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Im Blütenmeer: Simon, Marie, Angelika und Johannes Kistler (v.l.) zeigen in einem Kamillenfeld die besondere Pflanze.

Landwirt aus Orthofen produziert Kamillenöl

Das heilsame blaue Gold der Kistlers

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Ein weißes Blütenmeer gibt es auf den Feldern von Familie Kistler aus Orthofen. Dort wächst Kamille – und daraus stellt die Familie einen ganz besonderen Stoff her.

Orthofen – Ganz langsam, Tropfen für Tropfen, trennt sich die tiefblaue Flüssigkeit vom Wasser ab. Das Rinnsal, das in den runden Kolben hinab fließt, sieht ein bisschen aus wie ein kräftiger Farbstoff – doch es ist ein wertvolles Öl: Kamillenöl. Es ist dieser Moment, auf den sich Simon Kistler (57) vom Lindenhof in Orthofen, Gemeinde Sulzemoos, besonders freut. „Die ätherischen Öle sind die Seele der Pflanze, und wir machen sie greifbar“, sagt er.

„Das ist schon faszinierend.“ Er steht in der Halle auf seinem Hof und überwacht den Destillationsprozess. In der großen Anlage können knapp fünf Tonnen Kamillenblüten verarbeitet werden. Sie werden nach der Ernte in Kessel gefüllt – und durchlaufen dann ein ausgeklügeltes Verfahren, das bis zu zwölf Stunden dauert. An dessen Ende wird das Öl mit Hilfe von Wasserdampf separiert. Die Technik hat Kistler größtenteils selbst entwickelt – wie so vieles auf seinem Hof.

Schon seit 28 Jahren beschäftigt er sich mit dem Kamillenanbau. „Ich war auf der Suche nach etwas Neuem, auch weil es mit Getreide immer schwieriger ist, im Weltmarkt zu bestehen“, sagt der Landwirt. Also experimentierte er mit verschiedenen Pflanzen – und spezialisierte sich schließlich auf die Kamille. Gemeinsam mit seiner Frau Angelika (48) produziert er heute Kamillenöl in Arzneimittelqualität. Auch die beiden Kinder Johannes (13) und Marie (11) packen schon fleißig mit an. Denn hinter der blauen Flüssigkeit stecken viel Arbeit – und noch mehr Herausforderungen.

Das beginnt schon bei der Aussaat. Die Kamille, die im Sommer geerntet wird, wird im Frühjahr ausgesät, die Winterkamille, die im Frühjahr geerntet wird, schon im Herbst. Immer muss das Wetter zu 100 Prozent passen. „Das Saatgut muss oben auflegen und darf nicht bedeckt sein“, erklärt Kistler. „Weil es aber so fein wie gemahlener Pfeffer ist, kann es leicht vom Wind weggeweht werden.“ Vom Boden wiederum brauchen die Samen Feuchtigkeit, um wachsen zu können. „Da ist es Minutenarbeit, die richtigen Bedingungen zu erwischen – und selbst dann hat man noch keine Erfolgsgarantie“, sagt Simon Kistler.

Auch bei den Ernten ist die Zeitspanne gering. Läuft es gut, kann die Sommerkamille zwei- oder im Bestfall sogar dreimal geerntet werden. Läuft es schlecht, kann im schlimmsten Fall ein einzelnes Gewitter die komplette Ernte verderben. „Ich hatte auch schon Totalverluste“, erinnert sich Kistler. Als er vor 28 Jahren auf einer Fläche von einem halben Hektar mit dem Kamillenanbau begonnen hatte, musste er viele Rückschläge einstecken. „Wer nicht einen riesen Optimismus hat und technisch fit ist, der sollte sich mit solchen Geschäftsideen besser nicht beschäftigen“, sagt Kistler.

Doch er denkt grundsätzlich positiv – und ist ein Tüftler. Mit einem Kochtopf und einem Kühler machte er seine ersten Destillationsversuche und entwickelte die Technik nach und nach zu einem großen System weiter. Auch die Erntemaschinen bastelte er selbst aus verschiedenen Maschinen zusammen. Noch immer versucht er die Geräte zu verbessern. Denn: „Stillstand ist Rückschritt“, so Kistler.

Heute bauen die Kistlers auf einer Fläche von 29 Hektar Kamille an. Ein weißes Blütenmeer überzieht zur Erntezeit die Felder rund um den Lindenhof. Doch pro Hektar lassen sich selbst unter guten Bedingungen nur wenige Kilogramm des kostbaren ätherischen Öls gewinnen. Der Stoff steckt in den Blütenköpfen, ist extrem schwer zu separieren und besteht aus bis zu 200 Einzelkomponenten. Nach der Ernte darf keine Zeit verloren gehen, alle helfen mit: Denn je schneller die Blüten weiter verarbeitet werden, desto besser die Qualität des Öls.

Kistlers müssen Spitzenqualität liefern. Mit einem Teil des Öls stellen sie Naturkosmetik und Pflegeprodukte her, die sie selbst vermarkten. Sie verkaufen ihr Öl aber auch an Abnehmer aus der ganzen Welt. Der Großteil geht an die Pharmaindustrie und wird für Arzneimittel auf pflanzlicher Basis verwendet. „Dazu gibt es extrem strenge Kontrollen“, erklärt Simon Kistler. „Alles muss strengste Kriterien erfüllen und lückenlos dokumentiert werden.“ Das beginnt bei der Aussaat – und endet, wenn der edle Stoff sich bei der Destillation vom Wasser absetzt und eine tiefblaue Ölschicht entsteht.

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