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Sind immer für ihre Kollegin da: Die Taxifahrer Günter Senf (l.) und Alexandros Brachos (r.) stehen nach dem Raubüberfall voll hinter Gabriele Sanktjohanser.

Spendenaktion für Gabriele Sanktjohanser gestartet

Die tiefen Wunden der überfallenen Taxifahrerin

Lauterbach - Bereits zwei Mal ist Taxifahrerin Gabriele Sanktjohanser, 52, brutal überfallen worden. Die zweifache Mutter aus Lauterbach ist schwer getroffen – körperlich, aber vor allem seelisch. Ans Steuer eines Taxis will sie sich nie wieder setzen. 

Gabriele Sanktjohanser wirkt fünf Tage nach ihrer verhängnisvollen Fahrt hinaus ins dunkle Dachauer Hinterland gefasst. Am Sonntag war die 52-Jährige wie berichtet von einem Fahrgast nach längerer Fahrt auf einen Waldweg dirigiert worden. Als sie misstrauisch wurde und das Innenraumlicht anknipste, sah sie sein Messer. Ihr gelang es zwar, das Taxi zu verlassen, doch im Wald stürzte sich der Fahrgast auf sie und verletzte sie schwer. Danach schnappte sich der Mann den Autoschlüssel und verschwand mit dem Mercedes der E-Klasse in der Nacht.

Gabriele Sanktjohanser schildert dieses tragische Erlebnis ganz ruhig. Doch als ihre Taxifahrer-Kollegen Günter Senf und Alexandros Brachos ihr gestern eine selbstgemachte Karte übergeben, bricht es aus der 52-Jährigen heraus. Sie beginnt zu weinen. Hemmungslos. Alle Dachauer Kollegen haben unterschrieben, dazu noch Stammfahrgäste. „Das ist mir mehr wert als alles andere“, schluchzt sie. Gabi Sanktjohanser will damit sagen: Es gibt mir so viel Mut, dass mir neben Tochter Sophie (19) und Sohn Simon (17) noch mehr Menschen beistehen. 

Übersät von Schnittwunden ist die linke Hand der Taxifahrerin.

Ihren von Schnittwunden übersäten Arm, die Platzwunden und Prellungen am gesamten Körper konnten die Ärzte im Klinikum Dachau versorgen, die viel tieferen seelischen Wunden hingegen nicht. „Am Tag geht es mir gut“, sagt Gabriele Sanktjohanser, „aber in der Nacht...“

„Vielen Opfern geht es scheinbar gut, doch irgendwann kommt der Zusammenbruch“, weiß Wolfgang Bössenroth, der Leiter des Weißen Rings im Landkreis Dachau. Sein Verein hilft Kriminalitätsopfern. Im Fall von Gabriele Sanktjohanser stellt er unentgeltlich eine Traumatologin und einen Anwalt zur Verfügung.

„Ich wünschte, ich hätte ihr das abnehmen können"

„Ich wünschte, ich wäre im Auto gesessen und ich hätte ihr das abnehmen können“, sagt Taxler Günter Senf. Denn: Gabriele Sanktjohanser musste schon einmal um ihr Leben bangen. Fast auf den Tag genau vor sechs Jahren hatte sie ein Mann aus Röhrmoos nach Schönbrunn dirigiert. Als Gabriele Sanktjohanser den Wagen stoppte, legte ihr der Fahrgast ein Kabel um den Hals – und zog mit aller Kraft zu. Nur weil es der zweifachen Mutter gelang, eine Hand unter das Kabel zu bringen, hat sie wohl überlebt. Das Kabel riss, der Mann rannte davon. Später wurde er überführt und zu drei Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt. 

Der Täter vom Sonntag ist noch auf der Flucht, doch die Polizei ist ihm auf den Fersen. Das Taxi ist bereits am Montag in der Nähe von Trier auf dem Standstreifen der A 64 gefunden worden, 480 Kilometer von Dachau entfernt. Der Täter hatte statt Diesel wohl Benzin getankt. Motorschaden. Ein Stück weiter, kurz vor der Luxemburgischen Grenze, lag der Geldbeutel von Gabriele Sanktjohanser auf der Autobahn. Das hat die Polizei erst jetzt mitgeteilt; aus ermittlungstaktischen Gründen, wie es heißt. „Die Spurensicherung läuft. Wir können aber noch nichts Konkretes über den Täter sagen“, meint Peter Grieser, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern-Nord. 

Seit 1987 fährt sie Taxi

Die Gedanken von Gabriele Sanktjohanser jedoch drehen sich keineswegs um den Täter, den sie nur knapp als „gepflegte Erscheinung“ beschreibt. Sie beschäftigt nur eines: Wie geht es weiter, mit mir und meinen Kindern? Seit 1987 fährt sie Taxi. „Jetzt werde ich mich nie mehr ans Steuer setzen“, sagt sie. Doch von was leben? Die 52-Jährige ist selbstständig und muss noch die Raten fürs Auto und das Haus in Lauterbach abstottern. Von ihrem Mann, ebenfalls Taxifahrer, ist sie geschieden. Sie hat vor Jahrzehnten Groß- und Einzelhandelskauffrau gelernt. Doch in diesen Beruf zurückkehren, das werde sehr schwer, meint sie. „Ach, jetzt denkst Du lange nach. Und wenn Du dann doch wieder zu uns zurück willst: Wir werden für Dich da sein“, entgegnet Taxi-Kollege Günter Senf und zaubert damit ein kleines Lächeln in das von blauen Flecken und Platzwunden gezeichnete Gesicht von Gabriele Sanktjohanser.

Spendenaktion

Die „Kette der helfenden Hände“ der Dachauer Nachrichten unterstützt Gabriele Sanktjohanser. Außerdem startet die Heimatzeitung eine Spendenaktion: Alle Spenden, die mit dem Verwendungszweck „Taxifahrerin“ eingehen, werden direkt an die 52-jährige Lauterbacherin weitergeleitet. 

Das sind die Kontoverbindungen: Volksbank Raiffeisenbank Dachau: IBAN DE68 7009 1500 0000 0199 50, BIC: GENODEF1DCA. 

Sparkasse Dachau: IBAN DE29 7005 1540 0380 9731 15, BIC: BYLADEM1DAH.

Thomas Zimmerly

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