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Erinnerungen an alte Zeiten: Auf den Fotos, die Leni Rieger zeigt, sind ihre Eltern und ihre Geschwister zu sehen. f 

Leni Rieger über die Zeit im Kinderheim und ihre Rückkehr nach Sulzemoos

Serie „75 Jahre Kriegsende“ - Ein Rosenkranz-Gebet gegen die Angst

  • Claudia Schuri
    vonClaudia Schuri
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Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. In einer Serie veröffentlichen die Dachauer Nachrichten Erinnerungen von Zeitzeugen an die Kriegsjahre, das Ende des Krieges und die Zeit danach.

Sulzemoos –  Als fast alles vorbei war, haben Leni Rieger und die anderen Kinder den Rosenkranz gebetet. Ganz fest konzentrierten sie sich auf die Gsatzl, das half zumindest ein bisschen gegen die Angst im dunklen Luftschutzkeller. „Wir haben alle geweint und gedacht, sie erschießen uns“, erinnert sich die heute 86-Jährige. Vor 75 Jahren, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, lebte sie mit zwei Schwestern und einem Bruder in einem Kinderheim in Regenstauf bei Regensburg.

Mit ihrer Familie in Sulzemoos hatte sie nur wenig Kontakt. „Das war nicht gewünscht“, erzählt sie. „Die Mutter sollte uns nicht besuchen, und Briefe mussten wir zuerst die Schwestern lesen lassen.“ Der Vater Michael Rieger war 1941 in Russland gefallen, als die Mutter Magdalena gerade ihr siebtes Kind erwartete. Mit 29 Jahren und einer Schar von kleinen Kindern musste sie sich als junge Witwerin alleine durchschlagen. Die Behörden schickten deshalb die vier älteren Kinder ins Heim.

„Wir hatten schon Zeitlang“, sagt Leni Rieger. 58 Kinder lebten in dem Waisenhaus, die jüngsten waren wenige Wochen alt, die ältesten standen vor dem Schulabschluss. Das Leben war ärmlich, zum Essen gab es vor allem Kartoffeln. Manchmal konnten die Kinder ein bisschen Getreide ergattern. „Das haben wir dann in der Schürzentasche versteckt und später den Weizen gegessen“, erzählt sie. Hinzu kam die Angst vor den Bombenangriffen – in Regensburg wurde öfters eine Zuckerfabrik bombardiert. Nie vergessen hat Rieger auch die Tiefflieger-Angriffe: „Dann mussten wir uns sofort auf den Boden legen“, berichtet sie. Das prägt – auch viele Jahre später legte sie sich noch instinktiv nieder, wenn sich ein Flugzeug näherte.

Im April 1945 rückten schließlich die Alliierten vor. Die Panzersperre vor dem Heim war schnell überwunden. An jenem Tag waren die Kinder und die Schwestern nicht alleine im Luftschutzkeller. „Soldaten in Uniform haben sich bei uns eingenistet“, sagt Leni Rieger. Die Amerikaner rissen das Tor auf. Sahen die Kämpfer. Und schossen. „Der Küchenschwester haben sie durch die Nase geschossen“, erinnert sich die 86-Jährige. „Kinder, Kinder“, schrie eine andere Schwester verzweifelt, es war die Rettung. Die Kinder durften raus aus dem Keller, die Hände hinter dem Rücken, die Lastwagen rückten in den Hof ein. „In der ersten Zeit durften wir danach nicht in den Schlafsaal, sondern mussten in einer dunklen Kammer auf unseren Klamotten schlafen“, sagt Leni Rieger. Trotzdem: „Im Grunde ist es uns danach besser gegangen, als zuvor“, betont sie. „Die Amerikaner hatten nichts gegen Kinder, sie haben uns nichts getan.“ Sogar ein bisschen Schokolade und eine Orange gab es für die Kinder. „Es war die erste Orange, die ich gegessen habe“, erzählt Rieger. „Ich habe sie sehr genossen. Wir haben genau aufgepasst, dass niemand mehr hat.“

Wie es ihrer Mutter und ihren Geschwistern derweil in Sulzemoos ging, wusste Leni Rieger nicht. Dort rückten die Alliierten erst ein paar Tage später vor. Erst später erfuhr die 86-Jährige, dass ihre Mutter keine guten Erinnerungen daran hatte: „Die Amerikaner müssen dort nicht human gewesen sein“, berichtet sie von den Erzählungen. „Alles, was an Lebensmitteln da war, müssen sie verstreut haben. Es muss so schlimm ausgeschaut haben, dass man weinen hätte können.“ Die Mutter berichtete ihr, dass sogar das Geräucherte, das die Familie noch hatte, ganz klein geschnitzelt und in eine Holzkiste geworfen wurde. „Nur, damit man es nicht mehr essen konnte“, sagt Leni Rieder. „Auch meine Zither haben sie zertrampelt und klein geschlagen.“

Leni Rieger blieb nach der Befreiung weiter in Regenstauf. Zuletzt war sie bei einem Arzt beschäftigt, bei dem sie sich um den Haushalt und die beiden kleinen Töchter kümmerte. „Das war eine schöne Zeit“, sagt sie. Zu Weihnachten bekam sie sogar ihr erstes Dirndl: unten gelb und braun kariert, oben braun und mit einer grünen Schürze. „Ich habe es noch heute“, erzählt sie.

Mit 16 Jahren machte sie sich gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Bruder wieder auf den Weg in die Heimat. Die älteste Schwester war schon früher zurückgekehrt. Zuhause erfuhren die Kinder eine traurige Nachricht: Die Kleinste der Geschwister, Elfriede, war 1945 mit nur vier Jahren gestorben. Ein tragischer Unfall. Die Mutter hielt an der einen Hand Elfriede, an der anderen ein weiteres Kind. „Ein Lastwagen der Amerikaner hat sie von der Hand weg gefahren“, berichtet Leni Rieger. Die Familie alarmierte noch zwei Ärzte, doch die Kleine konnte nicht mehr gerettet werden.

Es war nicht leicht, als Waisenheimkinder wieder Fuß zu fassen, doch nach und nach baute sich Leni Rieger ein eigenes Leben auf. Sie heiratete und bekam drei Kinder. Inzwischen hat sie vier Enkel und vier Urenkel. Regenstauf hat sie mehrmals wieder besucht. 2018 machte sie dabei eine besonders schöne Begegnung: Nach vielen Jahrzehnten traf sie zufällig die beiden Mädchen des Arztes, die sie als Jugendliche betreut hatte.

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