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„Wie ein Schwerverbrecher abgeführt“ - Menschen in Hebertshausen sind entsetzt über Abschiebung

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Von: Christiane Breitenberger

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Moussa Nomoko
Moussa Nomoko wurde in Handschellen abgeführt. © Privat

Viele Menschen in Hebertshausen sind entsetzt. Wieder wurde über Nacht ein gut integrierter Geflüchteter plötzlich abgeschoben. Das Vorgehen des Landratsamts schockiert auch Asylhelfer Peter Barth und Bäckermeister Thomas Polz, die Konsequenzen ziehen.

Hebertshausen – Eigentlich sollte gestern ein freudiger Tag für Peter Barth aus Hebertshausen sein. Barth, der sich seit 2009 aktiv für die Integration von geflüchteten Menschen einsetzt, hätte dafür eigentlich beim Ehrenamtsempfang am Landratsamt Dachau eine Auszeichnung bekommen. Doch diese Ehrung will Peter Barth nicht, sieht sie als Farce. Denn: Einer seiner Schützlinge, den er seit acht Jahren betreut, wurde am Dienstag bei einem Termin im Landratsamt Dachau in Handschellen abgeführt und noch am selben Tag abgeschoben.

„Jeder beschreibt Moussa als einen perfekt integrierten jungen Mann.“

Moussa Nomoko ist heute 27, kam 2013 als Flüchtling nach Hebertshausen. „Egal, mit wem man spricht“, erklärt Peter Barth „jeder beschreibt Moussa als einen perfekt integrierten jungen Mann. Einen Mann, der sich immer eingebracht hat.“ Er machte eine Bäckerlehre in Petershausen, war dort sehr geschätzt. Praktisch lief alles perfekt. Es scheiterte an der Theorie. Die Ausbildung zählt somit nicht als abgeschlossen. „Moussa konnte weder schreiben noch lesen, als er zu uns kam“, betonte Barth. „Doch er strengte sich an, alles Nötige zu lernen, jeder Lehrer, der ihn privat unterrichtete, bescheinigt das.“

Für die Theorie reichte es trotzdem nicht. Doch fachlich überzeugte Moussa Nomoko nicht nur seinen Ausbildungsbetrieb Kloiber, der ihn nach der Lehre einstellte. Nun arbeitet er seit drei Jahren bei der Bäckerei Polz in Ampermoching. „Ein top Mann“, bescheinigt Bäckermeister Thomas Polz.

Hebertshausen: Gut integrierter Geflüchteter abgeschoben - Bäckermeister ist fassungslos

Der Bäckermeister ist fassungslos, dass er – schon wieder – auf diese Art einen Mitarbeiter über Nacht verloren hat. Moussa Nomoko hatte den Behörden zur Klärung seiner Identität seinen Pass vorgelegt. Doch weil Mali als sicheres Herkunftsland gilt, war es möglich, ihn jetzt abzuschieben – trotz Duldung und gültiger Arbeitserlaubnis. Das trifft Polz sehr hart. „Der hilft, ist zuverlässig, ehrlich. Es tut weh, dass er weg ist“, sagt er über seinen Mitarbeiter. Polz war in der Vergangenheit mit seinem Familienbetrieb für seine Integrationsarbeit ausgezeichnet worden. In dem Betrieb werden seit vielen Jahren Geflüchtete eingestellt und ausgebildet. Doch diesen Preis will er heute nicht mehr. Er betont: „Das hätten sie sich sparen können! Was ist denn das für eine Integration, wenn man gute Leute einfach so wegschickt.“

Nomoko habe seine eigene Wohnung, sorge selbst für seinem Lebensunterhalt

Nomoko habe seine eigene Wohnung, sorge selbst für seinem Lebensunterhalt. In einem Antrag, dass er in Deutschland bleiben darf, schrieb Nomoko ans Landratsamt Dachau: „Es ist mein Wunsch, nicht von staatlicher Unterstützung abhängig zu sein.“ Doch diesen Antrag lehnte das Landratsamt Dachau ab. Aus „willkürlichen Gründen“, wie Peter Barth betont. „Es wurde bei allen Punkten gegen Moussa Nomoko interpretiert.“ Die Tatsache, dass er stets mit einem Betreuer komme, zeige, er sei unselbstständig. Barth betont: „Das ist nicht, weil die Menschen unselbstständig sind, sondern weil sie Angst haben – zurecht, wie sich wieder zeigt!“

