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Wild, wilder, am wildesten: So sieht es aus, wenn sich heimische Wildkräuter wohlfühlen .

Naturschützer und Gemeinde haben Wildacker bei Vierkirchen gesät

Ein echter Dschungel nur für die Natur

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Wildtiere haben es schwer bei uns, weil sie kaum Nahrung finden. Und nein, damit sind nicht Wolf und Bär gemeint – sondern Insekten, Vögel, Reptilien und Wild. Die Gemeinde Vierkirchen geht nun mit gutem Beispiel voran: Sie hat beschlossen, etwas zu tun. Und zwar: eine Blumenwiese zu säen.

DachauEineinhalb Meter hoch ragen sie in den Himmel, mit blauen Blüten, rosa Blüten, gelb, weiß, orange oder fliederfarben. Es wogt grün dahinter, und darüber summt es. „Hören Sie das?“, fragt Günter Schön immer wieder entzückt: „Wie das brummt!“ Es ist tatsächlich eine außergewöhnliche Geräuschkulisse, die sich dem Spaziergänger an der Wildwiese bei Vierkirchen bietet. Auch ein Laie merkt hier sofort: Dieser Fleck ist anders als alles andere um ihn herum. Wild sieht er aus, der Fleck. Nicht gepflegt. Sondern urig, irgendwie.

Der Fleck ist tatsächlich ein einzigartiger Fleck, im ganzen Landkreis gibt es kaum noch solche Wildacker. Dass es wieder mehr werden, dafür wollen die Naturschutzwächter des Landkreises sorgen. Günter Schön ist einer von ihnen, er ist zuständig für das Gebiet rund um Vierkirchen. Die Gemeinde ist offen für die Belange des Naturschutzes, mit dem Projekt „Vierkirchen summt“ hat sie schon viel für Bienen getan. Also dachte sich Schön: Da geht sicherlich noch was. Eine Biotop-Fläche war auch schon vorhanden, wunderbare 8000 Quadratmeter, die zu zwei Dritteln der Gemeinde und einem Drittel der Jagdgenossenschaft gehört. Bisher wurde sie immer gemäht. Doch nun sollte sie der Natur geschenkt werden. Ganz und gar mit Haut und Haar, quasi.

Sie helfen der Natur: (v.l.) Naturschutzwächter Günter Schön, Vierkirchens Bürgermeister Harald Dirlenbach, Jäger Markus Grieser, Sybille Hein von der Naturschutzbehörde und Jagdgenosse Josef Irl. 

Die Jagdgenossen waren damit sofort einverstanden, und die Jäger sowieso. Denn nicht nur für Schmetterlinge, Bienen, Eidechsen und Vögeln gefällt die Wiese, auch für das Wild ist sie ein Paradies. Die einen freuen sich also, dass es ihrem Wild gut geht, und die anderen freuen sich, dass das Wild in der Wiese lebt, dort was zu Fressen findet – und somit die jungen Bäumchen im Wald in Frieden lässt. Eine „Win-Win-Win-Situation“ ist das also, sagt Vierkirchens Bürgermeister Harald Dirlenbach: für Jäger, Jagdgenossen – und die Natur.

Das Ergebnis der Aktion kann jeder begutachten. Wenn man aus Vierkirchen raus in Richtung Norden fährt (am besten mit dem Fahrrad), durch Ramelsbach durch, dann rechts auf den Feldweg abbiegt, kurz vor dem Wald, und dann noch etwa 300 Meter weiter strampelt, dann steht man direkt davor. Zu übersehen ist er nicht, der Wildacker. Wie gesagt: Er ist wirklich sehr wild. Sehr hoch, sehr struppig, sehr verwegen.

So sieht es also aus, wenn man eine Wiese einfach so wachsen lässt. Nichts macht. Nicht mäht, nicht düngt, nicht schneidet und sie auch gar nicht erst betritt. Wobei gar nichts machen dann doch übertrieben ist, denn zunächst einmal musste der Wildacker angesät werden. Denn mittlerweile gibt es diese Wildkräuter und Wildblumen praktisch gar nicht mehr im Landkreis – in der ganzen Region eigentlich. Man könnte also warten, bis man schwarz wird, und auf der Wiese würden weiterhin nur Löwenzahn oder Klee wachsen.

Doch es sollte mehr sein. Also haben sich die Naturschutzwächter Experten dazu geholt. Die Untere Naturschutzbehörde ist zuständig für die Naturschutzwächter, Sybille Hein ist die Fachfrau. Sie wiederum hat sich an einen echten Wildkräuterexperten gewandt: Johann Krimmer aus Pulling. Er ist der einzige weit und breit, der Kräuter und Gräser aus der Münchner Schotterebene und dem tertiären Hügelland kultiviert. Die Pflanzen also, die hier auch eigentlich wachsen sollten – und die sich hier auch wirklich wohl fühlen. Denn mit anderem Saatgut etwa aus Gärtnereien, Baumärkten oder dem Internet, haben die Naturschützer schon schlechte Erfahrungen gemacht. Oft sind darin Pflanzen, die eigentlich woanders heimisch sind, etwa in Norddeutschland. Und die kommen mit den Böden und dem Klima her kaum zurecht: Nach einmal Blühen ist es dann schon wieder vorbei mit der Blumenwiese.

Das wird beim Ramelsbacher Wildacker nicht passieren. In der Mischung sind ein-, zwei- und mehrjährige Pflanzen enthalten, die dann wieder Samen produzieren und so wieder neu kommen. Nun wachsen hier Malven, Nelken, Steinklee und Nachtkerzen, dazu Beifuß, Wegwarte, Fenchel, Wiesensalbei, Schafgarbe, Odermening oder Johanniskraut. Allesamt Pflanzen, die hier hergehören, die perfekt zu den Wildtieren passen. Und die es eben lieben, wild zu wachsen, auf mageren Böden – und, ganz wichtig: Nicht abgemäht zu werden. Das betont Günter Schön immer wieder: Ja nicht mähen, ja nicht mähen. „Unsere Landschaft ist über den Winter komplett abgeholzt“, sagt Schön. „Wenn die Äcker im Winter brach liegen, kann sich dort kein Vieh mehr halten.“ Der Wildacker dagegen soll einfach nur „zamfrieren“, dann „einbrechen“, und schon ist er eine echter Rückzug für Fasan, Hase, Reh und Igel. Und natürlich eine Vorratskammer, für alle.

Also ist der Wildacker auch noch pflegeleicht. Einfach in Ruhe gelassen will er werden – übrigens auch von Spaziergängern, Reitern oder Hunden. „Es ist auch ein richtiger Dschungel geworden“, sagt Schön. „Da kann man gar nicht mehr reingehen.“

Nun will Günter Schön zusammen mit Sybille Hein noch andere Gemeinden von dem Nutzen solcher Flächen überzeugen. Mit Wegstreifen könnte man auch schon etwas anfangen. Denn das Saatgut kann je nach Bedarf ausgestreut werden: Es gibt auch Pflanzen, die nur wadenhoch werden, und mit den kargen Wegstreifen vollkommen zufrieden sind. So hätte sich auch das Mähen oder Mulchen der kilometerlangen Radwege erledigt. Und die Insekten, die hätten so wieder neue Flächen für ihr Summen und ihr Brummen.

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