Die Ukraine ist längst zur zweiten Heimat für Karl Walter geworden. Bis zu 150 Tage pro Jahr verbringt der Karlsfelder in Odessa. cc

Stadt in Angst: Ein Karlsfelder berichtet aus der Ukraine

Karlsfeld - Am Schwarzen Meer fand Karl Walter seine Lebensaufgabe: In der südukrainischen Stadt hat der 71 Jahre alte Karlsfelder das BHO auf- und ausgebaut, das Bayerische Haus Odessa, ein Kultur- und Begegnungszentrum. Längst aber geht es für Walter und seine fast 100 Mitarbeiter um viel, viel mehr.

„In der Stadt hat man Angst, dass Putin Neurussland realisieren und sich somit der Konflikt aus Lugansk und Donezk nach Odessa ausdehnen wird“, sagt Walter. „Trotzdem bemühen wir uns um einen normalen Alltag.“

Walter ist seit 14 Jahren Berater und Vorstand am Bayerischen Haus Odessa. Bis zu 150 Tage im Jahr verbringt er am Schwarzen Meer. Das Leben dort ist schon ohne Krieg hart genug: Der Staat steht vor dem Bankrott, es gibt Energieprobleme, viele Betriebe müssen schließen, hohe Arbeitslosigkeit. Und dazu eine explodierende Aids-Epidemie.

Gemäß Statistik des ukrainischen Gesundheitsministeriums betrug die Zahl der registrierten HIV-positiven Menschen in der Ukraine 245 000. Walter ist sich jedoch sicher, dass von einer weitaus höheren Anzahl ausgegangen werden muss.

Im Jahr 2005 wurde der Karlsfelder bereits vom Gouverneur gefragt, ob das BHO nicht im Kampf gegen Aids helfen könne. Bis 2007 konnten dann mit einer Mehrzahl von Einzelprojekten, finanziert von hauptsächlich kirchlichen Sponsoren, für alle Schulen der Region 4000 Lehrer zur Aufklärungsarbeit qualifiziert und 22000 Schüler der Stadt Odessa für das Thema sensibilisiert werden. Seit 2007 werden alle 13- bis 17-jährigen Schüler in der Schule über die Gefahren der Krankheit aufgeklärt. Und seit Juni 2008 hat das BHO systematisch das Projekt „Optimierung der medizinischen Versorgung von HIV/Aids-Infizierten in der Region Odessa“ verwirklicht. Walter und seine Mitarbeiter förderten so die Beratungsangebote, die Ausbildung von Personal und Ärzten, den Aufbau eines mobilen medizinischen Dienstes, den Betrieb einer Diakoniestation und die Vernetzung von Kliniken.

Im Oktober stellte der Leiter des Gebietszentrums, Dr. Serewetzkij, bei einer Pressekonferenz im BGO heraus, dass die Zahl der Aids-Neuinfektionen in der Region Odessa 2012 gegenüber 2011 um 47 Prozent und die Sterblichkeitsrate von Aids-Erkrankten um 28 Prozent und 2013 um weitere 8,6 Prozent gesunken ist. Seine Stellvertreterin Sokolova Iryna Igoryvna sagte: „Wir bedanken uns bei Karl Walter und dem Team des Bayerischen Hauses, nicht nur für ausgezeichnete Projekte, sondern auch dafür, dass diese bitter notwendige Hilfe in schwieriger Zeit für die Ukraine geleistet wird. Es gibt nur wenige ausländische Partner, die unerschrocken einem im Krieg befindlichen Land weiterhin soziale Hilfe bringen.“

Probleme habe es in der Ukraine schon immer gegeben, sagt Walter: „Über Jahrhunderte haben fremde Mächte auf dem Territorium der Ukraine ihre Staatsgrenzen definiert.“ Seit der Auflösung der Sowjetunion 1991 ist die Ukraine unabhängig. Damals wurde dem Land ein großer wirtschaftlicher Aufschwung prognostiziert. Doch dieser ist in all den Jahren nicht eingetreten. Als Gründe dafür führt Karl Walter Staatskorruption, Ineffizienz der öffentlichen Verwaltung und ausgebliebene Reformen an.

Hinter dem Konflikt mit Russland sieht Walter das strategische Ziel Putins, eine russische Großmacht zu bilden: die Eurasische Union. Der 71-Jährige gibt jedoch auch der EU eine Mitschuld, weil Russland nicht in Verhandlungen eingebunden wurde. Walter: „Es muss gelingen, auch Russland in den osteuropäischen Gestaltungsprozess einzubeziehen.“ (mm)

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