Von Entwarnung keine Spur

Verkehrschaos wird immer schlimmer

Karlsfeld - Kleine Unfälle haben in Karlsfeld großes Chaos angerichtet. Doch von Entwarnung keine Spur. Experten sagen: Das Chaos wird zur Regel.

Auf Facebook waren sich die verkehrsgeplagten Pendler einig: „Auf der Landshuter Allee ist nicht so viel Chaos wie auf der Münchner Straße“, lautete eine Feststellung. „Fehlplanung pur! Das passiert, wenn ein Dorf zur Stadt wird“, glaubte eine weitere frustrierte Userin zu wissen. Ein Dritter postete folgenden Lösungsvorschlag: „Einfach auf sechs Spuren ausbauen und alle Ampeln weg! Aber im Ernst, irgendwas muss sich tun, es wird von Jahr zu Jahr schlimmer.“

So traurig es ist: Dieser Facebook-User hat recht. Eine Situation wie am Dienstag wird laut Polizeisprecher Michael Richter in Zukunft eher die Regel als ein Einzelfall: „Es langt oft was Kleines, um großes Chaos zu verursachen.“

Tatsächlich ereigneten sich am Dienstagnachmittag bereits auf Münchner Stadtgebiet kleinere Unfälle. In Karlsfeld auf Höhe des Media Markts krachte es dann gegen 17 Uhr wegen eines Fahrstreifenwechsels, und gegen 18 Uhr kam es zu einem Blechschaden in Ludwigsfeld. Verletzt wurde niemand, der Sachschaden bei allen Unfällen war gering. Der Verkehr staute sich dennoch in beiden Richtungen über mehrere Kilometer. Selbst auf den Schleichwegen wie der Bayernwerkstraße drängte sich Stoßstange an Stoßstange.

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Richard Wacht, Verkehrsexperte der Polizei in Dachau, spricht trotz allem vom „ganz normalen Wahnsinn“ auf der Münchner Straße. Karlsfeld sei einfach der Trichter, durch den sich täglich 44 000 Autos zwängten. Das Einkaufszentrum an der Karlsfelder Meile habe die Lage da nicht wesentlich verschlimmert: „Die B 304 ist zu 100 Prozent ausgelastet. Wenn gleichzeitig mehrere Menschen zu McDonald’s einbiegen, oder bei der MAN auf einen Schlag zehn Lkw ausgeliefert werden, oder ein Sanka zum Ärztehaus muss, oder eben der Media Markt eröffnet - all das sind kleine Mosaiksteinchen, die jedes für sich den Verkehr zum Erliegen bringen können.“

Der Karlsfelder Bernd Wanka, CSU-Gemeinderat und Verkehrsreferent, wehrt sich daher vehement gegen den Vorwurf der verfehlten Planung des Ortszentrums. „Da dürften wir ja in Karlsfeld keinen Stein mehr auf den anderen setzen! Das kann’s ja wohl auch nicht sein“, wettert er. Und er rechnet vor: „Jeder Quadratmeter, der im Landkreis Dachau gebaut wird, geht zu Lasten der Gemeinde Karlsfeld.“

Verkehrsexperte Wacht ist ähnlicher Meinung. In einem Landkreis, der Jahr um Jahr um 1000 Einwohner wächst und der mit der B 304 sowie der B 471 im Prinzip nur zwei Hauptwege in Richtung München bietet, wird es in Karlsfeld zwangsläufig in Zukunft enger werden. „Der Landkreis Dachau ist eben eine Boomregion im Speckgürtel von München. Die Straßen können mit dieser Entwicklung nur leider nicht Schritt halten.“

Wie man den Flaschenhals Karlsfeld entlasten könnte, weiß derzeit niemand. Die Lösung Umgehungsstraße wurde laut Polizei-Mann Wacht „in den letzten zwei Jahrzehnten verbaut“. Die Tunnel-Lösung ist teuer und wäre sicher nicht innerhalb der nächsten fünf Jahre umzusetzen. Wacht zufolge könnte kurzfristig nur ein Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel eine Erleichterung bringen.

Verkehrsreferent Wanka glaubt, dass durch den jüngsten Verkehrs-Gau „zumindest eine Diskussion in Schwung kommt und alle sehen: Alleine können wir das Problem nicht lösen!“ Eine Verkehrsuntersuchung, die die Gemeinde „richtig viel Geld kostet“, soll nun immerhin die Munition liefern, um den MVV zum Handeln zu bewegen. Wankas Ziel: „Mit dem nachweisbar wachsenden Individualverkehr so viel Druck auf die ÖPNV aufbauen, dass wir am Ende eine zweite Schiene bekommen.“

Stefanie Zipfer

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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