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Unsterbliche Weihnachtsromantik

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Hineingewachsen ist Claus Weber über viele Jahre in die Rolle des Heilige-Nacht-Rezitators. foto: HAB
Hineingewachsen ist Claus Weber über viele Jahre in die Rolle des Heilige-Nacht-Rezitators. foto: HAB

Dachau - Die Heilige Nacht von Ludwig Thoma hat ihren besonderen Zauber. Besonders im Dachauer Land ist sie gerngehörter Bestandteil vieler Adventsfeiern. Beim Paradeislabend der Ludwig-Thoma-Gemeinde hat Claus Weber das Werk in Rollen verlebendigt.

Die „Heilige Nacht“ ist ein Gradmesser der bairischen Rezitierkunst. Viele und viele Große haben sich an ihr versucht, das Ergebnis vermag nicht immer zu überzeugen. Beim Paradeislabend der Ludwig-Thoma-Gemeinde hat die Mundartdichtung einen Meister mehr gefunden: Claus Weber. Er hat sie zigmal gehört. Schon als Kind, wenn er mit dem Vater unterwegs war, der bei Dachauer Dreigesang mitwirkte. Oder später, als er selbst mitsang. Er kennt fast jede Zeile auswendig, weiß um die Tücken der Betonung, kennt jede Gefühlsregung, jede Nuance. Und er kann sie in seinem Vortrag auch umsetzen, so als schlüpfte er von einer Rolle in die nächste. Er ist ein bedächtiger Erzähler, gibt den bekümmerten Josef, die demütige Maria, den arroganten Manasse, den hilfsbereiten aber zwielichtigen Handwerksburschen, Wirte und Knechte, die reiche hartherzige Verwandtschaft, Helfer, Hirten und Weihnachtsengel.

Bei der Ludwig-Thoma-Gemeinde ist er in die Fußstapfen von Franz Eder getreten, der dem Nachfolger gebannt zuhörte. Er verriet: „Wiar i as letztmoi glesn hob, hod der Weber Claus gsunga.“ Wie gut er nun als Sprecher seine Sache machte, stand Eder ins Gesicht geschrieben: Er war sichtlich ergriffen. Aber nicht nur er. Die Zuhörer saßen still und lauschten andächtig. Die Bolzwanger Geigenmusi mit zwei Geigen, unterstützt von Heinz Neumaier (Gitarre) und der Bolzwanger Hausgsang schufen mit wohlklingenden Weisen und innigen Liedern Raum und Zeit, damit das gesprochene Wort der Weihnachtsgeschichte abschnittsweise nachhallen konnte.

Obwohl landauf, landab in den Adventswochen die Heilige Nacht vorgetragen wird, scheint sich der Zauber der Geschichte nicht abzunützen: Berühren schon die Ereignisse um Christi Geburt Jahr für Jahr die Gläubigen aufs Neue, schafft das romantische Bild der Heiligen Familie in einem einsamen bayerischen Stall inmitten tiefverschneiter Landschaft, wie man sie aus dem Oberland kennt, erst recht eine innige Nähe.

Ludwig Thoma schrieb die Heilige Nacht 1915/16 nach der Rückkehr von seinem Kriegseinsatz als Sanitäter in Galizien und Rußland, geprägt von den Geschehnissen und auf der Suche nach innerem Frieden. Thoma adaptierte die Weihnachtsgeschichte des Lukas-Evangeliums in die bairische Winterlandschaft, wie er sie von seiner Kindheit her im Vorderrißer Forsthaus kannte und später auf der „Tuftn“ erlebt hat. In der herben Deutlichkeit der Dialektsprache blitzen wie kleine Irrlichter im tiefverschneiten Tannenwald die Empfindungen des Dichters auf: seine nostalgische Erinnerungen an die Kindheit, die Liebe zur Heimat und zur Natur und eine ungestillte Sehnsucht nach vollkommenem Glück. (don)

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