Den „Staatsfeind Nummer Eins“ zu Gast: Wolfgang Welsch besuchte die Elftklässler des ITG in Dachau, um ihnen von seiner Stasi-Haft zu berichten. Es waren Geschichten, die nicht oft genug erzählt werden können. Foto: kwo

Wolfgang Welsch: Ein Staatsfeind berichtet Dachauer Schülern über sein Martyrium

Dachau - Es gibt Geschichten, die erzählt werden müssen - so schwer es auch fällt. Die Lebensgeschichte des Widerstandskämpfers Wolfgang Welsch ist eine davon. Er reist von Schule zu Schule, um über die Verbrechen des SED-Staates zu berichten. Fakten, die nicht in Schulbüchern stehen. Fakten, die selbst 22 Jahre nach dem Mauerfall noch viel zu wenig bekannt sind.

Es ist mitten in der Nacht und stockdunkel, als Wolfgang Welsch von den Stasi-Mitarbeitern aus seiner Zelle gezerrt wird. Sie ziehen ihm ein Tuch über den Kopf, so dass er nichts sehen kann. Nur dass die Männer Stiefel tragen, kann der 20-Jährige hören. Und er weiß: Das ist kein gutes Zeichen. Er wird auf den Hof geschleppt, gestoßen und im Kreis gedreht, bis er vollkommen die Orientierung verloren hat. Plötzlich merkt er, dass er vor einer Wand steht. „Sie wollen mich erschießen“, glaubt er. Dann verwirft er den Gedanken sofort wieder. „Das kann nicht sein. Nicht in diesem Land. Nicht nach all dem, was hier während des Nationalsozialismus passiert ist.“

Es ist einer von vielen Momenten, in denen Wolfgang Welsch die Stasi unterschätzt hat. Die Männer beginnen, ihm sein Todesurteil vorzulesen, geben ihm die Möglichkeit, ein paar letzte Worte zu sagen. Er ist sprach- und fassungslos. Dann hört er den Befehl: „Feuer!“ Er schließt seine Augen. Nichts passiert. Es war eine inszenierte Scheinhinrichtung.

Heute kann Wolfgang Welsch über solche Situationen sprechen. Das hat lange gedauert, mehr als 15 Jahre. Heute berichtet er vor allem Schülern über Misshandlungen, Folter und Isolation, die er als politischer Häftling in Untersuchungshaft erdulden musste - so auch den Elftklässlern des Dachauer Ignaz-Taschner-Gymnasiums. Sie hören dem unscheinbaren Mann mit den wilden braunen Locken aufmerksam zu. Seine Geschichte, sie klingt unglaublich. Fast wie der Stoff für einen Hollywoodfilm. Tatsächlich ist die Lebensgeschichte von Wolfgang Welsch verfilmt worden. Allerdings in Deutschland unter dem Titel „Der Stich des Skorpions“.

Es ist die Geschichte eines Widerstandskämpfers, der zu fast zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde, nachdem er 1964 vergeblich versucht hatte, aus der DDR zu flüchten. „Das stand für mich immer fest“, berichtet Wolfgang Welsch. „Ich wollte nichts mehr, als dieses Land verlassen, in dem alle gleich waren und einige gleicher.“ Er war nicht der Einzige, der wie ein Schwerverbrecher gefangen gehalten wurde, nur weil er ein selbstbestimmtes Leben führen wollte.

Die Mitarbeiter der Stasi haben Welsch in den Jahren im Gefängnis viele physische und psychische Wunden zugefügt - seinen Widerstand gegen das SED-Regime konnten sie allerdings nicht brechen. Als er 1971 nach Bemühungen von Amnesty International von der Bundesrepublik freigekauft wurde, hatte ihn die Stasi bereits zu einem der größten Staatsfeinde der DDR erklärt.

Welsch war frei - und gleichzeitig auch nicht. Es dauerte lange, bis er gelernt hatte, mit den Erinnerungen an diese schlimmen Jahre zu leben. Er schrieb ein Buch und eine Dissertation über die Verbrechen des SED-Regimes, gab Fernsehinterviews über die Situation der Gefangenen und verfasste ein Memorandum gegen die Aufnahme der DDR in die Vereinten Nationen, das tatsächlich beim UN-Botschafter in New York landete. Er kämpfte weiter. Und er wurde weiter bekämpft.

Das Ministerium für Staatssicherheit eröffnete den Zentralen Operativen Vorgang „Skorpion“. „Ich sollte liquidiert werden“, erzählt Welsch. Wie durch ein Wunder hat er drei über Jahre geplante Mordanschläge überlebt. Eine Bombe, einen Scharfschützen, einen Giftanschlag. „Der vierte war in Planung“, erzählt er den Elfklässlern. „Und der Vierte wäre geglückt - wäre nicht im November 1989 die Mauer gefallen.“

Eines aber gibt es, dass für Welsch bis heute schlimmer ist als alle Folterverletzungen und Morddrohungen. Er wurde nicht nur von seiner eigenen Ehefrau, sondern auch von einem sehr guten Freund an die Stasi verraten. Letzterer war maßgeblich an zwei der drei Mordversuche beteiligt. Wolfgang Welsch konnte niemandem mehr trauen. Die Stasi hatte aus allen Freunden potenzielle Feinde gemacht.

„So etwas macht einen zu einem anderen Menschen“, sagt Welsch. Aus seinem Widerstand ist längst eine Lebensaufgabe geworden. Er reist quer durch das Land um über die Verbrechen der Staatssicherheit aufzuklären. Gerade junge Menschen, die so selbstverständlich in einer Demokratie aufgewachsen sind. „Was so normal aussieht, ist längst nicht so normal“, sagte er den Schülern des ITG am Ende seines Vortrags. „Es ist ein großes Geschenk, in einer Demokratie zu leben. Ein Geschenk, dass man verlieren kann.“

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