Frau im Garten
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Dick eingepackt für den Unterricht im Garten: Selina Seebauer während ihres Referats per Laptop und Handy.

Nach bundesweitem Aufsehen

Jetzt kann Selina (17) ihre Referate drinnen machen ‒ Haus der Seebauers endlich ans schnelle Internet angeschlossen

  • Thomas Zimmerly
    vonThomas Zimmerly
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Diese Schulstunde wird Selina Seebauer ihr Leben lang nicht vergessen: Weil sie im Haus einen schlechten Empfang hat, hielt sie ein Referat im Garten per Videokonferenz – dick eingepackt bei Schneefall.

Update vom 28. Januar, 17.18 Uhr: Sie kamen am vergangenen Montag deutlich vor der vereinbarten Zeit und „wollten wohl loslegen, bevor die Presse da ist“, mutmaßt Christian Seebauer. Gemeint waren zwei Arbeiter der Telekom sowie ein Pressesprecher des Unternehmens. Die Arbeiter schlossen das Haus der Seebauers in Vierkirchen-Rettenbach ans schnelle Internet an. Der Pressesprecher erklärte mit freundlichen Worten, dass nun – nach eineinhalb Jahren – endlich alles gut werde. „Sie waren ein paar Stunden beschäftigt“, sagt Seebauer, „doch jetzt haben wir schnelles Internet und sogar einen besseren Handyempfang.“

Dem Auftritt der drei Telekom-Angestellten war wie berichtet auf Intervention von keinem geringeren als Andreas Scheuer, seines Zeichens Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, vorangegangen. Der Minister hatte sich persönlich eingeschaltet, nachdem Christian Seebauers Tochter Selina (17), Schülerin der 13. Klasse der Städtischen Fachoberschule für Gestaltung München-Giesing, im Schneetreiben draußen im Garten des Hauses ihrer Eltern ein Referat im Fach Englisch halten musste, weil es im Haus keine ausreichende Internet-Verbindung für eine Videokonferenz mit ihrer Lehrerin gab. Grund dafür wiederum war, dass die Telekom bis vergangenen Montag das Anwesen der Seebauers trotz Vertrags vom 18. Juli 2019 nicht endangeschlossen hatte

Der Fall hatte für bundesweites Aufsehen und gesorgt. Vertreter zahlreicher Hörfunk- und Fernsehsender sowie der schreibenden Presse aus ganz Deutschland und sogar aus Österreich hatten in den vergangenen Tagen berichtet. „Es war die volle Action“, so Christian Seebauer, dessen Tochter Selina den Rummel um ihre Person gut verkraftete. „Ich hoffe, dass jetzt noch mehr Haushalte in unserem Bereich angeschlossen werden. Das ist mein großer Wunsch.“

Corona in Bayern: Andreas Scheuer will sich um bessere Internetverbindung bei den Seebauers kümmern

Update vom 21. Januar, 19.02 Uhr: Die Geschichte der 17-jährigen Schülerin Selina Seebauer aus Vierkirchen hat schnell hohe Wellen geschlagen. So drang ihr Problem mit der schlechten Internetverbindung sogar bis nach Berlin durch. Und wo ihr Vater keine Antwort von der CSU oder Kultusminister Michael Piazolo erhalten hatte, bekommt die Schülerin jetzt auf einmal Unterstützung aus ungeahnter Richtung.

Als die 17-Jährige am Donnerstag ans Telefon ging, war kein Geringerer als der Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer in der Leitung. Der CSU-Politiker ist nämlich auch Bundesminister für digitale Infrastruktur. Er sicherte der Familie und damit auch dem ganzen Ort nun zu, sich um eine bessere Internetverbindung zu kümmern. „Herr Scheuer hat einfach angerufen, das ist echt kurios“, sagte die 17-Jährige. „Er war extrem gut informiert, wo die Kabel bei uns im Ort verlegt sind, wo Netz ist und wo nicht.“ Schon wenige Minuten nach dem Telefonat habe sich der Internetanbieter gemeldet und versprochen, bis spätestens Montag die Anschlüsse zu verlegen.

Seit Jahren habe das Problem nun bestanden, so Selinas Vater Christian Seebauer. Techniker seien immer wieder vorbeigekommen, doch nichts habe sich geändert. „Wir haben kaum Internet, nicht mal mit dem Handy.“ Seit in der Corona-Krise alle daheim arbeiteten und lernen müssten, sei es besonders schlimm. Aber dank Scheuers Angebot soll sich das ja bald ändern.

Corona in Bayern: Schülerin hat schlechten Empfang ‒ und muss Referat draußen im Schnee halten

(Erstmeldung) Vierkirchen – So eine Unterrichtsstunde dürfte wohl kaum je ein Schüler erlebt haben: Selina Seebauer (17) saß am vergangenen Montag pünktlich um 8.15 Uhr im Garten des Hauses ihrer Eltern in Vierkirchen in einer Ecke nahe der Hecke in einem Stuhl. Vor sich Laptop und Handy, über ihr tanzten die Schneeflocken.

