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„Sulzemoos is echt a Schau“: Chris Boettcher.

Chris Boettcher beim SV Sulzemoos

Wenn er zu Angie oder Jogi mutiert

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Es bleibt kein Auge trocken, wenn Chris Boettcher die Kanzlerin, den Bundestrainer oder den Grönemeyer gibt. Der Kabarettist hatte zum Jubiläum des SV Sulzemoos sogar ein Sulzemooser Lied geschrieben.

Sulzemoos – „Bleibt’s einfach scheiße drauf, so wia immer.“ Ein Ratschlag, dem man als Kabarettist seinem Publikum eigentlich besser nicht geben sollte. Chris Boettcher hat es trotzdem gemacht – und damit genau das Gegenteil bewirkt. Nicht, dass die Sulzemooser normalerweise so schlecht drauf wären, wie man es dem gemeinen Deutschen oft nachsagt – laut Boettcher stünde der nämlich auf einer Glücksskala ganz weit hinten, sogar hinter einigen Schurkenstaaten. Aber beim Kabarettabend zum 70-jährigen Bestehen des Sportvereins Sulzemoos waren die Sulzemooser noch fröhlicher, als sie es sowieso schon sind.

„Schluss mit frustig“ hieß das Programm – und Boettcher hatte für den Auftritt extra ein Sulzemooser Lied geschrieben. Einen Song für ein kleines Dorf mit riesen Ambitionen, denn „die ganze Welt trifft sich genau, in Sulzemoos bei uns im Stau.“ Und dort gibt es einiges zu entdecken: Ein neues Rathaus, bald auch eine neue Kläranlage und vieles mehr – nur zum Einkaufen im Supermarkt, da fährt der Sulzemooser dann doch nach Odelzhausen.

Ansonsten aber fehlt nichts, denn: „A Großraumdisco brauch ma ned, weil bei uns a Bauwong steht“, und überhaupt: „Wer braucht an Glitzerboulevard, de Kirchstraß‘ tuat’s doch a.“ Boettchers Fazit war deshalb eindeutig: „Sulzemoos is echt a Schau“, sang er – und alle Zuhörer in der Turnhalle stimmten sofort mit ein.

Wie das Sulzemooser Publikum wirklich tickt, versuchte Chris Boettcher mit einem Fragespiel herauszufinden – und entdeckte dabei einige Geheimnisse. So gestanden sich zwei junge Damen, dass sie auf einen Heiratsantrag von ihrem Liebsten warten (für alle Neugierigen: Sie bekamen ihn auch beim Kabarettabend nicht). Und auch als sich Boettcher erkundigte, ob denn jemand schon einmal einen One-Night-Stand bereut hätte, stimmte ein Mann ganz offen zu.

Nur bei der Frage, wer denn von einer Nacht mit Angie Merkel träumen würde, schrie niemand auf. Dabei könnte die Kanzlerin durchaus Sexappeal haben: Bei seiner Show ließ Boettcher Merkel bei einem Techtelmechtel mit dem französischen Ex-Präsidenten François Hollande flirten oder sie in die Telefonsex-Hotline säuseln: „Lass dich fallen, der Gummi hält. Bei mir gibt’s keine Obergrenze, ich lass jeden rein.“ Die Kanzlerin war nur eine von vielen Politikern, Promis und Sängern, die Boettcher in Sulzemoos parodierte – frech, gnadenlos direkt, mit viel Ironie, oft hintersinnig und doppeldeutig.

Sein Auftritt lebte davon, dass er genau die Stimme und den Tonfall der Promis traf. Er ließ Jogi Löw schwäbeln, Horst Seehofer trocken erklären, dass er schon als Baby „den Hals um 360 Grad verdrehen konnte“ und Udo Lindenberg mit seiner tiefen, rauchigen, rauen Stimme noch mit 90 Jahren in einer Rentnerband spielen. Genauso gerne wie „den Udo“ imitierte Boettchers auch Peter Maffay, Herbert Grönemeyer, Howard Carpendale oder Heino.

Denn das geschickte Umdichten großer Ohrwurmsongs auf aktuelle Themen war ein weiterer seiner Gute-Laune-Tricks: Europa lebt bald „nie wieder Tür an Tür mit England“, wenn beim Ikea „ein Schrank nicht mehr steht wie ein Schrank, dann haben wir umsonst geschraubt“ und nach zwei Jahren singt man in einer Beziehung schon einmal „ohne dich schlaf ich heut besser ein“. Bei Boettcher bekam jeder sein Fett weg: Die Großkopferten, zickige Teenies, Eltern, die ihre Kinder Britney Bräslmeier taufen oder seltsame Katzen- und Hundebesitzer.

Der Kabarettist gab alles: Er zog Grimassen, verstellte seine Stimme, schlug in die Tasten seines Keyboards im Kuhfell-Design und sang einen Song nach dem anderen – zum krönenden Abschluss dann auch seinen Wiesn-Hit „Zehn Meter geh“. „Wenn’s bei mir mal nicht mehr läuft, schreib ich Texte für Grönemeyer“, hatte er irgendwann im Laufe des Abends angekündigt. Zumindest wenn es nach den Sulzemoosern geht, muss Herbert Grönemeyer auf diese Hilfe wohl noch länger verzichten.

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