Die Lebensqualität und der Charme Dachaus würden wegen Projekten wie den beiden Doppelhäusern (Hintergrund) verloren gehen, so die Anwohner (v.l.) Herta Sedlmeier, Dr. Georg Grahamer, Bianca Mössinger sowie Dr. Chrstine Grahamer.  zim

„Vergewaltigter“ Charakter

Dachau - Der Burgfrieden in der gleichnamigen Straße ist gestört. Anwohner in Dachaus edelster Wohngegend laufen Sturm gegen den Bau von zwei Doppelhäusern dort. In einem Schreiben konfrontieren sie OB Peter Bürgel mit einer Fülle von Argumenten gegen das Vorhaben. Tenor: Der Charakter der Straße werde „vergewaltigt“.

Im Landkreis Dachau herrscht derzeit ein Bauboom, wie es ihn lange nicht mehr gegeben hat. Auch Dino Josef Melic (60) aus Petershausen hat gebaut. Und sich dazu Dachaus edelste Wohngegend ausgesucht. Dort stehen fast ausschließlich Einfamilienhäuser mit großen Gärten, für die Käufer schon mal eine Million Euro hinblättern müssten. Der Sohn (32) und die Tochter (26) von Dino Josef Melic sollten dort eine neue Bleibe finden. „Unsere Familie ist aus Dachau. Die Kinder wollten wieder nach Dachau zurück“, sagt er. Melic, der rund um München neun Lebensmittelmärkte betreibt und rund 340 Mitarbeiter beschäftigt, kaufte das rund 1000 Quadratmeter Grundstück an der Burgfriedenstraße 21 mit einem Haus aus dem Jahr 1952 drauf. Melic engagierte ein namhaftes Architekturbüro und zwei renommierte Baufirmen. Er ließ das alte Gebäude abreißen und an dessen Stelle zwei Doppelhäuser errichten. Im April 2012 waren die Bagger angerollt. Ende des Monats soll alles fertig sein. In einer Doppelhaushälfte wohnt bereits der Sohn, die anderen drei sind vermietet. Die in München studierende Tochter soll später einmal einziehen.

Gegen das Bauprojekt ziehen jetzt zahlreiche Nachbarn zu Felde. In einem Schreiben an Oberbürgermeister Peter Bürgel vom 10. Januar monieren insgesamt 23 Anwohner: Der Melic-Bau sei überdimensioniert, die Verdichtung zu groß, die Baulinie sei nicht eingehalten, die schöne Silhouette der Straße sei zerstört, der überwiegende Teil des Grundstücks sei nun versiegelt. Die Baugenehmigung habe die vorhandenen Strukturen zerstört, sie sei nicht umwelt- und familiengerecht, städteplanerisch fragwürdig und unverantwortlich für die Zukunft von Stadt und Bürgern. Herta Sedlmeier aus der Burgfriedenstraße 17 bringt es auf den Punkt: „Es geht um den Charakter der Straße, der hier vergewaltigt wird.“

„Wir wollen das Bauamt aufrütteln und sensibilisieren, dass der Charakter unserer Straße gewahrt bleibt“, sagt Dr. Christine Grahamer von Hausnummer 38. „Es muss sich was verändern. Ein Krebsgeschwür passt in keinster Form in diese gewachsene Straße“, ergänzt Bianca Mössinger, Hausnummer 36.

Weiter beklagen die Anwohner, dass sie seit Baubeginn massiven Belastungen durch Baulärm und -verkehr ausgesetzt seien. Die Folge: verschmutzte Straßen, eingestaubte Häuser und Autos, Wegfall der Parkplätze. Eva Erichreineke von Haus 17a ist beim ersten Schneefall im Herbst in der schmalen, abschüssigen und von Baumaschinen gesäumten Burgfriedenstraße mit ihrem Mercedes R-Klasse in den Graben gerutscht. Nette Bauarbeiter hatten damals mitgeholfen, sonst wäre der Wagen womöglich die gesamte Böschung hinuntergerutscht.

„Warum ist keiner früher auf mich zugegangen. Ich habe keine Geheimnisse. Alle Nachbarn haben dem Bauantrag zugestimmt“, wundert sich Bauherr Melic. „Ich habe eine Tiefgarage gebaut, im Gegensatz zu den Anwohnern, die auf der Straße parken. Die Menschen brauchen heutzutage keine großen Gärten mehr, sie brauchen Wohnfläche.“ Er habe eine fast heruntergekommene Behausung abgerissen und stattdessen Gebäude nach neuesten energetischen Gesichtspunkten in nachhaltiger Holzständerbauweise errichten lassen.

Vor allem aber hat Dino Josef Melic eines: Er hat die rechtlichen Vorgaben eingehalten und damit das Recht zu bauen, wie Dachaus Bauamtsleiter Michael Simon bestätigt. Würde seine Behörde einschreiten, könnte Melic seinen Anspruch vor Gericht durchsetzen. „Wenn ich sage, ich möchte im Innenraum verdichten, ist das immer noch besser, als ein weiterer Flächenfraß am Rand der Stadt. Das ist der bessere Weg“, sagt Simon, der zugibt, dass das Melic-Projekt „in seiner Größenordnung am oberen Rand“ liege.

Ein Gerichtsstreit ist nicht in Sicht. „Wir wollen eine gute Nachbarschaft mit Herrn Melic“, sagt Herta Sedlmeier, was im Sinne aller ihrer Mitstreiter ist. „Doch wenn das verdichtete Bauen so weitergeht, verliert unsre Stadt an Lebensqualität und Charme.“

Thomas Zimmerly

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