Volle Kirche
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So voll wie auf diesem Bild war die Weichser Pfarrkirche einst nicht nur bei besonderen Feierlichkeiten. Vorne sind seitlich die Schwestern auf der „Hennasteing“ zu sehen und der Pfarrer predigt noch von der Kanzel.

Noch mit Anzug und Krawatte in die Kirche

Anton Kollmair erinnert sich in den Zeiten der Corona-Pandemie an Weichser Gottesdienste von früher

Kirchenbesuche waren zu früheren Zeiten anders als heutzutage. Der Weichser Anton Kollmair erinnert sich an die Gottesdienst Mitte des letzten Jahrhunderts.

Weichs – Auch Kirchen leiden derzeit sehr unter den Pandemie-Einschränkungen. Obwohl Kirchenbesucher jammern, dass es nur begrenzte Plätze und die nur mit Anmeldung gibt, sind meist auch diese Plätze dann nicht einmal alle besetzt. Die Besucherzahlen sind zwar momentan wegen Corona besonders gering, doch gingen sie bereits in der Vergangenheit immer mehr zurück. Die Heimatzeitung hat dies zum Anlass genommen, um zurückzublicken und zu zeigen: Dies sah früher in Weichs mal ganz anders aus.

Als Beispiel dient die St. Martins Kirche von Weichs. Bei der Rückschau hat Anton Kollmair mit teils launigen Anmerkungen mitgeholfen. Der 81-Jährige ist zeitlebens hier zu Hause. Zeitlich handelt es sich bei seinen Erinnerungen überwiegend um die Nachkriegs- bis Mitte der 60er Jahre. „Da gab es werktags noch jeden Tag in der Früh eine Messe, wo vor dem Schulunterricht oft die Kinder von den Eltern hingeschickt wurden“, weiß Kollmair. Er erinnert sich noch gut daran, wie die Mädchen und Buben bei jedem Wetter auch aus Aufhausen und Ebersbach früh am Morgen manchmal recht durchnässt in die Kirche kamen.

Einen Vorabendgottesdienst am Samstag, so wie heute, gab es zwar nicht, dafür aber am Sonntag zusätzlich eine Frühmesse um 7 Uhr. Das sonntägliche Amt um 9 Uhr war dann in der Regel meist voll. Rechts und links vom Hauptaltar gab es damals noch eine seitliche kleine Empore. „Die Weichser nannten sie gerne ’Hennasteing’. Dort saßen die Armen Schulschwestern vom benachbarten Kloster“, sagt Kollmair. Sie kamen durch eine separate Türe hinter dem Altar, die es längst nicht mehr gibt, in die Kirche. Ganz vorne saßen immer die Mittelschülerinnen vom Kloster, im Weichser Volksmund „Klosterschwaiberl“ genannt.

Anton Kollmair erinnert sich an Gottesdienste von früher.

Vorne nahmen auch noch die Buben und Mädchen aus der Pfarrei Platz. Auf sie schaute nicht nur die Geistlichkeit, „sondern später oft auch Schwester Anastasia, ob sie ja alle ruhig sind“, erinnert sich Kollmair.

Für das Glockenläuten war Schwester Landuine, eine hagere, besonders gutmütige und herzliche Ordensfrau zuständig. Sie ließ die Kirchenglocken auch immer läuten, um ein aufkommendes Gewitter zu vertreiben, wie sie oft sagte.

In der Regel waren damals während der Gottesdienste in der Kirche die Frauen und Männer noch räumlich getrennt. Die linke Seite war vom weiblichen, die rechte vom männlichen Geschlecht belegt. Man war damals auch noch feiner als heute angezogen. Viele Frauen trugen Kopftücher oder Hüte. Die Männer kamen meist mit Anzug und Krawatte zur Kirche. Sogar die heranwachsende Jugend hatte oft einen „Selbstbinder“ um.

