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Komplizierte Konstruktion: Barbara und Rasso Kaut bedienen das vom Großvater geerbte Papiertheater.

Aufführung im Chorherren-Museum

Ein Theater ohne Schauspieler - aber mit viel Papier

Indersdorf - Theater aus Papier: Das inszenierten Barbara und Rasso Kaut im Augustiner-Chorherren-Museum. Mit vielen Details und Effekten wurde die Papierlandschaft zum Fernseher.

Hinter einem stählernen Gitter reißen Wassermassen einen Vorsprung hinunter. Schmatzende Schritte auf feuchtem Boden kommen näher. Aus der Ferne hallt Hundegebell. Ein Mann ist gefangen. Von Polizisten. Der Mann fleht seinen Freund an. Der Freund schießt. Der Flüchtige ist tot.

Eine Szene aus dem britischer Thriller „Der dritte Mann“, eigentlich ein Film aus dem Jahr 1949. Dieser Thriller war im Augustiner Chorherren Museum als Theaterstück zu sehen – ohne Menschen auf der Bühne, ohne Hunde und Wasser. Statt Schauspielern und Drehorten gab es in Indersdorf Papier zu sehen und zwar reichlich.

Das Theatrum Augustinum führte an zwei Tagen vor über 100 Gästen „Wer ist der vierte Mann?“ auf. Zum ersten Mal seit sechs Jahren beschäftigte sich das Papiertheater um Barbara und Rasso Kaut mit einem Krimi. „Menschen fasziniert schon immer das Böse, obwohl sie eigentlich in einer Welt leben wollen, wo das Gute gewinnt“, erklärt Rasso Kaut die Stückauswahl. Natürlich gewinnt auch bei der Aufführung im Chorherren Museum das Gute. Doch nicht ohne dem Bösen, wie illegaler Handel mit gepanschten Penicillin, Betrug und Mord.

Alles sehr mitreißend dargestellt. „Das war so lebendig“, freute sich Jutta Lechtenberg-Diehl mit ihrer elfjährigen Tochter Channah am Ende der Premiere. Diese Lebendigkeit verdankt das Stück seinen acht Sprechern hinter der Bühne und den mit viel Liebe zum Detail selbstgebauten Kulissen.

Das Hotelzimmer war mit einem Kronleuchter ausgestattet, auf der verlassenen Straße zogen Nebelschwaden auf und am Prater drehte sich das Riesenrad. Doch allein mit der eingespielten miauenden Katze, dem Sirenengeheul, den fahrenden Autos und der Kirmesmusik hätte das Stück zusammen mit den Sprechern als gutes Hörbuch funktioniert.

Ein Jahr Vorbereitungszeit waren für die Vorstellungen nötig. Die Kulissen und Figuren mussten hergestellt, die Texte geprobt, die Musik geschnitten, die Töne gefunden und vor allem das Stück geschrieben werden. Als Vorlage galt „Der dritte Mann“ von Regisseur Carol Reed und Drehbuchautor Graham Greene. Rasso Kaut vom Papiertheater betont aber: „Wir haben es umgeschrieben, Szenen dazu erfunden, anderes herausgenommen.“ Nur 20 Prozent seien übernommen worden. Schließlich wollte das Theater keinen Ärger mit dem Urheberrecht. Deshalb waren die beiden Aufführen private Veranstaltungen, Werbung gab es fast keine und statt Eintritt wurde um Spenden gebeten.

Keiner im Publikum wusste, was sich die Kauts alles in ihrer Angst vor dem Urheberrecht ausgedacht hatten. Wer den „Dritten Mann“ gesehen hat, mag der Verlauf des Stückes zwar bekannt vorgekommen sein. Doch die kleinen Veränderungen - wie den Austausch der Kuckucksuhr mit dem Schweizer Käse in der berühmten Kuckucks-Rede, machte das Stück für alle spannend bis zum Schluss.

Das zehnköpfige Ensemble aus Sprechern, Bühnen- und Tontechnikern sowie Schiebern waren nach der Aufführung sichtlich stolz. Barbara und Rasso Kaut haben deshalb einen Wunsch: „Wir würden gerne einmal eine Papiertheater-Woche in Indersdorf realisieren.“ An Interessenten wird es nicht fehlen. Besucherin Jutta Lechtenberg-Diel zum Beispiel fand: „Es ist schön, wenn sich Menschen so engagieren und etwas Kulturelles vor Ort bieten.“ Das machen das Ehepaar Kaut und das Ensemble seit sechs Jahren, seit Barbara Kaut die alten Papiertheater-Kulissen von ihrem Großvater geerbt hat. Für ihn war das Theater wie das Fernsehen von heute. Denn im 19. Jahrhundert sorgten in bürgerlichen Familien Papiertheater für Bildung und Unterhaltung. Gespielt wurden hauptsächlich Stücke von Goethe, Lessing und Kleist. Das Theatrum Augustinum beschränkte sich anfangs auf Opern.

Jetzt hat es sich an eine Premiere gewagt. „Der Stoff vom dritten Mann wurde noch nie auf einer Theaterbühne gezeigt“, sagte Rasso Kaut. In Wien soll die Geschichte als Musical gespielt werden – aber die Indersdorfer mit ihrer kleinen Bühne und dem großen Engagement waren schneller.

Miriam Kohr

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