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Stopp zu jeglicher menschenmissachtender Kraft: Markus Holl von der Viktoria-von-Butler-Stiftung bei der Eröffnung der Quiltausstellung „Schönbrunn als Teil des Project 70 273“.

207 rote Kreuze gegen das Vergessen

Schönbrunn erinnert bei Gedenkveranstaltung an die Opfer des NS-Euthanasieprogramms

Bei einer Gedenkstunde und einer feierlichen Kranzniederlegung ist in Schönbrunn der Opfer des Nationalsozialismus gedacht worden.

Schönbrunn – Im Zentrum der Veranstaltung standen die 207 Schönbrunner Bürger, die größtenteils ins Bezirkskrankenhaus Haar überstellt und nachweislich zwischen Januar 1940 und August 1941 dem Euthanasieprogramm zum Opfer gefallen waren.

Der Dachauer Verein artTextil hat sieben Quilts angefertigt, die aus 207 einzelnen Textilblöcken genäht wurden. Die Aktion ist ein Beitrag zu dem internationalen „Project 70 273“ von Jeanne Hewell-Chambers. Die Amerikanerin Hewell-Chambers initiierte das Projekt, nachdem sie vom Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten erfahren hatte, dem 70 273 Menschen zum Opfer fielen. Die Idee ist, dass für jeden getöteten Menschen ein individuell gestalteter Textilblock mit zwei roten Kreuzen angefertigt wird. Diese sollen zu einer großen Ausstellung zusammengeführt werden. Die Größe der Blöcke entspricht der genormten Größe der Aktendeckel, die es für jede Person in Heil- und Pflegeanstalten gab.

Bei der Ausstellungseröffnung warf Markus Holl, Vorstandsmitglied der Viktoria-von-Butler-Stiftung Schönbrunn, einen Blick hinter diese Aktendeckel. Holl zitierte Friedrich Mennecke, einen Arzt und Gutachter des T4-Programms, und den stellvertretenden ärztlichen Leiter der NS-Tötungsanstalt Hartheim, Georg Renno. Die Zitate verdeutlichten die lebensverachtende und grausame Strategie des Nazi-Regimes. Holl forderte die Anwesenden auf, sich selber die Frage zu stellen, wo wir über Menschen hinwegsehen würden, weil „wir uns eingerichtet haben in unserer Behaglichkeit, in unserem Perfektionismus, auf den wir so stolz sind“. Die Quilts würden uns auffordern, hinter die Aktendeckel zu blicken: „Sie sagen ‚Stopp’ zu jeglicher menschenmissachtender Kraft. Die Quilts halten uns vor Augen, dass wir auch im Heute unser Leben bewusst und aufmerksam führen müssen.“

Andrea Leitensdorfer, 2. Bürgermeisterin von Röhrmoos, sagte bei der Kranzniederlegung vor dem Schönbrunner Mahnmal, dass Zivilcourage „das Lebenszeichen einer funktionierenden Gesellschaft“ sei. „Wir können den Frieden nur bewahren, wenn wir aktiv für ihn eintreten.“ Dies gelte in der Weltpolitik genauso wie im täglichen Leben. 

Systematischer Mord

Der Begriff „Euthanasie“ – schöner Tod – steht heute vor allem für das sogenannte „T4-Programm“ der Nationalsozialisten, bei dem systematisch kranke und behinderte Menschen umgebracht wurden. Nachweislich über 2400 Pfleglinge wurden von oder über Haar deportiert. Haar diente als Drehscheibe für das Programm. In vielen Fällen wurde nach Gutdünken und Gesinnung über Leben und Tod entschieden. Wurde ein rotes Kreuz auf den Meldebogen gemalt, bedeutete das den Abtransport in die für den „Gnadentod“ vorgesehenen Zentren.

dn

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