Musiker mit Bass an Schreibtisch
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Der Bass erklingt derzeit nur im Proberaum: Matthias Richter übt mehrere Stunden am Tag und sitzt am PC, um die Ticketrückgabe für die abgesagte Tour abzuwickeln. sim

Folgen des Corona-Lockdowns

Eine Katastrophe für Musiker

Für Berufsmusiker ist die Corona-Krise eine Katastrophe. Matthias Richter, Bassist der Band „Schandmaul“, belastet auch die fehlende Perspektive.

Dachau/Schwabhausen – „Ich lass mir meinen Mut nicht nehmen, aber es ist eine Katastrophe.“ Matthias Richter ist Bassist von „Schandmaul“ und Basslehrer in der „Jam Labor Musicschool“ in Schwabhausen – und seit fast zwölf Monaten bis auf wenige Ausnahmen arbeitslos. Keine Konzerte, keine Festivals, fast kein Musikunterricht – wie viele seine Musiker- und Künstlerkollegen sitzt der 40-jährige Dachauer auf dem Trockenen.

Staatliche Hilfen für ihn persönlich gab es bisher keine. Als Band hat „Schandmaul“ mittlerweile einen Antrag gestellt und sogar „ein bisschen was bekommen“. Doch das sei nur ein „Tropfen auf dem heißen Stein“, wie der Vollblutmusiker feststellt. Die Hilfen „verlängern das Dahin-Vegetieren“, meint Richter.

Was die Berufsmusiker jetzt bräuchten, seien sinnvolle Konzepte und Planungssicherheit. Aber die gibt es derzeit für niemanden in der Branche. Weder für Musiker, noch Veranstaltungstechniker, Caterer, Beleuchter, Stylisten und vielen mehr. Die Unsicherheit und fehlenden Einnahmen treiben viele Kollegen derzeit in andere Berufe. „Auch von meinen Bandkollegen haben einige seit Herbst Nebenjobs, der Schuldenberg wird ja immer größer“, berichtet Matthias Richter.

Er selbst hat zwar auch seit Langem keine Einnahmen mehr, lebt aber mit seiner Freundin zusammen, die voll verdient. Zudem hat er noch etwas „Puffer“, baut sich gerade ein zweites Standbein auf und hofft darauf, bald wieder unterrichten und auftreten zu dürfen. Denn ab Mitte 2021 wird es auch für ihn schwer zu überleben. Aber: „Ich stelle wegen Corona nicht mein Leben als Berufsmusiker infrage“, so der professionell ausgebildete Bassist.

Der 40-jährige hat mit 13 Jahren mit dem Bass spielen angefangen, hat sein Instrument sogar an verschiedenen Hochschulen studiert und ist seit 23 Jahren bei „Schandmaul“. Er stand mit der Band nicht nur auf Platz 1 der Charts, sondern auf Bühnen in der ganzen Welt.

Vor Zigtausenden Menschen aufzutreten – das ging plötzlich 2020 nicht mehr. Statt der geplanten 40 waren es letztendlich nur noch vier Auftritte. Dass es bald wieder eine Art Normalität geben wird, davon sei die Branche derzeit weit entfernt, glaubt Matthias Richter. Mit Freunden Arm in Arm und einem Bierchen in der Hand beim Wacken-Festival gemeinsam Musikhören und feiern –„no way“, so der 40-Jährige enttäuscht. Man brauche jetzt einen langen Atem, aber je länger der Lockdown dauere, umso weniger würden dies finanziell überleben, befürchtet Richter. Er glaubt weder an eine schnelle Rückkehr, noch an reguläre Konzerte in diesem Jahr. Schweren Herzens hat sich das Team von „Schandmaul“ Anfang Februar nun entschieden, die für den März 2020 geplante, auf den Herbst 2020 und dann auf den April 2021 verschobenen Tour „Tafelrunde“ endgültig abzusagen. Statt auf der Bühne zu stehen oder zu unterrichten, übt Matthias momentan nur für sich. Zwar täglich mehrere Stunden, denn genauso wie Sportler sich fit halten, will auch er sofort startklar sein, wenn es wieder losgehen darf.

Die meiste Zeit des Tages sitzt er jedoch am PC, um die Rückabwicklung der Ticketverkäufe für die ausgefallene Tour abzuarbeiten. An die 700 Aufträge sind das, das kostet Zeit und vor allem Nerven. „Es ist ein Ticketdesaster, das belastet mich gerade psychisch. Man braucht schon enorm viel Optimismus und Opferbereitschaft“, sagt er. Zum Glück hilft ihm sein Vater Günther bei der Rückabwicklung.

Seit mehr als 14 Jahren kümmert sich Richter nun schon um den Ticketshop für seine Band „Schandmaul“ und will seinen Shop nun ausbauen, um breiter aufgestellt zu sein. Außerdem hat er zusammen mit einem Musiklehrerkollegen vergangenes Jahr eine eigene Coverband gegründet, um auf Hochzeiten oder zu ähnlichen Anlässen spielen zu können. Auch unterrichten möchte er, sobald es wieder erlaubt ist. „Ich werde stärker zurückkommen“ – das hat sich der Bassist vorgenommen.

Er ist froh, den Rückhalt seiner Freundin und seiner Familie zu haben und weiß, dass es vielen Kollegen „deutlich dreckiger“ geht. Wie viele Kollegen zurückkommen können oder wollen – dahinter bleibt ein großes Fragezeichen. Denn um überleben zu können, haben viele ihr Leben umgekrempelt, haben sich eine Festanstellung in anderen Branchen gesucht. Haben dem Musikerleben den Rücken gekehrt – vielleicht für immer.

Simone Wester

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