Kirchturm und Telefonzelle: Manche finden, das gehöre zum Ortsbild in Wiedenzhausen einfach dazu.  cla

Radiosender startet Rettungsversuch  

Telefonzelle darf nicht verschwinden - zu viele Erinnerungen

Sie gehöre in Wiedenzhausen dazu wie die bayerische Wirtshauskultur und habe Kultstatus. Deshalb regt sich jetzt im Ort Widerstand gegen den von der Telekom geplanten und dem Gemeinderat genehmigten Abbau der Telefonzelle. So viele Erinnerungen sind mit ihr verbunden.

Wiedenzhausen – Sie hat schon bessere Zeiten erlebt, die Wiedenzhauser Telefonzelle: Früher, als junge Pärchen sich über den Hörer noch Liebesschwüre zuflüsterten, als Kinder auf dem Schulweg dort nach vergessenen Münzen suchten. Heute ist es einsam geworden um das Häuschen im traditionellen Post-Gelb, Telefonate finden dort so gut wie keine mehr statt. Der Betrieb lohnt sich nicht, deshalb soll das Häuschen jetzt verschwinden (wir haben berichtet).

Doch es regt sich Widerstand: „Das Schatzstück muss gerettet werden“, findet der Sender Radio Gong und hat eine große Aktion gestartet. Vermutlich über die Medienberichte ist er auf das Thema aufmerksam geworden. Los gehen soll die Rettung am heutigen Montagvormittag in der Morning Show mit Mike Thiel, die von fünf bis neun Uhr ausgestrahlt wird.

Was genau geplant ist, wurde vorab nicht verraten. Ein Radioteam war aber am Donnerstagnachmittag bereits in Wiedenzhausen und hat Fotos geschossen sowie Meinungen eingeholt. Zum Beispiel von Peter Dreher: „Sie waren plötzlich bei mir im Hof gestanden“, erzählt der 34-Jährige, der eine Straße weiter wohnt. Wie sie gerade zu ihm gekommen sind, weiß er selber nicht so genau. Auf jeden Fall hat er der Reporterin ein kurzes Statement gegeben. „Die Telefonzelle soll natürlich erhalten bleiben“, sagt er. „Sie gehört einfach zu Wiedenzhausen wie die bayerische Wirtshauskultur.“

Das Telefonhäuschen kennt Dreher schon seit seiner Kindheit. „Es wäre schade, wenn es weggerissen würde“, findet er. „Das Häuschen ist schon eine Rarität, es hat hier Kultstatus.“ Was der Radiosender mit dieser Aussage macht, weiß er aber selbst nicht genau. Im sozialen Netzwerk Facebook und auf der Internetseite von Radio Gong steht nur, dass sich Morning Man Mike Thiel etwas zur Telefonzellenrettung überlegen wird. Über 150 Leute haben auf den Post im sozialen Netzwerk Facebook reagiert.

Seit Jahrzehnten steht das Häuschen in der Dorfstraße in der Ortsmitte von Wiedenzhausen, flankiert von der Anschlagtafel der Gemeinde und einer Sitzbank. Im Hintergrund ist die Kirche St. Florian, ein Ortsbild, das einige erhalten möchten.

Andere verbinden nostalgische Kindheits- oder Jugenderinnerungen mit der Zelle. So wie Lisa Widmann. „Wir haben als zwölf oder 13 Jahre alte Mädls alle für einen Jungen geschwärmt“, erzählt die junge Frau aus dem Nachbarort Sulzemoos. „Wir haben ihn von der Telefonzelle aus immer wieder angerufen und uns nicht getraut, was zu sagen.“

Auch Britta Huber, die in der Nachbarschaft ein paar Häuser weiter wohnt, erinnert sich an so eine Jugendgeschichte. „Meine Schwester hat von dort aus telefoniert, wenn sie daheim Telefonverbot hatte, weil sie die Leitung zu lange blockiert hatte“, sagt sie. Einen Abbau würde sie sehr bedauern: „Es ist wirklich schade, dass wieder ein Stück Ortsgeschichte verschwinden soll“, erklärt sie.  

Andererseits: In Zeiten von Smartphones wird die Telefonzelle so gut wie gar nicht mehr genutzt. Die Telekom macht monatlich weniger als 50 Euro Umsatz. Diese Einnahmen reichen längst nicht aus, um wenigstens die Kosten für Strom, Reinigung und Wartung zu decken. Monat für Monat gibt es Verluste.

Der Konzern hat deshalb den Gemeinderat darum gebeten, das Häuschen abbauen zu dürfen. Dort stieß der Vorstoß auf Verständnis: „Ich halte es für wenig sinnvoll, etwas zu erhalten, das Kosten verursacht und keinen Nutzen mehr hat, auch wenn die Gemeinde nicht dafür aufkommen muss“, erklärte Bürgermeister Gerhard Hainzinger in der Gemeinderatssitzung. Abgesehen von Gemeinderat Johann Stumpferl stimmten alle zu.

Die Telefonzelle steht zum Teil auf dem Bürgersteig, zum Teil auf einem Privatgrundstück. Die Gemeinde hat die Eigentümer bereits informiert, dass das Häuschen wegkommt. Dort überlegt man gerade, wie man den Zaun anpasst, ansonsten sieht man die Sache eher neutral und pragmatisch. „Die Zeit dafür ist halt gekommen“, sagt Christine Hillreiner, die Tochter des Besitzers. „Wir verstehen schon, dass es abgebaut werden soll, es wird wirklich fast nicht mehr telefoniert.“ Von den Plänen von Radio Gong hat sie nichts gewusst, ihre Familie hatte noch keinen Kontakt mit dem Radiosender. Dass eine Aktion stattfindet, war für sie eine große Überraschung. „Damit haben wir nicht gerechnet“, sagt Hillreiner, lacht und betrachtet amüsiert das kleine Häuschen am Ende der Hauseinfahrt.

Dort hängt innen der Hörer im Apparat, daneben steht die Telefonnummer eines Taxidienstes, an manchen Stellen ist der Lack ein bisschen zerkratzt. Manchmal hängen an den Scheiben außerdem Werbeplakate für Veranstaltungen, derzeit allerdings nicht. Nur ein paar Flyer von einem Essens-Lieferservice und Fitnesskursen für Schwangere sind noch drinnen.

Claudia Schuri

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