Wer wird in Indersdorf Bürgermeister? Johannes Mair ist als Wahlhelfer einer der ersten, der es erfährt. foto: cB

Die skurrilen Geschichten eines Wahlhelfers

Indersdorf - Ein Wahlhelfer. Klingt ja stinklanweilig, dieser Job. Ist er aber überhaupt nicht. Was Johann Mair in seinen 40 Jahren als Wahlhelfer erlebt hat, ist weit witziger als Kabarett.

Den Moment, in dem der Stummel in die Urne fällt, den vergisst Johannes Mair nie wieder. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn damals die ganzen Stimmzettel verbrannt wären. Aber dazu später mehr. Johannes Mair stand zum ersten Mal mit 18 Jahren als Helfer in einem Wahllokal - seitdem hat er so einiges erlebt.

Seit 40 Jahren macht er nun den Job als Wahlhelfer. Erst in Prittlbach, jetzt in Indersdorf. Johannes Mair ist ein bescheidener Mann, einer für den das größte Glück seine Familie ist. Sich für seine Mitmenschen einzubringen, ist für ihn keine große Sache, sondern „des g’hört einfach zum Leben dazu“. Und bei seinen ehrenamtlichen Stunden als Wahlhelfer hat er zum Beispiel die für ihn kurioseste Wahl der Geschichte mitbekommen und so manchen Fauxpas im Wahlbüro. Und weil er am morgigen Sonntag mit den anderen Wahlhelfern aus Indersdorf beim Neujahrsempfang der Gemeinde geehrt wird, plaudert er heute schon ein bisschen aus dem Nähkästchen - ganz anonym, versteht sich.

Der Nachmittag, als der Stummel in die Urne fiel, das war zu Zeiten, in denen sich in Bayern keiner was anderes getraut hat, als CSU zu wählen. Und zu Zeiten, in denen man noch überall rauchen durfte. Und das hat der Landwirt (dessen Namen Mair auch heute nicht verrät) auch gemacht. Also das Rauchen, das mit dem CSU-Wählen weiß Mair selbstverständlich nicht. „Egal, wo der Mann hingegangen ist, er hat eigentlich immer einen Zigarettenstumpen im Mund gehabt“, erzählt Mair. So auch am Wahltag Mitte der 70er Jahre. Mit Hut auf dem Kopf und Zigarette im Mund kam der Landwirt ins Wahlbüro ins Schulhaus in Prittlbach, machte seine Kreuzchen, und beim Einwerfen, da passierte es: Er beugte sich vor, und schwupp, fiel der Stummel in den Schlitz der Urne. Panik. Einer der Wahlhelfer kam sofort mit einem Eimer Wasser daher - ein anderer winkte ab. Er drehte die Urne um, um das Feuer mit dem Stimmzettelpapierberg zu ersticken. Johannes Mair musste als Neuling ewig neben der Urne sitzen und schnuppern, ob’s verbrannt riecht. „Der nächste, der reinkam, hat recht blöd geschaut“, sagt Johannes Mair heute und lacht, bis ihm die Tränen kommen. „Der hat sicher gedacht, wir sind nicht ganz dicht.“ Dabei ist Mair nichts wichtiger, als eine konkrete, geheime Wahl.

Deswegen wollte er auch nicht die Wahlurne aufbrechen, als in einem anderen Jahr mal der Schlüssel verschwunden war. Den hatte der damalige Wahlleiter verschusselt. Zuhause vermutlich. Das einzige öffentliche Telefon war damals noch beim Wirt - von da aus alarmierte der Wahlleiter seine Frau. Die durchforstete stundenlang das Haus. Kein Schlüssel. Klar, denn der Wahl-Chef hatte seine Pause auf dem Jägerstand verbracht und prompt den Schlüssel verloren. Nur durch Glück hat er ihn in der Wiese wiedergefunden. „Eigentlich wollte die Gemeinde von uns an dem Abend eine Schnellmeldung. Daraus ist zwar nichts geworden, aber immerhin ist alles mit rechten Dingen zugegangen“, sagt Mair.

So eine Wahl läuft für die Helfer immer gleich ab. Der Anfang hat ein bisschen was von den Illuminaten, denn Morgens wird erstmal ein Eid geschworen. „Alles, was wir an dem Tag erfahren sollten, bleibt unter uns“, sagt Mair. „Es geht niemanden was an, wer beim Wählen war oder nicht“. Um Punkt 18 Uhr werden die Türen abgesperrt, und die Wahl ist vorbei. Danach darf wieder jeder ins Lokal und beim Zählen zuschauen oder sogar mithelfen. „Das hatten wir aber nur ein einziges Mal, dass jemand mitzählen wollte“, sagt der 58-Jährige. Manchmal sitzen die Helfer schon mal vier Stunden beim Auszählen - Fehler gab es in Mairs Team noch nie.

1980 zog Mair dann nach Indersdorf, und auch da war für ihn klar: Auch hier will er sich als Wahlhelfer engagieren. Denn einen Wahltag, den er nicht im Wahllokal verbringt, den kennt er gar nicht. Genau in dem Jahr, in dem er 18 wurde, setzen die Politiker das Wahlalter von 21 auf 18 Jahre - deshalb war Mair von Anfang an dabei.

In Indersdorf war er bei seinem ersten Wahltag schwer verwirrt. Da kamen die Leute mit ihrem Ausweis daher. „Sowas kannte ich aus Prittlbach halt gar nicht“, sagt Mair. „Da kannten wir alle Wähler persönlich.“ So wie den, der bei jeder Wahl immer erst genau um 40 Sekunden vor sechs ins Schulhaus zum Wählen kam und überprüft hat, ob die Urne noch unverschlossen ist. Mair schmunzelt heute über den selbsternannten Kontrolleur.

1996 erlebte er etwas, das er im tiefschwarzen Bayern nicht für möglich gehalten hätte. „Da hat ein totaler Newcomer einen amtierenden CSU-Bürgermeister abgelöst“, erzählt Mair von der Wahl, bei der Josef Kreitmeir (FW) gegen Josef Kaspar (CSU) Bürgermeister wurde. „Da hätte jeder gedacht, du spinnst, wenn man das laut gesagt hätte“.

Und auch heuer, da freut er sich wieder ganz besonders auf die Wahl. „So spannend war’s ewig nicht mehr“, sagt der Experte. Selbst für den Profi ist es schwer, eine Prognose zu geben, wer der drei Kandidaten (Hermann Eschenbecher, Franz Obesser, Hubert Böck) das Rennen macht: „Wahrscheinlich läuft’s auf ne Stichwahl raus.“ Heuer ist Johannes Mair zum ersten Mal nicht dort, wo er am 16. März am liebsten wäre. Im Wahlbüro. Weil er selbst auf der Liste der Freien Wähler steht, kümmert er sich nur um die Briefwahl - damit auch ja kein Verdacht aufkommt er hätte jemand beeinflusst.

Christiane Breitenberger

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