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Eine Mordsgaudi haben die Senioren aus Vierkirchen im Landkreis Dachau miteinander. Die Ex-Handwerker bringen sich für ihre Kommune ein und stemmen so einige Projekte, um die andere Orte sie beneiden. Ein Nachfolger-Problem haben sie nicht. Es kommen immer wieder Neue nach, die ehrenamtlich mitwerkeln wollen.

Alter, schmerzende Knie, fiese Bandscheiben - Diese Männer kennen keine Ausreden

Die Anpacker der Vierkirchner Rentnergang

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Schmerzende Knie, fiese Bandscheiben: Das sind keine Ausreden für rund drei Dutzend Rentner in Vierkirchen. Sie packen an, trotz ihres Alters. Ihnen schenkt das Sinn im Seniorenleben – und der Gemeinde kostenlose Arbeit.

Heieiei! Das geht einfach zu langsam vorwärts. Ist ja kaum auszuhalten, wie lang sich der Jungspund da oben Zeit lässt. Hermann Aigner stemmt seine faltigen, kräftigen Hände in die Seiten und schüttelt den Kopf. Nein, nein, nein, so wird des nix. Und schwupps, kraxelt der 83-Jährige in Jeans und kurzärmeligem Karohemd auf die Ladefläche des orangefarbenen Kipplasters.

Oben steht ein Bauhofmitarbeiter, vielleicht halb so alt wie Aigner, und schaufelt Sand von der Ladefläche. Aber eben einfach zu langsam, wenn’s nach Hermann Aigner geht. Unten, am Boden, warten schließlich seine Rentnerkumpels und wollen mit dem Sand arbeiten. Die Terrasse des Vierkirchner Naturbads im Landkreis Dachau muss neu gepflastert werden.

Besser als jede Firma, sagt der Bürgermeister. Im Bild: Hermann Aigner mit der Wasserwaage.

Ehrensache, dass die Rentnergang übernimmt. Ehrenamtlich. Künstliches Hüftgelenk, Bandscheibenschaden, Knieprobleme – egal. Kommt nicht infrage, dass da eine Firma ran darf. Aber von wegen gebrechliche, alte Herren. Keines der faltigen Gesichter ist fahl und blass, alle sind braun gebrannt. Kommt aber nicht von irgendeinem Winterurlaub im Süden, sondern vom regelmäßigen Schuften, draußen, in der Heimat. Rund 35 Rentner bringen sich immer wieder für ihre Gemeinde ein. Der Pausenhof in der Grundschule, das neue Musikheim, das neue Fischer- und Jugendhaus, der Fledermausturm und das Naturbad. Alles Projekte, bei denen die Rentnergang ordentlich mitwerkelte. „Wär’ doch langweilig sonst, wenn ma die ganze Zeit nur rumsitzen würd’“, sagt Jakob Braun.

Er karrt gerade einen Haufen Sand an die Stelle, an der seine Kumpels die Terrasse pflastern wollen. Dabei schiebt er Hermann Aigner, der mittlerweile mit Maurerkelle in der Hand wieder unten steht, sanft zur Seite. „Sapperlott. Do schiam di de Junga einfach aufd Seitn“, sagt Aigner, rückt sein Käppi zurecht und lacht. Der Auf-die-Seite-Schieber freut sich sicher übers Kompliment. Jakob Braun ist selber 77 Jahre alt. Sieht ihm aber keiner an, wenn er in seiner braunen Arbeitshose mit Malerflecken auf dem Boden kniet. Er streicht akkurat Kies als Untergrund für die Terrasse glatt. Streichen, prüfen, nachbessern. In Endlosschleife.

Gescheit zupacken ist der Rentnergang am liebsten, auch wenn schon manches wehtut. Hans Nefzger (l.) und Beppo Reisenegger zeigen, wie’s geht.

Die Truppe ist besser als jede Firma. Bei Weitem. Um Längen. Das sagt zumindest Bürgermeister Harald Dirlenbach. „Keine Firma würde hier so genau arbeiten, so perfekt“, sagt er. „Kein Wunder. Die Rentner identifizieren sich mit dem Naturbad 100- prozentig – wie mit ihrem eigenen Heim.“ Dabei lobt Dirlenbach natürlich nicht nur wegen der Optik. Zaster ist der springende Punkt. Die Gemeinde spart sich durch die ehrenamtliche Arbeit der Rentner bis zu 40 000 Euro pro Jahr, nur, was das Naturbad betrifft. Da packt andere Gemeinden schon mal der Neid, weiß Dirlenbach. So viel Zusammenhalt habe sonst keiner, und das rührt selbst den gestandenen Polizisten, der er früher war.

