Jugendhilfeausschuss lehnt Babyklappe am Klinikum Dachau ab

Vertraulichkeit statt Babyklappe

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Dachau - Kann man mit einer Babyklappe Leben retten? Experten sind sich da nicht so sicher. Deshalb wurde nun eine Babyklappe in Dachau abgelehnt. Auch weil es nun eine andere Option für verzweifelte Mütter gibt: die vertrauliche Geburt.

Eine Babyklappe im Dachauer Krankenhaus – das wäre doch eine gute Sache. Das dachte sich Kreisrat Jürgen Seidl (FDP), der einen passenden Antrag dazu an den Kreistag stellte. „Jährlich werden etwa 100 Kinder in Babyklappen abgelegt“, hieß es in diesem Antrag. Und: „Dazu kommen jedes Jahr mehr als 20 Fälle, in denen ein Baby unmittelbar nach der Geburt ausgesetzt oder getötet wird.“ Was nicht logisch miteinander verknüpft wurde, aber schon ein wenig zwischen den Zeilen vermittelt: Wenn es mehr Babyklappen gäbe, würden auch diese Kinder gerettet werden. 

Doch Ulrich Wamprechtshammer, der an seinem letzten Tag in der Funktion des Jugendamtsleiters dem Jugendhilfeausschuss des Kreistags diesen Tagesordnungspunkt erklärte, sieht es etwas anders: Das Thema sei „deutlich komplexer, als es aussieht“. Zum Beispiel die Tötung von Babys. Die Organisation „terre des hommes“ hat die Daten über einen Zeitraum von zehn Jahren ausgewertet: Die Zahl der ausgesetzten Neugeborenen ging nicht zurück mit der Einführung der Babyklappe. 

Der Deutsche Ethikrat bezweifelt sogar, dass Mütter, die ihr Baby töten oder aussetzen wollen, in einer solchen psychischen Verfassung sind, die es ihnen ermöglicht, überhaupt über Angebote wie Babyklappen oder andere Hilfen nachzudenken. Die Tötung erfolge oft im Affekt – da die Schwangerschaft verdrängt wurde und die überraschende Geburt sie in Panik versetze. Ergo: Kann man theoretisch nur Mütter mit der Babyklappe erreichen, die in einer solideren psychischen Verfassung sind, die überhaupt fähig sind, zu planen. Und genau diesen Frauen könne man auch andere Angebote machen, so Wamprechtshammer: „Wer die Klappe plant, kann auch jede andere Art von Jugendhilfe planen.“ 

Außerdem hat die Babyklappe eine sehr schwer wiegende Konsequenz: Die Kinder werden damit ihrer Wurzeln beraubt. Ihr ganzes Leben lang können sie nicht erfahren, wer eigentlich ihre Mutter ist. Und das hat offenbar schlimme Folgen, für die Kinder könne das „häufig ein lebenslanges Leiden bedeuten“, so Wamprechtshammer.

 Weitere Gründe sprechen gegen die Dachauer Babyklappe, die der Gesundheitsamtsleiter Hans Bergemann ansprach: Erstens ist Dachau eine relativ kleine Stadt, und Frauen, die ihr Baby heimlich abgeben wollen würden, suchten eher die Anonymität der Großstadt – Schwabing hat eine Babyklappe. Und zweitens hat das Amperklinikum keine pädiatrische Abteilung. Die aber nötig wäre, um die Babys, die vielleicht auch schon gesundheitlich angeschlagen sind, adäquat zu behandeln. Und drittens habe bei der Schwangerschaftsberatung im Gesundheitsamt noch nie eine Frau nach der Babyklappe gefragt. 

Und so sprach der Jugendamtsleiter Wamprechtshammer eine andere Möglichkeit an: die der vertraulichen Geburt. Die gibt es seit 2014 im Klinikum Dachau (siehe Kasten). Die Frau bringt das Baby anonym zur Welt, gibt es dann ab – aber wird dabei betreut. Und: Das Kind kann mit 16 Jahren erfahren, wer seine Mutter ist. Und so entschied sich der Jugendhilfeausschuss gegen die Babyklappe (gegen eine Stimme). 

Denn auch das Helios-Amper-Klinikum Dachau möchte keine Babyklappe, sondern bei der vertraulichen Geburt bleiben. Das hatte die Chefärztin der Frauenklinik, Gerlinde Debus, schon 2010 betont (wir hatten berichtet) – mit ähnlichen Gründen wie Wamprechtshammer: „Babyklappen verhindern nicht das Töten von Kindern. Mütter, die zu so einer Tat bereit sind, haben ein psychisches Problem, das die Babyklappe nicht löst.

Die vertrauliche Geburt:

Wie läuft eine vertrauliche Geburt ab? Die Mutter wendet sich an die Beratungsstelle des Bundesministeriums für Familie unter der kostenlosen Hotline 08 00/4 04 00 20 oder informiert sich im Internet unter www.geburt-vetraulich.de. Hier wird der Schwangeren die entsprechend zuständige Außenstelle genannt, an die sie sich in ihrem Landkreis wenden kann. Diese prüft die Identität der Mutter und erstellt einen Herkunftsnachweis, der fest verschlossen bleibt und beim Bundesamt für Familie aufbewahrt wird. Kommt die Schwangere zur Geburt zum Klinikum Dachau, wird sowohl das Standesamt über die Geburt informiert als auch die Beratungsstelle. Das Standesamt stellt eine Geburtsurkunde ohne Nennung der Eltern aus und informiert das Familiengericht, welches wiederum das Bundesamt für Familie informiert. Die Beratungsstelle nimmt nach der vertraulichen Geburt des Kindes Kontakt mit dem Jugendamt und der Adoptionsvermittlungsstelle auf, um für das Neugeborene eine liebevolle Bleibe oder Adoptionseltern zu finden. 

Wie können sich Schwangere an die Klinik wenden? Eine Schwangere mit dem Wunsch nach einer vertraulichen Geburt kann sich im Kreißsaal melden oder einen Termin in der Schwangerensprechstunde der Klinik vereinbaren. Alle Mitarbeiter sind geschult, es liegt Informationsmaterial im Kreißsaal aus, und die Schwangerenberatungsstellen wissen Bescheid.

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Rubriklistenbild: © dpa

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