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Luftig, hell und viel Platz: Im neuen Laufstall von Milchbauer Simon Sedlmair in Schwabhausen haben die Kühe viel frische Luft. 

Eu will drastische Senkung des Ammoniak-Ausstosses

Warum es Bauer Sedlmair gewaltig stinkt

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Wenn Simon Sedlmair nach Brüssel blickt, kann der Milchbauer nur mit dem Kopf schütteln. Um 29 Prozent soll der Ammoniak-Ausstoß in der deutschen Landwirtschaft bis 2030 reduziert werden. Um das zu erreichen, müsste sein Stall hermetisch abgeriegelt werden. Dabei hat er gerade zwei Millionen Euro in einen offenen „Wellness-Stall“ investiert.

Schwabhausen – Simon Sedlmair (57) ist Milchbauer mit Leib und Seele. Mit seiner Leidenschaft hat er auch seine Söhne Matthias (29) und Simon (27) angesteckt. So sehr, dass die drei vor zwei Jahren richtig investierten, damit drei Familien in Zukunft davon leben können. Gut zwei Millionen Euro steckten sie in einen regelrechten „Wellness“-Laufstall. Mit 270 Komfortplätzen für die Kühe, Liege-Matratzen, zahlreichen rotierenden Bürsten, modernster Stall- und Melktechnik. Kein verschlossener, dunkler Stall, sondern ein luftiges Gebäude, das sich automatisch öffnet und wo spezielle Netze die Kälte von draußen fernhalten. „Unbandig hell und luftig“ ist es im Stall, schwärmt Sedlmair, als würde er von einem 4-Sterne-Kurhotel berichten. „Wir haben geschaut, dass wir noch über die Normen gehen, dass wir die Liegeplätze noch größer machen.“ Sogar für Lichttherapie in den dunklen Monaten ist gesorgt. Und es wirkt: Die Kühe sind zufrieden, geben zehn Prozent mehr Milch, ihr Fell glänzt: „Für die Viecher ist es das Größte“, ist sich Sedlmair sicher.

Doch nun schieben sich von Brüssel her dunkle Wolken über das Tierwohl-Paradies im Landkreis Dachau. Das Europäische Parlament hat kürzlich Änderungen der sogenannten NEC-Richtlinie beschlossen, wonach der Ausstoß von Ammoniak und Methan in der Landwirtschaft radikal reduziert werden soll. Bis 2030 sollte in Deutschland der Ammoniakwert sogar um 39 Prozent gesenkt werden. Gestern haben die europäischen Umweltminister über die Werte diskutiert und sich auf eine Absenkung um 29 Prozent verständigt. Wobei die Werte für die einzelnen EU-Länder unterschiedlich sind – und Deutschland am stärksten betroffen ist. Wenn dieser Vorschlag auch bei den Verhandlungen zwischen der EU-Kommission (die an dem 39-Prozent-Wert festhalten will), dem EU-Parlament und den Mitgliedsstaaten Bestand hat, dann müssen nach einer Studie der EU-Kommission die Hälfte der deutschen Rinder, jede zehnte Milchkuh und jedes neunte Schwein verschwinden.

"Wir kommen gerade so über die Runden"

Für Milchbauer Sedlmair würde das bedeuten, rund 20 Milchkühe abzuschaffen. „Unmöglich“, schimpft er. Alle Investitionen sind auf 260-270 Milchkühe ausgelegt. Derzeit reicht es noch für seine Familie und die seiner beiden Söhne, denn trotz der schlechten Milchpreise erhält er bei der Molkerei Gropper im schwäbischen Bissingen derzeit immerhin noch gut 32 Cent. „Wir kommen gerade so über die Runden. Aber es ist grenzwertig. Investieren können wir jetzt nichts“, so der Landwirt.

Und wenn jetzt darüber diskutiert wird, dass – um die angestrebte Ammoniak-Reduzierung zu erreichen – die Ställe künftig hermetisch abgeriegelt und teure Filteranlagen installiert werden müssten, dann versteht Sedlmair die Welt nicht mehr. „Da hört es für mich auf. Wir haben alles gemacht, was für die Tiere gut ist, weil wir auch Freude daran haben, wenn wir in einen luftigen Stall kommen. Und jetzt kommen sie daher und wollen die Ammoniakbelastung in Deutschland so drastisch senken.“ Er will, dass es seinen Viechern gut geht – und das will er auch zeigen. Über 500 Schulkinder kommen jährlich auf seinen Hof, wo sie sich anschauen können, wie gut es den Tieren im offenen Stall geht. Alles abriegeln – das kommt für den Landwirt nicht in Frage.

Anzahl der Rinder in Bayern geht zurück

Erst hatte Sedlmair gedacht, die Planungen der EU sind nur ein kurzzeitiges Schreckgespenst. Doch dann merkte er: Brüssel meint es ernst. Man wolle einfach die Viehhaltung reduzieren und suche Argumente dafür. Vor allem ärgert er sich, dass Österreicher, Franzosen und Iren viel weniger reduzieren müssen. In der Debatte der EU-Umweltminister hat der deutsche Staatssekretär Jochen Flasbarth gestern betont, dass Deutschland sich zu den sehr ambitionierten Reduktionszielen bekenne, aber eine gerechte Verteilung der Minderungsziele fordere.

Auch ohne EU-Pläne geht die Anzahl der Rinder in Bayern zurück. Just am Tag der Brüsseler Debatte teilte das Landesamt für Statistik mit, dass der Rinderbestand Anfang November im Freistaat bei 3,2 Millionen Tieren gelegen hat. Das sind 0,8 Prozent weniger als im Vorjahr. 1,2 Millionen davon sind Milchkühe.

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