Für die Rentnergang ist ihr Einsatz das, was für andere Wirtshauskultur ist. „Des ghört halt einfach zum Dorfleben dazua“, sagen die grauhaarigen Anpacker. Ist eigentlich wurscht, wen man da aus der Gruppe fragt. Faul den Ruhestand genießen ist einfach nicht ihr Ding. Die Männer sind keine großen Redner, wenn sie erklären sollen, warum es die Schmerzen in Knien und Rücken jedes Mal wieder wert sind. Mit Bezahlung wäre es auch nicht dasselbe. Das Gefühl, wenn man zuschaut, wie im Sommer lachend die Kinder ins Wasser rennen, kann eh keiner kaufen. „Wer zam hilft, schafft auch was“, sagt einer. Alle grinsen. Wer die Vierkirchner Zamhalterei verstehen will, kommt um das Phänomen Eichinger nicht rum. Heinz Eichinger war 18 Jahre lang hier Bürgermeister, bis 2014. Von ihm waren die Leute, egal ob im Gemeinderat oder auf der Straße, fast widernatürlich begeistert. Einmal im Amt, präsentierten sie ihrem „Oach“, wie sie ihn nennen, einfach bei keiner Wahl mehr einen Gegenkandidaten. Einmal 95, einmal 97 Prozent: Das waren seine Wahlergebnisse. Eichinger war – Entschuldigung, ist – ein Visionär, ein Anpacker, ein Möglichmacher. Bekannt für seinen perfekt getrimmten Schnauzer und dafür, dass er was vorwärts brachte, egal wie durchgeknallt die Idee schien. So war’s auch beim Naturbad, einem Freibad, das sich selber filtert. Ganz ohne Chemie und Schnickschnack. Das entdeckte er in einem österreichischen Kommunalblattl. Und dachte: „Also wenn des die Österreicher können...“ Also präsentierte er die Idee im Gemeinderat. „Wenn Ihr sagt, das ist verrückt, verfolgen wir’s nicht weiter. Wenn Ihr Euch drauf einlassen wollt, probieren wir’s“, sagte er. Die Vierkirchner ließen sich darauf ein, aber dass der Oach verrückt ist, sagten sie trotzdem.

Von der Arbeit bleibt was für die Enkel. Hier packt gerade Jakob Braun an.

Aber das bisschen Verrückte tat dem 4600-Einwohner-Dorf gut. Ohne ihn wäre Vierkirchen um einige Errungenschaften ärmer, um die viele Nachbarorte es beneiden. Wie auch die famose Rentnergang, ohne die es das Bad nicht geben würde. Nachdem Eichinger wusste, seine Leute stehen hinter der Idee Naturbad, kam ihm die Idee: Wieso nicht all die Schreinermeister, Fliesenleger, Pflasterer, Maurermeister, Elektriker, die eh in Rente sind, einspannen? „Hätt’ mir damals einer gesagt, dass sich die so reinhängen, und das über so viele Jahre, hätt’ ich gsagt: Du bist doch nicht ganz sauber“, sagt Eichinger heute, 13 Jahre später. Einige aus der Anfangscrew sind schon tot, immer Neue rücken nach, Jungspund Eichinger ist mit seinen 67 Jahren Praktikant bei der Rentnerband und darf bei den alten Profis mitwerkeln.

„Der soll erst mal zeigen, was er kann, jeden lassen sie schließlich nicht an die wichtigen Sachen ran“, sagt sein Nachfolger Dirlenbach und lacht laut. „Aber grundsätzlich kann jeder zu uns, der keine zwei linken Hände hat“, sagt Herrmann Aigner. Er muss es wissen. Es gibt keine Arbeit, die er in den letzten 50 Jahren noch nicht ehrenamtlich für seine Gemeinde erledigte – der einzige Ehrenbürger im Ort, der nicht Bürgermeister oder Pfarrer war.

Den Rentnern geht es mit den Jungen beim Arbeiten manchmal nicht schnell genug. Im Vordergrund fährt Herbert Rieß mit seinem Schubkarren.

Nach einem Arbeitstag im Naturbad tut erst einmal alles gescheit weh. Die Knie, der Rücken, oh dieser Scheißrücken. Trotzdem: „Was soll’n wir denn sonst mit unserem Talent anfangen?“, sagt Jakob Braun und lacht. Außerdem bleibt ja auch was, wenn man selber nicht mehr da ist. Für die Kinder, für die Enkel.

Auch deshalb hängen sich viele hier so rein. Ob die Gemeinde genau anschafft, wie was gemacht werden muss? Ein Haufen alter Männer lacht. Gibt’s dann einen Chef der Gang? „Horst Röhner“, sagen die Rentner. „Ich bin nicht der Chef“, sagt der Horst. Wer schafft dann an, was gemacht wird? „Wenn einer sagt, was gemacht werden muss, ist das meistens der Horst“, sagt Heinz Eichinger. „Wir mögen keinen, der anschafft“, sagt der Horst. Wieder lacht der Trupp.

Die Männer wissen, was jetzt kommt, der Dialog ist alt: „Unser Chef ist der Horst“, sagt Eichinger. „Wir haben keinen Chef“, sagt Röhner. „Wir alle sind Chef.“ Klingt schräg, funktioniert aber. Die Männer haben eine Mordsgaudi miteinander. Auf der Baustelle erzählt eigentlich immer einer Blödsinn, jetzt, in der Pause im Bauhof, bei Bier und Gulasch, will einer den anderen einen Witz auf seinem Smartphone zeigen. Eichinger kramt seine Brille aus der Tasche, die Schrift ist wirklich verflixt klein, er liest, lacht. „Auf geht’s, pack ma’s wieder“, ruft Horst Röhner, der Nichtchef.

Ein Naturschwimmbad hat die Rentnergang auch gebaut. Längst ist es fertig. Auf dem Foto überblickt Ottmar Brunner das Werk

Die Männer kriegt nichts kaputt, auch nicht, wenn sie sich zum Fußballspielen treffen. Immer mittwochs. Danach können zwar manche zwei Tage lang nicht mehr richtig laufen, aber in der Woche drauf stehen sie wieder alle auf dem Feld.

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