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Der wütende Isolationsschlauch

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Bierernste Miene und saulustige Speisekartenfehler: Axel Hacke präsentierte bei einer Lesung sein neues Buch. foto: cb
Bierernste Miene und saulustige Speisekartenfehler: Axel Hacke präsentierte bei einer Lesung sein neues Buch. foto: cb

Indersdorf - Axel Hacke präsentierte bei seiner Lesung das Skurrilste aus seinem neuen Buch. Und Rezepte, die keiner ausprobieren. sollte, der an seinem Leben hängt.

Axel Hacke steht auf Kochbücher. Während er sich gerade in der Bibliothek „Lust auf Klösse“ und „Iss dich schlank“ widmet, warten vor der Tür, in der Indersdorfer Schulaula, 230 Leute. Die wollen auch etwas über Essen hören - aber die Rezepte, die Hacke gleich vorliest, sollte keiner ausprobieren. Außer er hegt Todessehnsüchte.

Indisches Huhn gefällig? Ganz leicht: Kochen Sie sich drei Minuten auf Höhe und schmücken Sie sich dann mit Koreanderblättern. Oder Lust auf Türkisch? Hacke empfiehlt Pilav mit Leber und Wahnsinnigen. „Dazu müssen Sie nur die Rakete hacken, bevor sie alle Zutaten mischen. Und den Käse peitschen“. Die Indersdorfer zerlegt es nach diesen Sätzen. Und zwar komplett. Sie lachen nicht bloß, sie brüllen Hacke eher entgegen. Der macht aber keinesfalls ein „Ich-hab-grad-den-Brüller-des-Jahres-gerissen“-Gesicht.

Hacke sitzt auf seinem weißen Sofa auf der Bühne und schaut, als hätte er gerade Medizinstudenten erklärt, wo sie ihr Skalpell für einen Luftröhrenschnitt ansetzen müssen. Hochkonzentriert. Ernst. Seriös. Schließlich muss er erklären, wie es zu diesen Eigenartigkeiten kommt. Und das macht der Autor in seinem neuen Buch „Oberst von Huhn bittet zu Tisch“. Hacke präsentiert dem Publikum bei der Veranstaltung des Indersdorfer Kulturkreises eine völlig neue Sprache: das Speisekartendeutsch. Und zwar dort, wo es keine Grammatik, keine Rechtschreibung und vor allem keinen Sinn mehr gibt: im Übersetzungswahnsinnsland von Google.

Gerade ist Hacke in einem Pub in Irland. „Links auf der Karte steht ja immer die Landessprache und rechts dann etwas, das uns irgendwie bekannt vorkommt. Irgendwie zumindest“. Was sich dort findet, klingt zwar meistens nicht wie etwas, das gegen Hunger hilft, aber auf alle Fälle gegen Weltschmerz: In dem Pub in Dublin breitet sich Oberst von Huhn nämlich drastisch in einer Weißweinsauce aus. Der Grund dafür liegt beim übereifrigen Übersetzungsprogramm: „Das meint’s halt gut und nimmt für Supreme einfach Oberst“, sagt Hacke nachsichtig. Und das „Ausbreiten“ ist auch schnell gelöst: „Das Programm liebt es einfach, aus Nomen Verben zu machen“. Deswegen wird auf der Karte auch aus den Mushrooms (also den Pilzen) ein „sich ausbreiten“ (englisch: to mushroom). Und Hacke, der liebt das Programm für diesen Drang. Ohne den würde auf der Karte nämlich auch „der schokoladenbraune Blödsinnkuchen“ (englisch: chocolate fudge cake) fehlen.

Axel Hacke liebt noch einen anderen Drang des Übersetzungsprogramms: „Das Ding WILL übersetzen“. Ganz egal, ob das Wort in der Fremdsprache dieselbe Bedeutung hat, wie im Deutschen. „Der arme Computer kommt sich doch sonst nutzlos vor.“ Und dieser unerbittliche Übersetzzungsdrang macht eben aus Spaghetti keine Spaghetti sondern einen Isolationsschlauch. Klingt ja so schön deutsch. Und aus Spaghetti all’arrabbiata macht es dann natürlich einen wütenden Isolationsschrauch.

Aber Hackes Schätze finden sich nicht nur auf Speisekarten. Wenn man morgens auf dem Weg zur Arbeit etwas sieht, das man sofort aufschreiben will, muss es gut sein: Wie „die Morgenlatte für 1,50 Euro beim Bäcker in Pasing“. Hacke kriegt haufenweise Postkarten von Lesern mit solchen Großartigkeiten darauf - und hat die in seinem Buch gesammelt. Es sind die Irrtümer, die den tristen Alltag plötzlich in ein Schlaraffenland voller Lacher verwandeln.

Axel Hacke schaut immer noch todernst, wenn er seine Brüller raushaut, einige Damen im Publikum klingen dafür so, als würden sie zwischen dem Lachen das Luftholen nicht mehr schaffen. Hacke ist eben nicht nur Autor, sondern auch ein brillanter Unterhaltungskünstler.

Von Christiane Breitenberger

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