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Die zwei Söhne des Künstlers Daniel (Mitte) und Gabriel Glid mit der Moderatorin Andrea Riedle (links) von der Gedenkstätte.

„Sie erinnern mich an mich selbst“

Dachau - Wenn ein Besucher die KZ-Gedenkstätte betritt, dann fällt sein Blick bald auf das Mahnmal von Nandor Glid aus dem Jahr 1968. Damals war es ein langer Weg, von der Grundsteinlegung 1955 bis zur Verwirklichung, heute ist es das Symbol der Gedenkstätte. Nun wurde eine Ausstellung zur Entstehung eröffnet.

„Sind das in dem Mahnmal Figuren von Menschen, die nur noch aus Haut und Knochen bestehen?“, fragt ein Zuschauer bei der Eröffnung der Ausstellung die Söhne des Künstlers. „Ja“, antworten sie. „Das dachte ich mir“, erklärt der Zuschauer. „Denn sie erinnern mich so sehr an mich selbst. Ich war Insasse im KZ Dachau, und bei der Befreiung wog ich nur 69 Pfund - ich war nur noch Haut und Knochen.“

Viele Überlebende aus ganz Europa, Amerika und Israel sind nach Dachau gekommen, um an den Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag der Befreiung der Häftlinge teilzunehmen. Auch bei der Eröffnung der Ausstellung ist der Kinoraum der KZ-Gedenkstätte mit über 200 Zuschauern so prall gefüllt, dass viele Besucher keinen Platz mehr finden. „Wir sind überwältigt von der Resonanz“, erklärt Gabriele Hammermann, die Leiterin der KZ-Gedenkstätte. „Wir hatten noch nie so viele Besucher zu einer Ausstellungseröffnung.“

Doch das Mahnmal ist mittlerweile zu einem Symbol für die KZ-Gedenkstätte in Dachau geworden. Die riesige Skulptur, etwa 14 Meter lang und 15 Meter hoch, zeigt menschliche Figuren, fast Skelette, die in Stacheldraht verfangen sind. Ein Symbol für Menschen, „die in ihrer Verzweiflung ihrem Leben ein Ende setzten“, erklärt Hammermann.

Das Comité International de Dachau, ein Zusammenschluss internationaler ehemaliger Häftlinge, hatte die Idee dazu in den 50er Jahren. Schon 1955 wurde schon der Grundstein für das Mahnmal gesetzt. Dann wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Doch nur Künstler, die auch Häftlinge in einem KZ gewesen waren, durften ihre Entwürfe einreichen. Weil das Komitee dachte, das nur diese Menschen genau das ausdrücken können, was den Überlebenden wichtig war. Doch keiner der Entwürfe überzeugte. Und so wurde der Wettbewerb erneut ausgeschrieben. Und dieses Mal durften sich auch Künstler bewerben, die sich gegen das Regime zur Wehr gesetzt hatten.

Die eingereichten Entwürfe waren dann sehr unterschiedlich: eine Pyramide war darunter, große Flügel, ein Grabbau - und die Skulptur der Häftlinge im Stacheldraht, von Nandor Glid. Sein Vorschlag war für das Häftlingskomitee der überzeugendste. Auch wenn er zuvor kontrovers diskutiert wurde: Einige ehemalige Häftlinge sahen den Aspekt des Widerstands und der Solidarität unter den Häftlingen zu wenig darin ausgedrückt. Trotzdem war der Beschluss letztendlich einstimmig.

Der Jugoslawe Nandor Glid (1924-1997) stammte aus einer jüdischen Familie. Er musste unter den Nazis Zwangsarbeit leisten und verlor große Teile seiner Familie in Konzentrationslagern. Nach dem Zweiten Weltkrieg war all dieses Leid das größte Thema im Leben und Schaffen des Künstlers, wie auch seine Söhne Daniel und Gabriel, beide ebenfalls Künstler, bei der Eröffnung betonen. „Es war sein Alltag, über die Vergangenheit nachzudenken, und darüber, welche Konsequenzen sie für die Zukunft hat“, berichtet Gabriel Glid.

„Der Künstler muss das Gewissen seiner Zeit sein“, das war ein Wahlspruch Glids. Das Mahnmal war sein größtes Projekt, und „er arbeitete jeden Tag daran, den ganzen Tag“, so Daniel Glid. „Es war das wichtigste Monument für ihn - nicht nur, weil es so lange dauerte.“ Erst 1968 wurde das Mahnmal verwirklicht. Unzählige Zeichnungen und Modelle zeugen von der langen Arbeitszeit Nandor Glids an dem Monument. Einige davon haben die Brüder für die Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte mitgebracht. Und auch Berichte davon, wie der Vater lebte und arbeitete.

„Den Krieg vergaß er niemals“, sagt Daniel Glid. „Aber er hoffte immer auf eine bessere Zukunft.“ Und so fragt eine Zuschauerin, ebenfalls eine Überlebende des Dachauer Konzentrationslagers: „Woher wusste Nandor Glid denn, das es nie wieder passieren wird?“ - „Er wusste nicht, dass es nie wieder passieren wird“, antwortet Gabriel Glid. „Aber er hoffte es.“

Nina Praun

Die Ausstellung:

Im Ausstellungsraum der KZ-Gedenkstätte wird die Entstehungsgeschichte des Mahnmals nachgezeichnet, auch im Kontext der Ortsgeschichte. Zudem wird der Frage nachgegangen, wie sich die Mitglieder des Häftlingskommitees ein angemessenes Mahnmal vorstellten, und welche Opfergruppen darin vorkommen sollten. Am Mahnmal sind auch drei Dreiecke zu sehen: Sie sollen die Häftlinge symbolisieren, die aus politischen, rassistisch motivierten oder religiösen Gründen verfolgt wurden.

Es fehlen Symbole für die als „asozial“ bezeichneten Häftlinge, für die sogenannten kriminellen Häftlinge und für die homosexuellen Häftlinge. Auch die Studentenproteste bei der Einweihung des Mahnmals sind Thema in der Ausstellung.

(np)

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