Die Burschen durften, nachdem sie die Kinderbänke vorne verlassen hatten, „später auf die Empore hinten beim Haupteingang. „Boar“ nennen diese heute noch viele Einheimische“, weiß Anton Kollmair. Dort war in der Mitte der mit Holzwänden abgetrennte Chorraum. Dahinter konnte die männliche Jugend auf ihren Platz rechts vom Chor gehen. Während es hier dann schon manchmal etwas „unruhiger wurde, und von der Chorschwester ermahnende Klopfzeichen zu hören waren, war es bei den älteren Herren, auf der linken Empore-Seite, in der Regel schon leiser“. Anton Kollmair, der früher mal im Kirchenchor sang weiß noch genau: „Da kam es schon vor, dass einer etwas eingenickt ist und ’gruasselt’ hat.“

Da kam es schon vor, dass einer etwas eingenickt ist und ’gruasselt’ hat.

Anton Kollmair

Manche Männer nahmen es mit der Dauer der Kirche nicht immer ganz so genau. Sie kamen regelmäßig zu spät, standen dann die ganze Zeit hinten und gingen gerne auch schon bei der Kommunion wieder. War die Kirche aus, gingen die Frauen am Sonntag, falls sie nicht in der Frühmesse waren, schnell nach Hause, um zu kochen.

Viele Männer, auch die aus den umliegenden Filialen und Weilern, trafen sich noch kurz vor dem Lechenbauer-Haus zu einem Ratsch, und gingen dann in eine der vier Wirtschaften, Bücherl, Beniwirt, Bräu, Schuhwastl, die es damals gab, zum Frühschoppen. Da wurde in der Regel auch viel gekartelt. Besonders das Watten gehörte damals einfach dazu, erinnert sich Kollmair. „Das Watten hat schon mal etwas länger gedauert, und das Mittagessen daheim musste etwas warten, was bei den Ehefrauen nicht immer gut ankam.“

Andere wiederum ließen sich nach dem sonntäglichen Kirchgang schnell noch beim „Bader“ die Haare schneiden, oder sie kauften bei den Krämereien noch etwas ein, auch wenn nicht offiziell geöffnet war.

Und wieder andere gingen zum Fußballplatz an der Glonn unten, wo meist am Sonntagvormittag die Jugend spielte. Jeden Sonntag fand dann auch noch am Nachmittag eine Andacht statt.

Im Winter war es oft hart: „Eine Heizung gab es in der Kirche noch nicht“, sagte Anton Kollmair. Der Pfarrer zelebrierte damals noch dem Altar zugewandt in Latein. Gepredigt wurde oft von der Kanzel. Manchmal wurden sogar drei Messen gleichzeitig gefeiert: vom Pfarrer am Hauptaltar sowie vom Benifiziaten und Kaplan oder Prälaten an den Seitenaltären. „Die Kirchenpfleger sammelten noch mit dem Klingelbeutel am langen Stab die Kollekten ein.“

Oft nahmen die Kirchenbesucher recht weite Wege auf sich. So erzählte früher eine mittlerweile bereits verstorbene Klosterschwester gerne davon, dass „sie jeden Sonntag als junges Mädchen mit dem Radl nach Weichs fuhr, beim Ertl dieses einstellte, und dann in die Kirche ging“. Sicher nur ein Beispiel von vielen. Auch die Heimatvertriebenen waren damals fleißige Kirchgänger.

Die Corona-Pandemie wird hoffentlich bald vergehen. Der Kirchenbesuch wird dann vermutlich aber auch nie mehr so sein, wie er Mitte des vergangenen Jahrhunderts war. Bleiben wird eher die Nachfrage zur Teilnahme an den Christmetten oder ähnlichen besonderen kirchlichen Anlässen. Dass es auch für diese speziellen Gottesdienste heuer begrenzte Besuchsmöglichkeiten gibt, und auch ohne Maske kein Einlass gewährt wird, das hätten sich die Vorfahren sicherlich nie träumen lassen.

Heinz Nefzger

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