Mit ruhiger Hand bemalt Anita Lemgau die Uhrengehäuse.

Die Zeitarbeiter von Ottershausen

Ottershausen - Anita und Thomas Lemgau aus Ottershausen sind ganz besondere Zeitarbeiter. Seit Jahren restaurieren die beiden alte Uhren. Eine seltene Leidenschaft.

Zur vollen Stunde ist im Hause Lemgau der Teufel los. Die Schlagwerke unzähliger Uhren verkünden dann den Lauf der Zeit. Anita (63) und Thomas (66) Lemgau vereint ein ausgefallenes Hobby. Wann immer sie in ihrer Zweitheimat Frankreich sind, suchen sie auf Flohmärkten nach antiken Wanduhren und ausgefallenen Porzellanteilen.

Liebevoll und sachkundig werden die Fundstücke dann daheim restauriert. Diese sind oft bis zur Unkenntlichkeit verrostet und in großen Teilen kaputt. Doch wenn sie aus den Händen des Ehepaares Lemgau entlassen werden, strahlen sie wie am ersten Tag.

Vor 30 Jahren entdeckte Thomas Lemgau die Leidenschaft für antike Wanduhren - in Paris. Sein Beruf als Programm-Manager führte ihn und seine Ehefrau zwei Mal für insgesamt 15 Jahre in die Stadt der Liebe. Dort erwarben die beiden ihre erste Uhr auf einem Flohmarkt. Als diese ein paar Jahre später den Geist aufgab, war die Neugierde für Zahnräder und Uhren geweckt.

Autodidaktisch und mit sachkundiger Hilfe eines befreundeten Uhrmachers in Rheinfelden studierte Thomas Lemgau die Uhrenmechanik. Kiloweise Fachliteratur, nicht nur über Technik der Uhrwerke, sondern auch über Stilrichtungen, Zeit und Herkunft der antiken Stücke, halfen ihm bei seiner Weiterbildung. Seine Ersatzteile klaubte er früher mühevoll ebenfalls auf Flohmärkten zusammen. Heute schätzt er den Segen des Internets und wird oft bei ebay fündig - und hat inzwischen ganze Kisten voller Ersatzteiluhrwerke im Keller stehen.

Im Internet findet Thomas Lemgau oft auch tickende Raritäten. Auch hier beweist er eine sachkundige Hand. Nur ein einziges Mal hat er ein äußerlich sehr gut erhaltenes Teil mit völlig ruiniertem Innenleben erstanden. Mit kleinstem Spezialwerkzeug, Pinzette und Lupe werden verrostete Uhrwerke zerlegt. Ein Zahnrädchen nach dem anderen wird poliert, bis alles wie neu glänzt und funktioniert.

Sobald die Uhr wieder läuft, übernimmt Anita Lemgau. Ihre Fachliteratur umfasst mindestens die gleiche Regalbreite wie die ihres Mannes. Fachkundig restauriert sie mit Pinsel und Farbe das Uhrengehäuse und stellt die Originalbemalung nach Epoche und Herkunft wieder her.

„Jede Zeit und jede Gegend hat zum Beispiel ganz charakteristische Blüten gemalt. So kann man mit großer Wahrscheinlichkeit die Uhr datieren. Wichtig ist, dass diese Motive originalgetreu nachgearbeitet werden, sonst ist das Stück nichts mehr Wert“, erklärt die Malerin.

In den 80-er Jahren belegte sie zahlreiche Kurse in Porzellanmalerei, unter anderem in Meißen und in Sevres, wo sich die „Manufaktur und für Keramik und Porzellan“ mit angeschlossenem Museum befindet. Die anspruchsvolle Weiterbildung und ihr Talent machten sie zu einer Künstlerin ihres Faches. Wie ihr Ehemann arbeitet auch Anita Lemgau mit der Lupe, wenn sie mit ihrer Tuschefeder Miniaturlandschaften auf eine Kaffeetasse zaubert. Ihre Porzellankunst ist so begehrt, dass inzwischen in vielen Ländern der Welt ein Teil aus ihren Händen zu finden ist.

Wie viel Porzellan und wie viele Uhren sie in ihrem Haus haben, wissen Anita und Thomas Lemgau nicht genau. Das Schlagen zur vollen Stunde stört auch längst nicht mehr den Schlaf. Doch wenn in dem Gesamtorchester eines der zahlreichen Schlagwerke einmal ausfällt, hören sie das beide sofort und wissen auch genau, welche Uhr das ist.

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