Die angehende Abiturientin, die die 13. Klasse der Städtischen Fachoberschule (FOS) für Gestaltung München-Giesing besucht, hielt in dicker Winterjacke, Mütze, Schal und Handschuhen via Mobiltelefon und Video-Schaltung ein Referat im Fach Englisch. Am anderen Ende der Leitung hörte Lehrerin Andrea Niedermair aufmerksam zu.

Dass es zu dem höchst ungewöhnlichen Heimunterricht kam, ist der schlechten Internetverbindung im Haus der Seebauers geschuldet. Zwar ist Vierkirchen nach Angaben von Bürgermeister Harald Dirlenbach „zu 95 Prozent mit schnellem Internet versorgt“, dennoch „haben wir bei uns im Haus kaum ein Netz, nur im Keller hat man einen Balken. Doch damit kann man keine Videokonferenz machen“, versichert Selina Seebauer.

Homeschooling in Vierkirchen/Dachau: Schülerin hält Referat draußen im Schnee

Für den Anschluss der Seebauers ist die Telekom zuständig. Trotz Anmeldung hat der Mobilfunkriese die Familie bisher noch nicht endangeschlossen. Dazu kommt, dass ihr Vater Christian Seebauer als selbstständiger Webdesigner, Mutter Conny sowie ihre 15-jährige Schwester Home-Office bzw. Homeschooling machen, was zusätzlich die Leitung belastet. Nur im Garten an der Hecke hat die Familie ausreichend stabiles Internet.

Das Problem – neben dem schlechten Internet – von Selina war, dass das Referat im Hinblick auf das heuer anstehende Abitur ein wichtiger Teil im Rahmen einer so genannten Kurzarbeit ist „und ein schriftliches Referat nicht möglich ist“, so die 17-Jährige. Und zu Freunden oder Mitschülern mit besserer Internet-Verbindung wollte Selina Seebauer nicht gehen, schließlich hält sie sich an die vorgeschriebenen Kontaktregeln, zumal ihre Großeltern mit im Haus in Vierkirchen wohnen.

Lockdown in Vierkirchen/Dachau: Schülerin hat nur an Gartenhecke stabiles Internet

Englisch-Lehrkraft Andrea Niedermair kam schließlich auf Idee mit der ungewöhnlichen „Gartenarbeit“. „Man muss als Lehrkraft momentan kreativ sein“, sagt sie. „Ich habe mit meiner Lehrerin noch Witze gemacht, aber dann bin ich raus gegangen“, ergänzt Selina Seebauer. Nun ist es so, dass an der Städtischen Fachoberschule für Gestaltung Lehrer wie Schüler „top ausgestattet sind“, so Niedermair.

Viel besser, als in vielen anderen Schulen. „Schulleiter Helmut Schmid hat das toll organisiert“, so Andrea Niedermair. Über die Stadt München bekam die FOS iPads und MacBooks zur Verfügung gestellt. Die Schule wiederum verleiht die Computer an Lehrkräfte und bedürftige Schüler. Kommuniziert wird über die Online-Plattform Microsoft Teams, „und das läuft reibungslos“, so Lehrerin Niedermair.

Nach Homeschooling im Garten: Vater klagt Söder-Regierung an

Andrea Niedermair bewertete den außerordentlichen Vortrag ihres Schützlings im Schneegestöber übrigens mit der sehr ordentlichen Note zwei. „Damit bin ich super zufrieden“, so Selina, „denn Englisch ist generell nicht mein bestes Fach.“ In Sachen Abhärtung hätte sie eine glatte Eins verdient.

SELINAS VATER KRITISIERT PIAZOLO UND CSU OBERBAYERN

„Es kann nicht sein, dass sie nicht einmal antworten“

So kreativ und letztenendes erfolgreich die Unterrichtsstunde für seine Tochter Selina draußen im Garten im Schneegestöber auch gewesen sein mag, für Vater Christian Seebauer kann es sich dabei nur um eine einmalige Sache gehandelt haben. Daher informierte der Vater Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) und die CSU Oberbayern per Mail und Facebook vom Referat seiner Tochter. Die Reaktion der Politik war für den Webdesigner mehr als enttäuschend. Die CSU antwortete bis gestern überhaupt nicht. Der Minister zeigte via Facebook ebenfalls keine Reaktion. Lediglich per Mail schickte das Kultusministerium „einen Textbaustein“, so Seebauer, sprich, ein maschinelles Standardschreiben ohne Unterschrift. Darin heißt es lapidar: „Wir bitten (...) um Verständnis, dass wir die enorm vielen Zuschriften derzeit nicht individuell beantworten können. Für Fragen zur individuellen Schulsituation Ihres Kindes wenden Sie sich bitte vertrauensvoll an die jeweiligen Lehrkräfte. „Mir ist schon klar, dass Piazolo und das Ministerium viel zu tun haben, doch es kann nicht sein, dass sie Schüler und Eltern einfach im Regen stehen lassen und nicht einmal antworten.“ zim

Die fünfjährige Isabella aus Karlsfeld hingegen leidet unter einer seltenen Lungenkrankheit und benötigt eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Doch der Markt für Intensivpflegekräfte ist leer gefegt ist. Und Angelika Weber aus Weichs und Dörte Dierksen aus Wurster Nordseeküste schreiben sich seit 50 Jahren Briefe. Getroffen haben sich die beiden allerdings noch nie.

(zim)

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