Der Pool des FKK-Clubs „Die Insel“ ist Nacktzone. Ansonsten aber dürfen sich die Mitglieder auf diesem Vierkirchner Freizeitgelände anziehen, wie sie wollen – oder eben nicht.
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Der Pool des FKK-Clubs „Die Insel“ ist Nacktzone. Ansonsten aber dürfen sich die Mitglieder auf diesem Vierkirchner Freizeitgelände anziehen, wie sie wollen – oder eben nicht.

Vierkirchen

Den FKK-Verein „Die Insel“ gibt es seit 70 Jahren - Eine Geschichte über Freiheit und den Wandel der Zeit

  • VonChristiane Breitenberger
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Umringt von hohen Waldbäumen, mitten in der Natur, gibt es seit 70 Jahren einen Ort, über den bereits viele Geschichten erzählt wurden. Hinter einem Zaun verbirgt sich das Gelände des FKK-Vereins „Die Insel“. Eine Geschichte über Freiheit und den Wandel der Zeit – ein Blick hinter den Zaun.

Vierkirchen – Hier. Also am besten sofort, an Ort und Stelle. Da versteht er keinen Spaß. FKK heißt FKK und damit: nackig machen. Früher, so vor 30, 40 Jahren, nahm es der damalige Platzwart ganz genau. „Der hätte am liebsten gehabt, wenn wir uns noch draußen, vor dem Tor ausziehen“, sagt Helmut Leitmeier (79) und lacht. Lange und laut. Er ist seit 48 Jahren Mitglied im „Familien-Sport-Bund die Insel“ – kurz „die Insel“. Wenn er daran denkt, was sich innerhalb dieser Zeit bis heute in dem Verein für Freikörperkultur alles so verändert hat, fällt ihm so einiges ein, über das er lachen kann.

Auch ein Kinderpool mit Spielplatz ist Teil der „Insel“.

Das Areal in der Nähe von Vierkirchen, auf dem die „Insel“ seit nun 70 Jahren untergebracht ist, würden viele als Idyll bezeichnen. 24 Hektar Fläche mitten in der Natur, umringt von großen Waldbäumen. Schicki-Micki ist hier nicht, auch akkurat gemähte Wiesen oder spießig eingezäunte Wohnwagenstellplätze sucht man vergebens. Das Gras ist so hoch, dass sich Wildblumen darunter gesellen. Die Menschen, die hier dauerhaft ihre Wohnwagen parken, haben Lichterketten aufgehängt, Kräuter in kleinen Beeten angebaut. „Rustikaler Charme“ ist eine Beschreibung, die Besucher beim jüngsten Tag der offenen Tür der „Insel“ öfter benutzten.

Pfarrer predigt gegen die „Nackerten“

Während Helmut Leitmeier seine Geschichten von früher erzählt – zum Beispiel, dass der Pfarrer im Ort in den Anfangszeiten gegen „die Nackerten gepredigt hat“ – sitzt er auf der Veranda von David Schmidtlein (59). Es ist ein kühler Frühsommertag, hin und wieder nieselt es, fast niemand läuft nackt über das Gelände. „Hier kann jeder so rumlaufen, wie es sich richtig für ihn anfühlt“, erklärt David Schmidtlein. Die Zeiten des strengen Blockwarts, für den man sich bereits am Tor ausziehen musste, sind also längst vorbei. Hier, bei der „Insel“, herrscht eher die Divise: „Jeder darf das machen, wie er sich wohlfühlt. Nackig sein ist die Normalität, aber man darf das nicht zum Dogma machen. Sonst sind die Leute weg“, erklärt David Schmidtlein. Ein Grund für das Abrücken von den strengen Regelungen war: Das Durchschnittsalter im Verein liegt bei 70 Jahren. Schnell haben die Mitglieder gemerkt: Wenn wir das ändern wollen, müssen wir auch etwas an der absolut strikten Nacktpolitik ändern.

Der Pool ist und bleibt Nacktzone

Dennoch: Der Pool ist und bleibt: Nacktzone. Auf dem Gelände gibt es zudem einen Kinderpool mit Spielplatz, ein Waschhaus mit Stüberl, eine Sauna, einen Tennis- und einen Volleyballplatz. Mit Konventionen brechen, mit bestimmten Regeln, festgefahrenen Strukturen, das ist das Ziel vieler FKKler, weiß Schmidtlein. Die „Insel“ soll ein Ort sein, der für Toleranz steht. „Das Ganze soll hier keinen Kleingartencharakter haben“, erklärt er. Aber auch hier kommt’s schon mal vor, dass einem der Nachbar mitteilt, dass die Hecke mal wieder geschnitten gehört, erzählt Schmidtlein und lacht.

