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Fundort im Gröbenbach: Etwa hier fanden die THW-Helfer das dreijährige Mädchen.

THW-Helfer Manuel Mertl war im Einsatz

Tragischer Unfall auf B471: "Das geht einem tief in die Seele"

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Dachau -  Manuel Mertl war als THW-Helfer nach dem tragischen Unfall im Einsatz, bei dem ein dreijähriges Mädchen aus dem Auto geschleudert wurde. Der 26-jährige Gündinger sagt : "Das geht einem tief in die Seele."

Es war ein schrecklicher Unfall, bei dem am Donnerstagfrüh über 50 Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr, THW und BRK im Einsatz waren. Ein 33-jähriger Citroën-Fahrer war gegen 5 Uhr auf der B 471 von der A 8 in Richtung Dachau unterwegs. Auf dem Beifahrersitz saßen seine 33-jährige Frau und sein dreijähriges Kind.  Die Rücksitzbank des Citroen sei „völlig zugemüllt“ gewesen, so Polizeihauptkommissar Roland Itzstein von der PI Dachau. Außerdem sei die Rückenlehne des Beifahrersitzes nach hinten gestellt gewesen, „als ob die Frau und das Kind hier geruht haben“. Zweifelsfrei geht die Polizei daher davon aus, dass Mutter und Kind auf dem Beifahrersitz gesessen haben – nicht angegurtet: „Der Gurt auf der Beifahrerseite hing einfach locker nach unten."

Der Autofahrer kam nach rechts von der Straße ab, das Auto fuhr auf die Leitplanke, hob ab und schlug in etwa zwei Metern Höhe in die angrenzenden Bäume ein. Das Kind und die Frau wurden bei dem Aufprall aus dem Auto geschleudert. Das Kind landete im Gröbenbach. 

„Kind im Wasser“: So lautete die Alarmierung auf dem Piepser, die Manuel Mertl etwa um 5.15 Uhr erreichte. „Ich bin sofort ins THW gefahren und habe mir den Wasserrettungsanzug angezogen“, eine Art wasserdichter Schneeanzug. Insgesamt 17 Einsatzkräfte machten sich mit dem Schlauchboot in drei THW-Fahrzeugen auf den Weg. „Wir haben das Boot an der Moosstraße in den Gröbenbach eingesetzt“, erzählt der Gündinger. Von da ab suchten sie flussabwärts den Bach ab, ausgestattet mit Schwimmwesten, Sicherungsseil und Taschenlampen. 

„Dabei wussten wir nur, dass ein Kind im Wasser ist“, sagt Mertl. Nach etwa einer Stunde trieben die THW-Helfer im Schlauchboot auf einer Brücke zu. „Wir wollten mit dem Boot unten durch, aber die Brücke war zu flach.“ Die Einsatzkräfte stiegen aus dem Boot aus. Ein Kollege, der auf der Brücke stand, suchte den Uferbereich hinter der Brücke mit der Taschenlampe ab. Dort entdeckte er das leblose Mädchen. „Das Kind hing im Uferbereich im Gestrüpp“, berichtet Manuel Mertl. Sein Kollege sei sofort ins Wasser gesprungen, habe das Kind aus dem Wasser gehoben und es Manuel Mertl gereicht. 

„Wir haben gleich angefangen, das Kind zu reanimieren.“ Manuel Mertl, der hauptamtlich Rettungsassistent beim BRK ist, hat zu diesem Zeitpunkt nur noch funktioniert, wie er sagt. „Man steht unter Adrenalin und blendet alles aus“, sagt der 26-Jährige. „Ich weiß nicht mehr, wer und wie viele um mich herum standen. Ich wusste nur, dass wir wiederbeleben müssen, bis der Notarzt kommt.“ Das bedeutet: Herzdruckmassage und Beatmung, im Wechsel, 15 Mal drücken, zweimal beatmen, immer wieder. „Die Kollegen haben den Notfallrucksack aus dem THW-Fahrzeug geholt, mit dem Beatmungsbeutel, und wir mussten weitermachen, solange bis der Notarzt eintrifft.“ Denn nur der darf feststellen, ob das Kind tot ist oder nicht. Auch als der Kindernotarzt da war, machte Manuel Mertl mit der Reanimation weiter. 

Der Arzt legte an dem bewusstlosen Mädchen derweil den venösen Zugang für die Medikamente. Die THW-Kollegen bauten die Beleuchtung auf, damit der Notarzt und seine Helfer die bestmöglichen Arbeitsbedingungen hatten. Dann übernahm das Notarzt-Team, brachte das Kind in den Rettungswagen und fuhr davon. Später kam die Nachricht: Das Kind war verstorben. 

Nach so einem Einsatz wie in Dachau ist Reden das Wichtigste

Die Einsatzkräfte am Fundort hatten zunächst noch zu tun: „Wir mussten die Beleuchtung abbauen, alles aufräumen“, so Mertl. „Da ist man noch abgelenkt.“ Danach kamen alle Einsatzkräfte zu einer Nachbesprechung zusammen. „Da geht’s darum, wie der Einsatz gelaufen ist, das Zusammenspiel zwischen allen Kräften von Polizei, FFW, THW und BRK.“ Mit dem Einsatzablauf seien alle zufrieden gewesen. „Wir haben unser Bestmöglichstes gegeben.“ 

Die Kameraden konnten dabei aber auch über ihre Eindrücke und Gefühle sprechen. Auch Notfallseelsorger Albert Wenning war vor Ort und stand den Helfern zur Verfügung, für jene, die reden wollten. Denn das ist überhaupt das Allerwichtigste, sagt Manuel Mertl: über den Einsatz zu sprechen. 

Schrecklicher Unfall bei Dachau: Kind stirbt

Der 26-jährige Gündinger ist gleich nach dem Einsatz in die Arbeit gefahren, zum BRK – „aber ich habe mich ablösen lassen. Da muss man funktionieren. Das geht aber nicht, wenn man neben der Spur steht.“ Auch Stunden später stand er gestern noch unter Anspannung, „man befindet sich Stunden danach noch im Einsatzgefühl“, sagt er.

Darum ist er dann in die THW-Unterkunft nach Günding gefahren, mit einem Kollegen, der gestern Früh auch im Einsatz war. Um zu reden. Das hilft, das Erlebte zu verarbeiten, sagt Mertl. Man müsse ehrlich zugeben, dass man einen Redezwang hat. Und von Vergessen keine Rede. „Solche Einsätze vergisst man sein Leben lang nicht – schon gar nicht, wenn es um ein dreijähriges Kind geht.“ Und da sei es auch egal, ob man hauptamtlich beim BRK arbeitet oder nur ehrenamtlich beim THW: „Das geht einem tief in die Seele.“ 

Mertl macht eine Pause. „Ist schon komisch: Da gibt es die Gaffer, die immer versuchen, einen Blick auf das Unfallgeschehen zu erhaschen. Und wir, wir wollen das alles eigentlich gar nicht sehen."

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