Fall in Hebertshausen erhitzt Gemüter: Landratsamt „mittlerweile eine Abschiebebehörde“

Auch bei dem Termin am Montag war ein Betreuer im Landratsamt dabei: Raimund Popp ist immer noch völlig geschockt, was er am Montag miterleben musste. „Ich war mir sicher, wir sprechen an dem Tag nochmal über alles – und dann wird er einfach wie ein Schwerverbrecher abgeführt – unmenschlich.“ Popp hatte noch kurz Zeit, um seinem Freund die wichtigsten Sachen zu bringen. Doch „ich durfte mich nicht einmal persönlich verabschieden“. Um 21 Uhr hörte er zum letzten Mal von Moussa Nomoko – er werde um 22 Uhr ausgeflogen. Seither erreicht er seinen früheren Schützling nicht mehr. Im Blick auf seine Arbeit im Helferkreis ist Popp frustriert. Das Landratsamt sei „keine Integrationsbehörde, das ist mittlerweile eine Abschiebebehörde“.

Geflüchteter nach Mali abgeschoben - Landrat beruft sich auf geltendes Recht

Mit diesem Eindruck ist Popp nicht allein. Die Fachanwältin für Migrationsrecht, Gwendolin Buddeberg, die Peter Barth in dem Fall um Hilfe gebeten hat, betont in einem Schreiben an Barth: „In den letzten Monaten hat das Landratsamt nach meinem Eindruck seinen bisher relativ menschlichen Umgang und eine flüchtlingsfreundliche Auslegung der geltenden Vorschriften quasi aufgegeben und verfolgt nun eine ähnlich harte Linie wie beispielsweise Freising und Erding.“

Landrat Stefan Löwl beruft sich in dem Fall auf „das geltende Recht“ und die „gängige Praxis, weil sich leider gezeigt hat, dass es anders nicht funktioniert“. Grundsätzlich sei er aber immer bereit zu schauen, „was möglich ist“. Er selbst würde gerne – zusammen mit den Helferkreisen „einen festen Fahrplan entwickeln“, wie man künftig die Abschiebetermine anders gestalten könnte – so dass Zeit bliebe, „seine Angelegenheiten zu regeln oder sich zu verabschieden“.

Am Dienstag war nichts davon möglich. Der Antrag von Moussa Nomoko sei aber keineswegs nur aus Gründen abgelehnt worden, die interpretationsfähig wären, sondern es habe faktisch etwas gefehlt, sagt Löwl. So ein Bescheid sei „selbstverständlich immer auch rechtlich überprüfbar, er kann dagegen klagen. Wenn wir einen Fehler gemacht haben sollten, dann kommt er wieder zurück“.

Hebertshausen: Bäckermeister bittet Landrat um Hilfe

Auch die Familie Polz hatte sich am Dienstag an Stefan Löwl gewandt und ihn „dringend um Hilfe“ gebeten. Löwl hat zu diesem Fall viele Mails bekommen, mit der Bitte, etwas zu unternehmen – auch von einem parteiinternen Kollegen. Der Hebertshauser Bürgermeister Richard Reischl adressierte sein Schreiben zudem an die Bundestagsabgeordnete Katrin Staffler und den Landtagsabgeordneten Bernhard Seidenath (alle CSU). Reischl ist enttäuscht von seiner Partei, entsetzt von dem, was am Dienstag passiert ist. „Wir tragen ja gerne offiziell das C für christliche Werte in unserem Parteinamen mit uns mit. Leider leben wir es nicht.“ Er fordert „endlich eine Umkehr von dieser Unverhältnismäßigkeit“.

Reischl will zusammen mit Peter Barth weiter kämpfen, dass Moussa Nomoko zurückkommen kann – falls er das noch will, nachdem was passiert ist. Doch das kostet wieder viel Zeit, Geld, Energie.

Ein Satz, den schon einige Helferkreismitglieder von Stefan Löwl gehört haben, ist: „Wir können ja nicht dauerhaft einen Haufen Hilfskräfte bei uns haben.“ Doch für Bäcker Thomas Polz ist Moussa Nomoko alles andere als ein Hilfsarbeiter. Bestandene Theorieprüfung hin oder her. „Er ist genauso eine Fachkraft wie ein Deutscher mit bestandener Gesellenprüfung.“ Und das sollte am Ende zählen: wie ein Unternehmen seinen Mitarbeiter sieht.

Lesen sie hier einen Kommentar zur Abschiebung von Moussa Nomoko

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