David Schmidtlein ist seit acht Jahren hier, kam über seine Freundin zur „Insel“, hatte vorher nichts mit FKK zu tun, kommt aus einem streng katholischen Elternhaus. „Für mich ist das keine Lebenseinstellung oder keine Ersatzreligion.“ Für David Schmidtlein hat das Nacktsein schlicht: etwas Praktisches. „Es fühlt sich einfach toll an, wenn es draußen heiß ist, und ich die klebrigen Klamotten los bin. Wenn ich dann noch nackig in den Pool kann, ist die Welt wieder in Ordnung.“

David Schmidtlein: „Hier hab’ ich einfach Ruhe“

Für ihn ist das Areal ein Refugium, wo er sich von dem stressigen Alltag in der Stadt erholen kann. „Hier hab’ ich einfach Ruhe, kann den Alltag völlig draußen vor der Tür lassen.“ Zudem reizt ihn die Nähe zur Natur. „Heute früh hab’ ich eine halbe Stunde meditativ vier Hasen auf der Wiese beobachtet.“ Aber hier gibt es sicher „zwei Dutzend verschiedene Einstellungen zum Thema FKK“.

Für andere ist das eine Lebenseinstellung. Auch Helmut Leitmeier gehört eher zu denen, die aus völlig praktischen Gründen beim FKK gelandet sind. Da waren die ständigen Nierenentzündungen seiner Frau, nasse Badeanzüge waren schuld. Die beiden hörten von FKK-Stränden in Kroatien, vor Jahrzehnten war das. „Damals nackert baden, noch dazu in Bayern, das gab’s ja überhaupt nicht“, sagt der 79-Jährige und lacht wieder. Was damals mit einem großen Strohhut und dunkler Sonnenbrille, im hohen Gras, „damit uns ja keiner erkennt“, begann, wurde ganz schnell selbstverständlich. „Für meine Frau war das das Größte“, die Nierenprobleme gehörten der Vergangenheit an, die Liebe zur „Insel“ blieb bis heute. Für Leitmeier ist der Ort „mitten in der Natur das pure Paradies“.

Früher gab es Hardliner, heute nicht mehr

Er war schon hier, als noch viele sogenannte Hardliner dort ihre Wohnwagen hatten, und Blockwarte, die darauf bestanden hatten, dass die Kinder nackt, aber „mit Badekappe ins Schwimmbad durften“, erzählt Leitmeier. Doch diese Zeiten sind vorbei. Jetzt, seit die Regeln gelockert wurden, gibt es frischen Wind, es gibt neue Mitglieder, Familien mit Kindern. Es gibt Konzerte auf der Südwiese, einen eigenen Jugendraum. Kinder und Jugendliche können in der „Insel“ ohnehin „komplett rumlaufen, wie sie möchten“, erklärt David Schmidtlein. Was es weiterhin nicht gibt, ist: Luxus.

Ein bisschen Vereinsleben gehört aber bei all der Freiheit mit dazu. Wie in jeder Gemeinschaft gibt es Diskussionen um die möglichsten und unmöglichsten Dinge des Lebens, so Schmidlein. Während Rasenmähzeiten klar zur zweiten Kategorie gehören, geht es bei den nötigen Diskussionen um Dinge wie Bäume.

1952 in der Pupplinger Au gegründet

Die Geschichte des Vereins geht weit zurück, 1952 wurde er in der Pupplinger Au gegründet, auf einer Insel – daher auch der Name. Bei einem Hochwasser wurde alles weggeschwemmt. 1963 ging es in den Wald bei Vierkirchen. Der Aufruhr im Ort war groß, der Pfarrer hatte große Bedenken. „Wenn i oan vo eich dawisch’, der zu de Nackerten geht...“ soll er gedroht haben, hat Schmidtlein erzählt bekommen. Der Zaun um das Gelände steht allerdings nicht, weil sich die Mitglieder der Insel abgrenzen wollten, sondern damit Menschen von außen nicht gestört werden, hieß es damals. Das befeuerte natürlich die Neugier im Ort – Helmut Leitmeier erwischte nicht nur einmal einen Halbstarken, der auf einen Baum geklettert war, um über den Zaun zu luren.

Heute sei der Kontakt zum Ort und zur Gemeinde super, es finden Jugendzeltlager auf dem Gelände statt, es spielt die Blaskapelle bei Festen, und viele Besucher inklusive Bürgermeister und Gemeinderäte kommen zum Tag der offenen Tür.

Aber die – wie sie im Volksmund heute noch genannt werden – „Nackerten“ freuen sich auch, wenn jemand außerhalb des Tags der offenen Tür die „Insel“ kennenlernen möchte. 31 Stellplätze sind belegt, das Gelände bietet Platz für 50. „Bei uns ist wirklich jeder willkommen – mit der Ausnahme von Spannern und Rechtsextremen“, betont Schmidtlein. „Er soll halt einfach nur kein Kotzbrocken sein“, ergänzt Leitmeier. Er hofft, dass Menschen sein Paradies mitten in der Natur noch viele Generationen lang genießen.

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