Freiwillige Rückkehr: Mykhailo Gavriushyn. foto: cla

Die Stadt mit anderen Augen sehen

Dachau - Es ist lange her, seit Mykhailo Gavriushyn zum letzten Mal in Dachau war. Viel hat sich seitdem verändert - so viel, dass der 88-Jährige die Stadt fast nicht mehr wiedererkannt hatte. Damals war Mykhailo Gavriushyn nicht Mykhailo Gavriushyn, sondern Nummer 125 399.

Damals ging es für ihn ums blanke Überleben, er wollte nur weg aus Dachau - heute ist er freiwillig zurückgekommen. Zusammen mit vier weiteren Opfern des Nationalsozialismus aus Weißrussland, Russland und der Ukraine ist der 88-Jährige nach Deutschland gereist, um seine Geschichte zu erzählen.

Eine Geschichte, die einer Odyssee gleicht. Die begann, als er mit 16 Jahren zum Zwangsarbeitsdienst nach Leipzig geschickt wurde. Weiter ging es nach Polen zur Arbeit in einem Bergwerk. Dort waren die Bedingungen so schrecklich, dass sich Mykhailo Gavriushyn nach drei Monaten zusammen mit einem Freund entschloss, zu fliehen. Am Tag haben sie sich versteckt, in der Nacht sind sie gelaufen - bis die Polizei sie aufgriff.

Der Ukrainer wurde nach Auschwitz deponiert, irgendwann kam er schließlich nach Frankreich in das Lager Natzweiler. „Da gab es nicht mal Baracken, sondern nur Holzhütten mit Stroh und Sand. Bei uns in der Ukraine bringt man in solchen Gebäuden Hühner unter“, berichtet er. Später wurde Mykhailo Gavriushyn in das Außenlager Neckargartach verlegt. Nach Luftangriffen musste er die Leichen der Gefallenen bergen und bestatten, irgendwann erkrankte er an Flecktyphus. Kurze Zeit später räumten die Nationalsozialisten das Lager und kommandierten Mykhailo Gavriushyn zusammen mit einigen anderen Gefangenen dazu ab, den Wagen der SS-Leute zu ziehen. Eine unglaublich schmerzhafte Arbeit, weil an seinen Händen überall eitrige Geschwüre waren.

Trotz dieser Tortur kam Aufgeben für Mykhailo Gavriushyn nicht in Frage. Am 27. April 1945 kam er in das Dachauer Konzentrationslager, wo er zum Glück nur zwei Tage ausharren musste. In Freiheit irrte er mit einem Freund einige Zeit umher, bis er auf die amerikanische Front traf. Die Soldaten empfingen sie freundlich, gaben ihnen etwas zu essen und Decken zum Schlafen. „Ein Koch hat sich sogar zwischen uns zur Nachtruhe gelegt, obwohl wir überall Läuse hatten“, erzählt Mykhailo Gavriushyn. Auch das wird er nie vergessen: Kleine Gesten der Menschlichkeit, kleine Zeichen der Freundschaft und des Mitleids - kleine Hoffnungsschimmer, die selbst die Schreckensherrschaft nicht unterdrücken konnte, die ansonsten sein gesamtes Leben zerstörte hatte.

Der Ukrainer wuchs in einer Großfamilie mit vielen Geschwistern auf - als er nach Hause kam, lebten die meisten nicht mehr. Seine Stimme ist brüchig, seine Augen sind feucht, als er berichtet, wie er daheim ein kleines Mädchen schlafen sah: Er freute sich, dachte, es wäre seine kleine Schwester - dabei war die längst tot. Gehasst hat er die Deutschen trotzdem nie. „Es gab solche und solche Deutsche“, meint er. Deshalb ist er schon in den 1990ern einmal nach Deutschland gekommen und besucht nun auf Einladung des Fördervereins für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit zum ersten Mal Dachau: Arztbesuche, eine Besichtigung der Gedenkstätte, ein Empfang beim Landrat und Ausflüge standen auf dem Programm - Mykhailo Gavriushyn lernt eine völlig andere Stadt kennen.

Claudia Schuri

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