eine Frau, hinter ihr ein Mann mit Hut
+
Starker Auftritt: Chiara Nassauer als das Schatzerl und Tobias Zeitz als der Regisseur mit Wiener Einschlag.

Hoftheater Bergkirchen

Sie wissen genau, was sie spielen - Komödie „Gretchen 89 ff.“ blickt hinter Theaterkulissen

Das Hoftheater Bergkirchen hat die Komödie „Gretchen 89 ff.“ präsentiert. Für die Zuschauer gab es viele skurrile und witzige Einblicke in das Theater.

Lauterbach – Der Festivalsommer im Landkreis Dachau „Servus Bergkirchen!“ hat Fahrt aufgenommen: Nach einem glanzvollen Auftakt beim Jazzkonzert mit dem Quartett Stephan Holstein, Alex Jung, Johannes Ochsenbauer & Max I. Milian und der Showeinlage des Dachauer Chors „PopCHORn auf der Freilichtbühne in Lauterbach am vergangenen Samstag fanden die beiden Sonntagsvorstellungen, die Einladung für den Freundeskreis des Hoftheaters Bergkirchen und das Gastspiel des Zimmertheater Uffing, wetterbedingt in der Halle des TC Lauterbach statt.

Ausgestattet mit doppeltem Bühnenbild für drinnen und draußen ist das Hoftheater Bergkirchen für alle Fälle gerüstet. Bei der unter Beachtung der Abstandsregeln auf 80 Plätze reduzierten Belegung ist gute Sicht garantiert. In der spritzig inszenierten Komödie „Gretchen 89 ff.“ mit Chiara Nassauer und Tobias Zeitz unter der Regie von Chiara Nassauer und Nikolaos Boitsos lässt der Erfolgsautor Lutz Hübner sein Publikum in viele skurrile und lustige Probenprozesse des Theaters blicken, die die Zuschauer genießen und alle Theaterschaffenden nur zu gut kennen.

Am Beispiel der „Kästchenszene“ des Gretchens aus Goethes Faust, bei Reclam zu finden ab Seite 89 ff., wird in zehn humorvollen Szenen ein satirischer Blick auf den Theaterbetrieb geworfen. „Der Abgrund“ der komplizierten Beziehung zwischen Regisseur und Schauspieler tritt zutage an der lustvollen Interpretation des Zitats „Es ist so schwül, so dampfig hier..., ich wollt, die Mutter käm nach Haus“.

Der „Schmerzensmann“, der an der Welt leidet und alle Schauspieler hasst, will als Regisseur „den Irrsinn spüren“, der Freudianer will „in Goethe den Dichter des Fleisches“ entdecken. Oder doch lieber „schlicht“, wie der unerfahrene Regisseur in dem „Saftladen“ von der überspannten Diva fordert?

Chiara Nassauer treibt als „Anfängerin“ in einem starken Auftritt den Regisseur mit ihren Atem- und Sprechübungen und ihren überambitionierten Verbesserungsvorschlägen in den Wahnsinn. Sie schlüpft im perfekten Zusammenspiel mit Tobias Zeitz, Mitglied des Hoftheater-Ensembles, in die verschiedenen Rollen. Beide sprühen vor Spielfreude und wissen aus eigener Erfahrung nur zu gut, was sie spielen und dass die Zuschauer sich freuen und lachen wollen.

Auch ohne Kenntnis des „Faust“ ist diese Inszenierung sehr vergnüglich, da weniger das Werk Goethes im Mittelpunkt steht als vielmehr Prototypen der Theaterwelt.

Tobias Zeitz glänzt unter anderem als charmantes „Tourneepferd“ mit einer „Neigung zur Fettleibigkeit mit wienerischem Einschlag“. Als Regisseur hat er es „auf die jungen Dinger“ abgesehen, schwebt beschwingt im Walzerschritt über die Bühne, hält sich für unwiderstehlich, bis ihm das „Schatzerl“ eine schmiert.

Und dann ist da noch die hyperintellektuelle Dramaturgin, die den auf Hartz IV angewiesenen Schauspieler mit ihrer überzogenen Vorstellungen zur Verzweiflung bringt. Eigentlich hat er seinen Termin beim Arbeitsamt im Kopf. Beim Vorsprechen soll er den Versuch unternehmen, das Gretchen als Mann „ohne eigene Psychologie gesellschaftsneutral“ anzulegen. So wünscht er sich in seinem Schlusswort nur noch: „Ich wollt, die Mutter käm nach Haus“. Die Besucher haben sich köstlich amüsiert und sich mit herzlichem Applaus für die umwerfende Darstellung bei Chiara Nassauer und Tobias Zeitz bedankt.

Ingrid Koch

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare