Hat Angst, dass sie ihr Zimmer bald räumen muss: Anna Harlander (99) hier mit ihrer Großnichte Annemarie Grasse. foto: zim

Angehörige laufen Sturm

Senioren müssen ihre Zimmer räumen

Dachau - Nach dem Willen der Caritas sollen sämtliche Bewohner des vierten Stocks im Altenheim Marienstift ausziehen. Ihre Zimmer werden für behinderte Menschen benötigt. Die alten Menschen und deren Angehörige laufen Sturm gegen das Vorhaben.

Anna Harlander ist einer der 14 alten Menschen aus dem vierten Stock, die raus sollen. Wohin, weiß niemand. Die alte Dame ist 99 Jahre alt, fast blind und schwerhörig. Doch sie ist bei klarem Verstand. „Was soll ich noch alles mitmachen?“, fragt sie. Mit ihr habe noch keiner von der Heimleitung über einen Umzug gesprochen. „Wir können doch nichts dafür, dass die Behinderten ausziehen müssen.“

Die Stuhlreihen beim Anhörungstermin für die Angehörigen im Dachauer Marienstift sind gut besetzt. Sie wollen beschwichtigen, sprechen von einer „großen Herausforderung“ und einer „extrem schwierigen Situation“. Doch die Szene wird für die fünf Caritas-Mitarbeiter, Geschäftsführerin Doris Schneider, Bereichsleiter Peter Hess, Geschäftsführer Michael Geiben-Bedivan, Marienstiftleiter Till Pabst und Pflegedienstleiterin Jutta Schlieske, zum Tribunal. Die Angehörigen tragen ihre Klagen vor: „Ich bin total entsetzt.“ „Das ist allerhand.“ „Die Behinderten sind Ihnen wichtiger als die alten Menschen.“

Im Wohnheim Mariabrunn in der Herzog-Albrecht-Straße leben 15 geistig behinderte Menschen im Alter von 28 bis 70 Jahren. Der Brandschutz für das Haus entspricht nicht mehr den gesetzlichen Bestimmungen, die Einrichtung ist veraltet. Die Mariabrunner Männer können dort nicht bleiben. Geeignete Wohnungen für sie gibt es laut Caritas nicht. Kein Träger wolle sie aufnehmen. Die Gruppe soll zusammenbleiben, möglichst in Dachau. Hier seien sie integriert und könnten ihr Leben selbstständig führen, teilt Caritas-Pressesprecherin Adelheid Utters-Adam mit. Für zwei Jahre sollen sie nun ins Marienstift übersiedeln, das nur einen Steinwurf entfernt in der Schillerstraße liegt. Zwischenzeitlich will sich die Caritas um eine Immobilie bemühen, in der die Männer dauerhaft bleiben können.

Doch wohin in dieser Zeit mit den Senioren? „Wir haben ein Problem“, gibt Doris Schneider unumwunden zu. Für sechs der 14 Senioren gibt es derzeit keine Alternative. Zunächst war vorgesehen, dass der große Exodus Ende März beginnen soll, doch der Termin ist nicht zu halten, gibt die Caritas, die sowohl Trägerin des Wohnheims als auch des Altenheims ist, zu. „Wir hatten überlegt, meine Eltern in ein Caritas-Heim in Mühldorf zu bringen. Aber ich kann doch nicht jedes Mal 100 Kilometer fahren, um sie zu besuchen“, sagt die Dachauerin Beate Müller, die in Mühldorf Verwandte hat. Ihre Eltern Ottilie und Alois Huber, beide 89 Jahre alt, bekamen in diesen Tagen eine Bleibe im zweiten Stock des Marienstifts. Doch der Umzug ist mit einem erheblichen Aufwand verbunden, sagt Müller. „Ich bin stocksauer.“

Die „nötige Umstrukturierung“ geschehe auf freiwilliger Basis, heißt es bei dem Wohlfahrtsverband der römisch-katholischen Kirche. Marienstift-Leiter Pabst appelliert überdies an den „Solidargedanken der Dachauer“. Jede Veränderung berge die Chance, die Probleme gemeinsam zu lösen. Für Beate Müller sind das Psychotricks. Sie befürchtet, dass die Caritas nicht eher Ruhe geben wird, bis alle Senioren ihre Zimmer geräumt haben.

Ein Angehöriger bezweifelt, dass sich Behinderte und Senioren vertragen. „Die im Mariabrunn-Haus machen Musik, johlen - da ist jede Woche ein kleines Oktoberfest.“ Für Anna Harlanders Großnichte Annemarie Grasse könnte „die Umstrukturierungsmaßnahme noch einen anderen Grund haben: Geld. Die Zuschüsse für Behinderte könnten höher sein als für Senioren“, meint sie. „Es entsteht ein höherer Betreuungsaufwand für die alten Menschen. Da hebt sich das auf“, meint Caritas-Pressesprecherin Utters-Adam hierzu.

Der Ausgang der Geschichte ist offen. Eines steht aber fest: „Wir werden niemanden aus seinem Zimmer raustragen“, sagt Geschäftsführerin Schneider. Ein kleiner Trost für Anna Harlander. Sie war vor einiger Zeit heilfroh, als sie aus einem Zweibettzimmer im zweiten in ein Einbettzimmer in den vierten Stock hinaufziehen durfte.

(zim)

Auch interessant

Kommentare