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Bei einem Fronleichnamszug rastete ein Autofahrer angeblich aus.

Freispruch für angeklagten Autofahrer

Fronleichnamsprozession: Freispruch für Mercedes-Fahrer, der Feuerwehrmann angefahren haben soll

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Juristisches Nachspiel einer Fronleichnamsprozession: Die Staatsanwaltschaft warf einem Autofahrer vor, einen Feuerwehrmann verletzt und beleidigt zu haben. Doch der 53-Jährige wurde freigesprochen. 

Dachau – Für Richter Christian Calame war „eine Sache klar: Feuerwehrleute verdienen unseren besonderen Schutz. Sie übernehmen eine wichtige Aufgabe im öffentlichen Leben!“ Auf der anderen Seite aber gelten – auch gegenüber ehrenamtlichen Einsatzkräften – rechtsstaatliche Prinzipien. Und diese Prinzipien besagten: „Eine Tat muss nachgewiesen werden.“

Das aber war genau das Problem, das die Staatsanwaltschaft gestern vor dem Dachauer Amtsgericht hatte. Es stand Aussage gegen Aussage, und im Zweifel – das wussten schon die alten Römer – ist das Recht auf der Seite des Angeklagten: in dubio pro reo.

Der Angeklagte war ein 53-jähriger Ingenieur aus dem Landkreis Dachau. Ein akurater Mann, stolz auf seine zwei „sehr wohlgeratenen Töchter“, die beide studieren würden, und der in seinem Leben „noch nie etwas verbrochen“ habe, wie er mehrfach betonte. Richter Calame beschrieb den 53-Jährigen als „vom Naturell einen, der gleich geneigt ist zu maßregeln“. Selbst der Verteidiger gab angesichts der zahlreichen Redebeiträge seines Mandanten zu, dass dieser „vielleicht ein bisschen zu weit“ aushole. In Kurzversion lautete die mit technischen Details gespickte Aussage des Ingenieurs folgendermaßen: Nein, er habe am 20. Juni keinen Feuerwehrmann angefahren und beleidigt. Im Gegenteil: Wenn der Feuerwehrmann das behaupte, dann lüge er.

Der 37-jährige Feuerwehrmann aus Oberroth, der von einigen Kameraden zum Gericht begleitet wurde, blieb aber dabei: Gegen 9.40 Uhr am 20. Juni habe er den Fronleichnamszug abgesichert. Er stand, in Feuerwehrmontur und mit seiner Kelle in der Hand an der Kreuzung Aichacher und Pfarrer-Schroll-Straße, als sich ihm ein silberner Mercedes genähert habe. Dessen Fahrer sei merklich „nervös“ gewesen, „der wollte unbedingt durch“. Der Feuerwehrmann aber erklärte, dass die Straße für gut fünf Minuten gesperrt sei. Daraufhin sei der 53-Jährige erst auf den Gehweg, um die Absperrung zu umfahren, und – als sich der Feuerwehrmann ihm in den Weg stellte – gegen dessen Bein gefahren. Als der 37-Jährige ihm sagte, dass er ihn verletzt habe, soll der Kommentar des Mercedes-Fahrers gewesen sein: „Ich hab dich nicht gesehen, du Arschloch!“ Dann habe er gewendet und sei davongefahren.

Der 53-Jährige aber bestand darauf, dass, erstens, der Feuerwehrmann überhaupt gar nicht mit ihm gesprochen habe, dass dieser, zweitens, in seinen Privatklamotten nicht als Feuerwehrmann zu erkennen gewesen sei, und dass dieser sich, drittens, ohnehin komplett falsch verhalten habe: Zur Straßensperre habe dieser nämlich sein Privatfahrzeug verwendet und dieses noch dazu so verkehrt abgestellt, dass – in Anbetracht der Straßenbreite und der Ausmaße des BMW – der Rettungszug blockiert worden wäre: „Ich hätte erwartet, dass Sie das anders machen“, schalt der Angeklagte den Feuerwehrmann. „Sie müssen hier nicht die Feuerwehrausbildung des Zeugen nachholen“, bemerkte Calame unbeeindruckt.

Doch einmal im Reden, dozierte der Angeklagte weiter: Er habe nur wenden, auf den Gehsteig mit seinen 2200 Euro teuren AMG-Felgen nie fahren und schon gar keinen Menschen berühren wollen! Und wenn er gewusst hätte, dass in 200 Meter Entfernung ein Fronleichnamszug marschieren würde, „wäre ich doch ausgestiegen und hätte mir das angesehen“!

Was von all dem stimmte, war am Ende nicht mehr herauszufinden. Sicher war für das Gericht nur: „Wir haben keine objektiven Beweismittel“, die Schuld – oder Unschuld – des 53-Jährigen bewiesen hätten.

Für Daniel Haagen, Kommandant der Oberrother Feuerwehr, war das Urteil eine Enttäuschung. Er und alle seine Kameraden würden zu 100 Prozent der Schilderung ihres Kollegen glauben. Zudem sei das Urteil aber auch eine Warnung: „In Zukunft stehen wir immer zu zweit an der Straße!“ Außerdem werde er den Vorfall an den Feuerwehrverband weitergeben. „Wahrscheinlich brauchen wir zum Schutz unserer Ehrenamtlichen Bodycams!“

Die Gläubigen in Oberroth hatten damals auch Pech: Ihre geplante festlicheFronleichnamsprozession fiel buchstäblich ins Wasser, schon nach der ersten Station drehte die rund 100-köpfige Gruppe um und ging zurück in die Kirche.

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