohl so vor: gesund bleiben, von Verwandten und Freunde umgeben sein, ab und an in den Urlaub fahren und eine Rente haben, die zum Auskommen reicht. Obwohl die Renten im Juli um rund fünf Prozent erhöht wurden, können einige Rentner im Landkreis Dachau von so einem entspannten Ruhestand nur träumen – denn die Region gehört zu den zehn teuersten Altersruhesitzen in ganz Deutschland. 

Lena Wirthmüller, Schuldnerberaterin bei der Caritas Dachau, sieht den Grund für die zunehmende Altersarmut vor allem in den hohen Mieten im Landkreis: „Mittlerweile kann der Quadratmeter Wohnfläche schon über 14 Euro kalt kosten.“ Das setzt neben den Arbeitnehmern auch den über 65-Jährigen zu, die keine eigene Wohnung oder ein Haus besitzen: „Jede Mieterhöhung ist jedes Mal ein neues Problem für die Rentner“, erklärt die Schuldnerberaterin der Caritas. Denn die Mietpreise steigen um München herum.

In einem anderen Bundesland könnten sich die Rentner mehr Wohnfläche leisten, sagt Wirthmüller. Doch ein Umzug steht für die meisten Menschen über 65 nicht zur Debatte. „Sie sparen dann bei der Gesundheit und vor allem an den Zähnen“, erzählt Wirthmüller. Denn der Eigenanteil für den Zahnersatz liegt im dreistelligen Bereich. Außerdem verzichten arme Rentner, die privat versichert sind, auf Vorsorgebehandlungen und sind damit einem Risiko ausgesetzt, denn: „Armut und Krankheit hängen direkt zusammen. Wer arm ist, wird auch schneller krank“, erklärt Lena Wirthmüller. 

Gerade alleinerziehende Frauen, die sich von ihrem Mann getrennt haben, sind im Landkreis von Altersarmut betroffen. Oder Selbstständige, die ihre Altersvorsorge in früheren Jahren in die eigene Firma investiert haben. 

Wer weniger als 950 Euro Rente im Monat für Miete und Lebenshaltungskosten zur Verfügung hat, kann eine Grundsicherung beim Landratsamt beantragen: Im Landkreis nehmen 399 Personen über 65 Jahre die Grundsicherung in Anspruch, das sind 2,76 Prozent der Rentner im Landkreis, teilt Brigitte Detering vom Sozialwesen im Landratsamt mit. 

Jedoch sei der Schatten dieser Zahl noch viel höher, so Lena Wirthmüller von der Caritas. Sie vermutet, dass doppelt so viele Senioren im Landkreis den Antrag auf eine Grundsicherung stellen könnten, aber: „Sie haben eine zu große Scham und wollen den Schein wahren.“ 

Auch Edda Drittenpreis, Leiterin der Dachauer Tafel, hat das bereits beobachtet – nur rund 50 Senioren nehmen das kostenlose Lebensmittelangebot der Tafel in Anspruch. „Sie haushalten dann lieber sehr bescheiden“, sagt Drittenpreis: „Die Senioren kennen schlechte Zeiten und sparen dann eben sehr an sich selbst.“ 

Auch Wolfgang Gartenlöhner, Sachgebietsleiter für Seniorenangelegenheiten im Landratsamt, kennt die Scham der Senioren. Sie könnten bei Gartenlöhner Wohngeld, Berechtigungsscheine für die Dachauer Tafel oder Vergünstigungen für öffentliche Verkehrsmittel beantragen – aber nur wenige kommen. Dabei sind die Kosten für die Mobilität im Landkreis relativ teuer: „Weil es zum Beispiel kein Sozialticket für den Bus wie in München gibt“, erklärt Lena Wirthmüller. Vielmehr sparen sich viele Rentner dann einfach die Busfahrt zur Vorsorgeuntersuchung beim Arzt, die Kulturveranstaltung in Dachau oder den Besuch bei Freunden – und vereinsamen.

Anna Schwarz

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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