Symbolbild Gericht
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Ein junger Mann aus Gambia steht wegen Brandstiftung vor Gericht.

21-Jähriger zündet sein Zimmer in Asylbewerberunterkunft an – Prozessauftakt

Schwere Brandstiftung als Selbstmordversuch

  • Angela Walser
    vonAngela Walser
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Vierkirchen/München – Für den SC Vierkirchen schoss Rouchdi P. (Name geändert) einst viele Tore. „Sein Team“ bedeutete dem 21-Jährigen sehr viel. Auf der Flucht aus Gambia hatte er seine Mutter verloren. Sie saßen in unterschiedlichen Schlauchbooten, doch nur seines kam in der Nähe von Neapel an. Das der Mutter ging unter. Ob sie ertrank oder gerettet wurde und in ein anderes Flüchtlingslager kam, weiß er nicht.

„Ich habe sie verloren“, sagte er gestern zu ProzessAuftakt vor dem Landgericht München II. Dort musste sich der junge Mann wegen schwerer Brandstiftung verantworten.

Am 21. Juli 2020 hatte er nachmittags sein Zimmer in der Asylbewerber-Unterkunft angezündet. Er wollte sterben. Doch dann rettete ihn ein Mitbewohner. Tatsächlich hatte aber auch Rouchdi plötzlich Angst vor dem Sterben bekommen und den von ihm verschlossenen Rolladen von innen eingetreten. Einer der anderen Männer zog ihn durchs Fenster ins Freie. Rouchdi kam in ein Bezirkskrankenhaus. Er ist psychisch krank und leidet offenbar an Schizophrenie.

Im Prozess berichtete er von Stimmen, die er gehört hatte und die über ihn sprachen. Aber ihn plagten auch Depressionen. Die Eltern eines Mitspielers hatten sich zwischenzeitlich um den Burschen gekümmert und ihn finanziell unterstützt. Doch die Mutter konnten sie ihm nicht ersetzen. Wie Verteidigerin Isabell Komm erklärte, hatte er eine innige Beziehung zur Mutter gehabt. Der Vater war in Gambia verstorben, als Rouchdi noch sehr jung war.

Am Tattag war er aufgewacht und hatte sich schlecht gefühlt. „Die Jungs machten eine kleine Party“, erinnerte er sich vor Gericht. Er sei allein gewesen und hätte den Wunsch gehabt, sich selbst zu verbrennen. „Dann habe ich das Feuer gelegt“, gestand er die Tat. Erst steckte er den Türstock an, der nach seiner Erinnerung nur schwer Feuer fing, anschließend die Couch. Er selber setzte sich aufs Bett. Die Zimmertür hatte er verschlossen, aus Angst, dass sich das Feuer schnell ausbreiten könnte.

In der Klinik versuchte er sich zu erhängen

„Warum sind Sie dann aufgestanden, weil sie doch leben wollten oder weil der Mitbewohner ans Fenster klopfte?“, fragte der Vorsitzende Richter Martin Hofmann nach. „Nein, weil ich weiterleben wollte“, erwiderte der 21-Jährige. Der Mitbewohner zog ihn aus dem Zimmer. Er kam ins Krankenhaus, dort versuchte er sich aufzuhängen. „Ich hatte Handschellen an Händen und Füßen, da war ich frustriert, deshalb habe ich das versucht“, erinnerte sich der junge Mann.

Mittlerweile geht es ihm psychisch besser. Im Bezirks-Krankenhaus bekam er Medikamente, und endlich sah man ihn auch wieder lachen. Selbstmordgedanken hat er keine mehr. Der Prozess dauert an.

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