Reiste für ihre Recherche nach Posen: Karin Korte (rechts) aus Unterweilbach mit Antoni Brylinski und der Dolmetscherin Helena Jankowska. Foto: kn

Aus Saisonarbeit wurde vierjährige KZ-Haft

Dachau/Unterweilbach - Karin Korte aus Unterweilbach ist extra nach Posen gereist, um eine Biographie für die Wanderausstellung „Namen statt Nummern“ zu verfassen. Sie besuchte Antoni Brylinski, der im KZ schwer krank wurde.

„Die größte Herausforderung bei dieser Arbeit war, mich auf einen Menschen einzulassen, den ich nicht kannte und der eine solch leidvolle Erfahrung gemacht hat - eine Erfahrung, die unser Volk zu verantworten hat“, sagt die 66-Jährige leise. Der Mann, dem sich Karin Korte öffnen musste, war Antoni Brylinski. In Posen hat sie den Polen im Oktober 2009 besucht, um seine Biographie für das Gedächtnisbuch 2011 der internationalen Wanderausstellung „Namen statt Nummern“ niederzuschreiben.

Das Gedächtnisbuch ist eine fortlaufende Sammlung von Lebensgeschichten ehemaliger Häftlinge des KZ Dachau. Die Grundidee ist, die Namen hinter den anonymen Nummern der Häftlinge sichtbar zu machen. Den ehemals Inhaftierten soll ihre Individualität zurückgegeben werden, indem Freiwillige deren Geschichte recherchieren und niederschreiben. Seit 1999 wurden so über 100 Biographien in verschiedenen Sprachen veröffentlicht. Die Autoren sind unter anderem Schüler, Studenten, interessierte Erwachsene sowie Verwandte der ehemaligen Häftlinge. Ihre Arbeiten werden jedes Jahr am 22. März, dem Jahrestag der Errichtung des Konzentrationslagers, vorgestellt.

„Den Kontakt zu Antoni Brylinski habe ich über die Projektbetreuerin Sabine Gerhardus herstellen können“, erklärt Karin Korte. „Mit ihrer warmherzigen Art hat sie mich immer unterstützt.“

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach wurde Antoni Brylinski vom Arbeitsamt den Räumtrupps zugeteilt. Im Winter musste er Schneeschaufeln, später Kriegsschäden wegräumen. Eines Tages wurde ihm mitgeteilt, er müsse für einige Wochen nach Deutschland, um dort Saisonarbeit zu leisten. „Er wusste gar nicht, wie ihm geschieht“, sagt Korte. Denn aus wenigen Wochen sollten vier Jahre werden. Als 21-Jähriger kam er im Mai 1940 auf einem Gutshof in der Nähe von Berlin an und wurde dort als Zwangsarbeiter ausgebeutet. „Ende August 1944 wurde Antoni dort verhaftet, weil er angeblich feindliche Sender abgehört hat“, erzählt Korte. Er wurde ins Untersuchungsgefängnis nach Potsdam gebracht. Von dort aus wurde er ohne Prozess ins Konzentrationslager Dachau geschickt, wo er am 4. Oktober 1944 ankam.

Dann wurde er ins Dachauer Außenlager in Augsburg verlegt. Dort leistete er unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit für den Flugzeughersteller Messerschmitt. Durch die schlechte Unterbringung und unzureichende Ernährung wurde Antoni Brylinski bald krank. Er litt an der eitrigen Infektionskrankheit Phlegmone. Dadurch schmerzten seine Beine immer mehr - die Arbeit wurde zur Qual. Ende März 1945 wurde Brylinski nach Dachau zurückgebracht. Als die Amerikaner das Lager im April 1945 befreiten, erlebte der Pole das nur noch in Trance - eine heftige Typhuserkrankung macht ihm zu schaffen. Dennoch überlebte Antoni Brylinski diese schwere Zeit. Er ging zurück nach Polen und gründete eine Familie.

Sichtlich bewegt sagt Karin Korte: „Leider verstarb er am 7. Januar im Alter von 92 Jahren, sonst wäre er wahrscheinlich am 22. März zu Buchvorstellung nach Dachau gekommen.“ (mhz)

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mit Hitlerbärtchen in die Walachei
Das Bergkirchner Hoftheater führt Tschick auf: Die Helden des Stücks fahren dabei durch die ostdeutsche Provinz und erleben den Sommer ihres Lebens.
Mit Hitlerbärtchen in die Walachei
Patrizia Hierzer freut sich auf ihr neues Leben
Patrizia Hierzer bekam im Mai eine schreckliche Diagnose: Blutkrebs. Doch die Indersdorferin nahm den Kampf gegen ihre Krankheit auf. Sie fand einen passenden …
Patrizia Hierzer freut sich auf ihr neues Leben
Polizei schnappt zwei notorische Sprayer
Die Polizei hat zwei Sprayer geschnappt, denen insgesamt 170 Fälle von Sachbeschädigung zur Last gelegt werden. Der Schaden, den die beiden Dachauer anrichteten, ist …
Polizei schnappt zwei notorische Sprayer
Was der Jugend gefällt – und was nicht
Die jungen Leute aus Tandern wollen einen eigenen Raum. Die Gemeinschaft mit den Gleichaltrigen aus Hilgertshausen soll dadurch aber nicht leiden. Das wurde bei der …
Was der Jugend gefällt – und was nicht

Kommentare