Ein Dichter macht Musik: Liao Yiwu mit Klangschalen in der Friedenskirche. foto: cla

Exil-Chinese in Dachau

Der Staatsfeind erzählt seine Wahrheit

Dachau - Eigentlich will Liao Yiwu nur eines: Die Wahrheit erzählen. Dafür musste er jedoch einen hohen Preis bezahlen: Gefängnis, Verfolgung und Verlust seiner Heimat, China. Nun ist er nach Dachau gekommen, um seine Geschichte zu erzählen.

Es ist die Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989. Eine Nacht, in der der „Platz des himmlischen Friedens“ zu einem Platz des blutigen Krieges wird - ein Krieg gegen die eigenen Bevölkerung, mit nur einem Ziel: die Protestbewegung, die sich seit Wochen in China ausbreitet, zu unterdrücken. An jenem Abend protestieren tausende von Menschen auf dem Tian’anmen-Platz, bevor die Regierung den Aufstand mit Gewalt niederschlägt.

Jene Nacht im Juni 1989 hat Liao Yiwus Leben für immer verändert. Der junge aufstrebende Schriftsteller verarbeitete die Vorfälle in Peking in dem Gedicht „Massaker“. Im Untergrund verbreitete sich das Gedicht schnell in ganz China. Und damit wurde Liao Yiwu zum Staatsfeind. 1989 kam er ins Gefängnis.

Mit 20 anderen Gefangenen teilte er sich dort eine Zelle. Gewalt und Hass waren an der Tagesordnung: „Als ich ins Gefängnis kam, empfand ich, dass ich kein Mensch mehr war“, erinnert er sich. In der Friedenskirche in Dachau trägt er ein schwarzes T-Shirt, „Never give up“ steht darauf, „Gib niemals auf“. Eine Einstellung, ohne die Liao Yiwu heute wohl nicht hier wäre.

Als er 1990 schließlich aus dem Gefängnis entlassen wurde, war der Kampf für ihn noch lange nicht zu Ende. Seine Frau verließ ihn, seine kleine Tochter hatte Angst vor dem fremden Mann mit dem kahlrasierten Kopf, keiner wollte mehr seine Werke lesen: „Für einen Dichter ist es das Schlimmste, wenn ihm niemand mehr zuhören will“, sagt er.

Liao schrieb trotzdem weiter - als Therapie und gegen das Vergessen. Liao Yuwis Geschichten sind berührend, sie erzählen von seiner Haft, sie geben denen eine Stimme, die sonst in China nicht gehört werden. „Das Vergessen ist ein Instinkt des Menschen“, schreibt er in seinem Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“.

Mit seinen Geschichten will Liao Yiwu genau dagegen ankämpfen. Zweimal beschlagnahmte die Regierung deshalb seine Manuskripte und zerstörte 1,5 Millionen Schriftzeichen, das sind ungefähr 2000 Seiten. „Es ging mir nicht um politische Opposition, das Einzige, was mich ausgezeichnet hat, war, dass ich ein gutes Gedächtnis hatte“, erklärt Liao Yiwu.

2011 gelang ihm schließlich die Flucht nach Deutschland, seitdem lebt er in Berlin - und hofft, dass sich irgendwann vielleicht doch etwas ändert in seiner Heimat: „Es herrscht eine Stimmung wie auf einem Schiff, das kurz vor dem Untergang steht. Die Situation in China ist sehr aussichtslos und grausam“, berichtet er.

Aus dieser Krise gibt es für Liao Yiwu nur einen Ausweg: „Ich sehe die einzige Chance in einem Auseinanderbrechen Chinas. Das riesige Land kann nicht im Gesamten weiterexistieren“, macht er seine mutige Meinung deutlich. Seine Meinung, die er endlich vertreten darf. Ganz ohne Angst.

(cla)

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