Umrahmt von den bunten Sommerkleidern der Chordamen: Sopranistin Merit Ostermann beim Wiener Abend. Foto: sch

Schmachtfetzen und Wiener Schmäh im Barocksaal

Indersdorf - Michael Ostermanns Leitsatz „Man muss auch Kitsch singen können“ wurde im Indersdorfer Barocksaal in bester Weise in die Tat umgesetzt. Der Chorleiter und Dirigent gab mit dem Gesangverein Indersdorf, der eigenen Familie und dem Dachauer Schrammelseptett einen spritzigen Abend mit „Musik aus Wien“.

Der sonst so zurückhaltende Musiker zeigte, dass er ein gutes Händchen für die leichte Muse hat. Wie zu Zeiten der Donau-Monarchie wurde auf der Bühne charmiert, gelacht und geschrammelt, nur poussiert wurde nicht. Die beiden echten Wiener, die zufällig im Publikum saßen, dürften ihre wahre Freude gehabt haben.

Nur noch selten hört man Operetten-Evergreens und alte Schmachtfetzen österreichischer Komponisten. Umso beflügelnder ist es, wenn ein begeisterungsfähiger Chor und hervorragende Solisten sich ins Zeug legen, um dem Publikum einen Abend mit leichtläufiger Unterhaltung zu bescheren.

Vor etwa einem Jahr hat Michael Ostermann den von der Auflösung bedrohten Indersdorfer Gesangverein übernommen und seitdem buchstäblich in Schwung gebracht. Man spürte die Begeisterung der Sänger an der Musik. Das zeigten nicht nur die geblümten Sommerkleider der Damen, sondern auch deren strahlenden Gesichter.

Dabei war das Konzert gewissermaßen auch eine Familienangelegenheit. Michael Ostermanns Frau, die Schauspielerin Henny Lock-Ostermann, führte das Publikum charmant durchs Programm, die beiden Töchter traten als Solistinnen auf. Merit Ostermann ist Sopranistin mit Engagement an der Staatsoper Wiesbaden. Ruth Ostermann ist Tontechnikerin und spielt hervorragend Geige.

Das Dachauer Schrammelseptett ist ebenfalls der Initiative des musikalischen Leiters zu verdanken. Michael Ostermann (Klavier) und Tochter Ruth (Geige) spielten mit Helmut Krüger (Klarinette), Melanie Ahner-Kraus (Cello), Conny Arnold (Gitarre), Angelika Bretl (Kontrabass) und Christina Fritsch (Akkordeon) so schmissig auf, als musizierten sie in einem Wiener Beisl. Swingen ließen sie es in Ostermanns eigens komponierter „Wiener Würstl Swing Parade“.

Sopranistin Merit Ostermann sang mit klarem Timbre und gutem Ausdruck mit dem Chor unvergessliche Lieder wie Peter Alexanders „Ich kenn ein kleines Wegerl“ und das herzige „Ich hab amal a Räuscherl ghabt“ von Karl Kapeller.

Begeisterung erntete auch Ruth Ostermann als Solistin. In Vittorio Montis „Csardas“ ließ sie zur väterlichen Klavierbegleitung den Bogen temperamentvoll über die Saiten sausen und zeigte sich als wahre Teufelsgeigerin. Wiener Schmäh hatte Henny Ostermann in ihrer Conference zu bieten. Sie berichtete über die Österreicher und ihre Musik, die Komponisten Robert Stolz, Ralf Benatzki, die Gebrüder Schrammel und den Juden Paul Abraham, der nicht von der nationalsozialistischen Verfolgung verschont blieb.

Das Schrammel-Lied „Wien bleibt Wien“ gipfelte in Emmerich Kalmans „Tanzen möcht’ ich“. Diesen Wunsch hegte der eine oder andere im Parkett vermutlich schon länger. Wenn schon nicht getanzt werden durfte, so wurde am Schluss wenigstens gemeinsam gesungen: „Im Prater blüh’n wieder die Bäume“. (sch)

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